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Das Projekt des „Gemeinsamen Österreichisch-Tschechischen Geschichtsbuches“
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Von Hildegard Schmoller und Niklas Perzi#

Das Projekt#

„1989“ waren die Menschen in Europa voller Euphorie über die Ereignisse rund um den Zusammenbruch des Kommunismus und die neu gewonnenen Freiheiten im „Osten“. Doch schnell zeigte sich, dass Stereotype und Feindbilder auch die lange Zeit des Kalten Krieges überstanden hatten und über Jahrzehnte tabuisierte Themen in Ost und West sich neue Bahnen brachen. Auch die Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechischen Republik trübten sich zusehends ein bis sie rund um die Jahrtausendwende einen absoluten Tiefpunkt erreichten. Es seien hier nur die Diskussionen um die Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes Temelín und der unter der Chiffre „Beneš-Dekrete“ zusammengefasste Themenkomplex rund um die Enteignung, Vertreibung und Zwangsaussiedlung der sog. Sudetendeutschen angeführt. Es zeigte sich klar, dass in beiden Gesellschaften trotz der so lange gemeinsamen ver- aber unterschiedlich erlebten Geschichte und aufgrund der unterschiedlichen Einbeziehung in die „Blöcke“ kaum Kenntnis über den jeweils anderen vorhanden ist. Das in Folge der „Wende“ begründete „Österreichisch-Tschechische Dialogforum“ mit seinem Mitinitiator Přemysl Janyr wollte diesem Nichtwissen etwas entgegensetzen und schlug die Erstellung eines Buches vor, das sich der gemeinsamen und trennenden Geschichte besonders im 20. Jahrhundert widmen sollte.

Die "Ständige Konferenz"#

Die 2009 von den damaligen Außenministern Österreichs und Tschechiens, Michael Spindelegger und Jan Kohout ins Leben gerufene und seitdem von den beiden Außenministerien organisatorisch und finanziell unterstützte „Ständige Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe“ (SKÖTH), (Vorsitzende: Stefan Newerkla/Luboš Velek) nahm das Projekt in ihren Arbeitsplan auf. Nach umfangreichen Finanzierungsverhandlungen sagten schließlich 2014 das federführende Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA), das Bundesministerium für Bildung und Frauen (BMBF) sowie die Bundesländer Niederösterreich, Oberösterreich und Wien die Finanzierung zu. Auch der Zukunftsfonds der Republik Österreich konnte als Fördergeber gewonnen werden. Auf tschechischer Seite erfolgt die Finanzierung durch das Außenministerium (MZV ČR), das Schulministerium (MŠMT ČR) und die Kreise Südmähren und Vysočina. Schließlich konnte das Projekt, institutionell verankert am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung (INZ) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie am Masaryk-Institut (MUA AV) der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, 2015 gestartet werden. Zu Projektkoordinatoren wurden von der SKÖTH auf österreichischer Seite die Historiker Niklas Perzi und Hildegard Schmoller, auf tschechischer Seite Ota Konrádund Václav Šmidrkal bestellt.

Zeitplan und geplante Produkte#

Als Ergebnisse werden Anfang 2018 ein umfangreich illustriertes, den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand berücksichtigendes, etwa 500 Seiten starkes „Gemeinsames Österreichisch-Tschechisches Geschichtsbuch“ in tschechisch- als auch in deutschsprachiger Version vorliegen, dessen Fokus auf der gemeinsame und trennende Geschichte der böhmischen Länder und Österreichs im 20. Jahrhundert liegt und die interessierte Öffentlichkeit erreichen soll. Darüber hinaus wird eine 50-seitige Broschüre, die eine Zusammenfassung des Buches darstellt, in beiden Sprachen erarbeitet. Ein äußerst wichtiger Teil des „Geschichtsbuchprojektes“ sind die Lehrmaterialien, die für 11-18jährige in Form von Unterrichtseinheiten und Projekttagen von zwei Didaktikern auf Grundlage des „Geschichtsbuches“ erarbeitet werden.

Im Rahmen der SKÖTH wurden auf Vorschlag der Koordinatoren die Themen und AutorInnen festgelegt sowie die inhaltlichen Schwerpunkte diskutiert. Die einzelnen Kapitel werden von AutorInnenteams, die jeweils mit ExpertInnen aus Österreich und Tschechien besetzt sind, verfasst. Insgesamt arbeiten über 20 AutorInnen an 11 Kapiteln, deren Fokus auf den Entwicklungen des 20. Jahrhundert liegt. Das Einstiegskapitel, verfasst von Hanns Haas, Luboš Velek und Lukáš Fasora, widmet sich dem „Zusammenleben“ in der Habsburgermonarchie, da ohne dieses Vorwissen die nachfolgenden Entwicklungen in den 1918 etablierten souveränen