Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Gedenken an 64.440 ermordete Juden#

Die Shoa-Gedenkmauer im Wiener Ostarrichipark wurde am Dienstag feierlich eröffnet.#


Von der Wiener Zeitung (8. November 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt


Auf 160 Steinelementen sind die Namen von 64.440 in der NS-Zeit ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden eingemeißelt.
Auf 160 Steinelementen sind die Namen von 64.440 in der NS-Zeit ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden eingemeißelt.
Foto: © APA, Herbert Neubauer

Heute jährt sich zum 83. Mal das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Österreich und Deutschland in der Nacht auf den 10. November 1938. Damals wurden jüdische Mitbürger ermordet, ihre Geschäfte geplündert, Wohnungen verwüstet und Synagogen angezündet. Politiker und Kirchenvertreter gedachten am Dienstag der Opfer und mahnten angesichts der aktuell zunehmenden antisemtischen Tendenzen zur Wachsamkeit.

"Es gilt, wachsam zu sein und die Stimme zu erheben", appellierte Bundespräsident Alexander Van der Bellen via Facebook und Twitter. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten sei "nicht vom Himmel gefallen. Er war schon zuvor in der österreichischen Gesellschaft sehr stark präsent." Aus Abwertung von Menschen sei Ausgrenzung, Entmenschlichung und Ermordung geworden, mit dem grausamen Endpunkt der Shoah. Heute wird jener gedacht, die "gedemütigt, gequält, vertrieben oder ermordet wurden, in Trauer, mit Demut - und mit Verantwortung". Verantwortung bedeute vor allem, "dass wir entschieden und entschlossen gegen jede Form der Menschenverachtung, des Rassismus und des Antisemitismus auftreten".

In der "Reichspogromnacht" vor 83 Jahren hatte sich der antisemitische Hass zu brutaler Gewalt verdichtet, eine erste Welle der Vernichtung brach über die Juden herein. "Uns Nachgeborene mahnt die Geschichte achtsam zu sein und uns jeglichem Antisemitismus und Rechtsextremismus entschlossen entgegenzustellen", erklärte Justizministerin Alma Zadić (Grüne). Sie hat mit Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) in Österreich die Schirmherrschaft für eine vom World Jewish Congress initiierten Videoaktion übernommen. In Wien und Linz werden in der Pogromnacht zerstörte oder nicht mehr existierende Synagogen durch Videoprojektionen digital rekonstruiert.

Van der Bellen wollte zum Gedenken eigentlich einen Kranz beim Mahnmal für die Opfer der Shoah niederlegen. Wegen der Coronainfektion einer Mitarbeiterin ist er allerdings im Homeoffice. Die Kranzniederlegung nahm an seiner Stelle Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) vor.

Shoah Namensmauer wird eröffnet#

Das Mahnmal im Ostarrichipark zwischen dem Alten AKH und der Nationalbank erinnert an über 64.000 in der NS-Zeit ermordete jüdische Menschen aus Österreich. Auf 160 Gedenksteinen sind die Namen von Kindern, Frauen und Männern eingraviert. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes wurde mit der Recherche der Namen und Geburtsdaten betraut.

Eröffnung der Shoah Namensmauern Gedenkstätte im Ostarrichipark.
Video: Bundeskanzleramt

20 Jahre lang hat der Holocaust-Überlebende Kurt Yakov Tutter für das Denkmal gekämpft. Als Neunjähriger flüchtete Tutter 1939 mit seiner Familie aus Wien nach Belgien. Seine Eltern wurden 1942 aus Brüssel nach Auschwitz deportiert. Nach ewigen Debatten über Standort und Finanzierung einigten sich der Initiator, Stadt und Bund auf ein Mahnmal im Ostarrichipark. 4,46 Millionen Euro - und damit fast die kompletten Kosten - kommen aus dem Bundeskanzleramt. Den Rest bezahlen die Bundesländer (600.000 Euro) und die Industriellenvereinigung (230.000 Euro). Das Mahnmal ist nicht der erste Ort in Wien, der der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt. Auf dem Judenplatz im 1. Bezirk steht etwa das Werk von Rachel Whiteread. Es zeigt eine in sich verschlossene Bibliothek. Das Mahnmal stieß im Jahr 2000 auf heftigem Widerstand. Die FPÖ mobilisierte dagegen. 2018 kam die türkis-blaue Regierung dem Wunsch von Tutter hingegen nach. Die FPÖ stand als Regierungspartei zunehmend in der Kritik, Antisemitismus innerhalb der Partei zu ignorieren.

Nach 15 monatiger Bauzeit wird das Mahnmal am Dienstagnachmittag eröffnet. Nach der Begrüßung durch Ministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) werden Bundeskanzler Alexander Schallenberg, Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (beide ÖVP), Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ), der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs Oskar Deutsch sowie Tutter Reden halten.

Kritik von Historikern#

Die Umsetzung der Gedenkstätte löste bei Historikerinnen und Historikern auch Kritik aus. Eine Namensmauer in dieser Form sei nicht mehr zeitgemäß. Das Projekt gedenke außerdem ausschließlich jener Menschen, die aufgrund der Nürnberger Gesetze verfolgt wurden. Politisch Verfolgte, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, Roma und Sinti würde es hingegen ausklammern. Mit dem Standort selbst ist auch Tutter unzufrieden. Er hätte sich ein Denkmal neben dem Parlament gewünscht. Wie der "Standard" am Montag berichtete, war an der Errichtung der Gedenkstätte ausgerechnet ein Unternehmen beteiligt, das in der NS-Zeit jüdische Zwangsarbeiter beschäftigte.

Am Dienstag erscheint außerdem eine breite Studie zum Thema Antisemitismus. Sie ist das Ergebnis einer hochrangig besetzten Konferenz die 2018 in Wien in Zusammenarbeit der Universität Wien mit der New York University, der Tel Aviv University und dem European Jewish Congress veranstaltet wurde. In fünf Bänden diskutieren 119 internationale Expertinnen und Experten das Phänomen des Antisemitismus. Sie beleuchten die Geschichte und das Wesen des Antisemitismus und geben basierend auf dieser Analyse konkrete Empfehlungen, wie Antisemitismus wirksam bekämpft werden kann.

Wiener Zeitung, 8. November 2021

Weiterfürendes#