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Die Wiener Reichskrone
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Abstract der Magisterarbeit:
Birgit Pryadko-Heise - vorgelegt bei Prof.Carsten-Peter Warncke, 2011 Göttingen

'Die Goldemailplatten der Wiener Reichskrone'#

Reichskrone
Die Krone des Römischen Reiches - Foto: KHM
Diese Arbeit widmet sich der Frage nach der Datierung der Teile der Wiener Reichskrone, die bisher als aus drei unterschiedlichen Teilen in der Forschung gesehen wird: Der oktogonale Reif, das Kronenkreuz und der Kronenbügel. Die Untersuchungsansätze der Arbeit sind eine 'Funktionale Analyse' aller Teile und der Gesamtkrone, der Reif wird bisher als das älteste Teil gesehen und kontrovers datiert. Die in vier der Platten eingearbeiten Bildemails wurden bisher gemeinsam mit dem Reif betrachtet, vereinzelt gibt es Datierungsversuche des Reifes anhand der Inschriften auf den Bildemails. Die Herangehensweise an die Datierung stützt sich nicht auf schriftliche Quellen, sondern ist streng objektbezogen. Im Laufe der Forschungsgeschichte zeigt sich eine unermüdliche Suche nach Schrift- und Bildquellen, die mit dem erhaltenen Objekt in Verbindung gebracht wurden. In vielen dieser Quellen wird jedoch das markanten Merkmal, 'die achteckige Form' nicht erwähnt oder dargestellt.

Der Ansatz dieser Arbeit ist die strenge Ablehnung aller Wort- und Bildzeugnisse zu Kronen, die kritischen Ansprüchen nicht standhalten.
Die mit dem Objekt in Verbindung gebrachten Bildquellen werden kritisch überprüft und in Frage gestellt. Die ersten nach diesem Verfahren standhaltenden Quellen der Wiener Reichskrone stammen von Albrecht Dürer um 1500. Die Forschungsgeschichte wird bis heute von der Ottonen-Hypothese dominiert, die Forscher Fillitz, Decker-Hauff und Schramm brachten diese Anschauung nach dem Krieg auf und setzten damit eine Datierung des Reifes in die Zeit der Ottonen weitgehend durch. Gegen diese Frühdatierung des Kronreifes regten sich seitdem zahlreiche Proteste. Die stilistische Untersuchung Schulze-Dörlamms 1991 wurde von Sympathisanten der Ottonen-Fraktion erneut zurückgewiesen. 1997 datierte Schaller nach den Inschriften der Emails den Reif in die Zeit Konrads des III. Von historischer Seite mehrten sich kritische Stimmen bezüglich der angeführten Schriftquellen zur Stützung der Kronendatierung (zuletzt Mentzel-Reuters 2004). 2008 beschäftigte sich die Mediävistin Eckenfels-Kunst in einer Untersuchung über ottonische Emails mit der Wiener Reichskrone und vermutet eine Wiederverwendung der Email, die sie zweifelsfrei aus dem Bestand der ottonischen Emails aussonderte. Anschließend wird die Argumentation Fillitz's und Decker-Hauffs zusammengefasst und entkräftet, anhand einer Kritik des grundlegenden Aufsatzes von 1955 in Herrschaftszeichen und Staatssymbolik. Der maßgebliche Aufsatz vermutet im Kronreif eine Zahlensymbolik, die Zählungen der Steine und Perlen erweisen sich als falsch.(siehe Leseprobe).
In der funktionalen Analyse möchte diese Arbeit, anders als bisherige Forschungsansätze, die singulären Merkmale hervorheben, anstatt nach Ähnlichkeiten und Entsprechungen zu suchen. Dabei geht es zunächst um die Funktionalität des ganzen Objekts und schließlich im Einzelnen um die Teile Reif, Bügel, Kreuz und die Emails. Von Innen sind zwei Eisenreifen angebracht, die Krone ist achteckig und hat Ausmaße, die ein Tragen sehr erschweren. Nur durch eine Unterkonstruktion und die Eisenringe ist ein Tragen überhaupt möglich, der Bügel allein konnte das achteckige mit Scharnieren versehene Objekt nicht stabilisieren. Als singuläres Merkmal treten besonders die Durchbrüche hinter den Steinen und Perlen auf, aus funktionalem Aspekten erscheint diese aufwendige Arbeit beim Tragen sinnlos. Die Halterungen des Bügels verdecken diese Öffnungen.
Die Emails haben anders als die acht rundbogigen Elemente Einzüge und sind unsorgfältig und formabweichend befestigt. Hinter einem Email ist Holz sichtbar. Zusätzlich zu diesen Beobachtungen stützt sich die Arbeit auf einen unveröffentlichten Bericht der Restauratorin des KHM von 1986, diese sieht die Emails unfachmännisch und nachträglich eingesetzt an. Am Bügel befindet sich ein notdürftig reparierter Bruch, die tragende Eisenstange ist Hinweis auf eine Wiederverwendung des Bügels. Beim Kronenkreuz fällt besonders die provisorische Befestigung auf und die Disfunktionalität des Niellos der Rückseite, das heute vom Bügel halb verdeckt wird, eine Wiederverwendung liegt nahe. Anschließend weist die Arbeit auf eine abweichende Karatangabe für die Emailplatten von 24 Karat bei Murr 1787 hin, die in der Literatur seitdem nicht mehr auftaucht ( bekannt: Reif 21, Kreuz 21, Bügel 19) und betont die Notwendigkeit einer neuen Untersuchung.
Das nächste Kapitel untersucht die erhaltenen Abbildungen der Krone von Dürer. Insbesondere die 1938 entdeckten Brustbilder werden für die Untersuchung akzeptiert. Im Anschluss werden die relevanten Ausschnitte der kolorierten Stiche Delsenbachs, die aquarellierte Kronenzeichnung Dürers, der Wiener Kniestücke (statt der Nürnberger Kaiserbilder), der Brustbilder des DHM in allen erkennbaren Einzelheiten der Krone verglichen. Bei diesem Vergleich werden zahlreiche Unterschiede deutlich, die scheinbar Veränderungen am Objekt dokumentieren. In der Edelsteinanordnung bis hin zur Steinfarbe gibt es starke Abweichungen, auch bei den Fassungen. Gerade, wenn man berücksichtigt, dass Albrecht Dürer selbst zunächst Goldschmied gelernt hatte und sogar Modellzeichnungen für Objekte fertigte, kann man diese Unterschiede nicht mit zufälliger Ungenauigkeit der Wiedergabe erklären. Gerade die Abweichungen, die bei Darstellungen Dürers deutlich werden machen eine Neubewertung dieser Teile des Dürerwerkes notwendig und können alte Forschungsdiskurse lösen.
In einem Fazit stellt die Arbeit die Ergebnisse der funktionalen Analyse und des Bildervergleichs gegenüber, erstaunliche Parallelen werden sichtbar. Nun erst führt die Arbeit zum geplanten Thema zurück. Die Motive der Emails wurden von Dürer nie korrekt wiedergegeben, sondern differieren in der Bildauffassung erheblich, ohnehin sind nur die beiden vorderen Emails zu sehen. Anhand der Bilddarstellungen sind die Emails nach 1514 eingesetzt worden, sie haben demnach keinen Einfluss auf die Gesamtdatierung des Reifes. Die Anordnung und die Art des Bildprogramms wird kritisch betrachtet und anhand spezieller Details (Christusplatte Flügelspitze rechter Engel) wirft die Arbeit die Möglichkeit einer Nachemaillierung alter ausgekratzter Emails auf, denen die Bildunterschriften hinzugefügt wurden. Nach Eckenfels-Kunst handele es sich bei der Email-Technik um eine seltene Mischform, die Technik der Inschriften weiche von der Technik der Bilder ab. Eine computertomographische Untersuchung der gesamten Krone wird ausdrücklich empfohlen. Die Wiener Reichskrone wurde in Nürnberg aus alten Teilen zusammengesetzt, die historischen Hintergründe kann diese Arbeit nur anreißen.

Birgit Heise
Bruchtorstr. 3
37586 Dassel
Tel. 01577 3277854

--> Volltext: Birgit Heise, Magisterarbeit "Die Wiener Reichskrone" - Zugriff geschützt

--> Peter Diem, Die Kleinodien des Römischen Reiches

--> Die Reichskleinodien im Austria-Forum

--> Die Reichskleinodien in der Wikipedia

--> Eine Darstellung aus der Zeit des "Dritten Reiches"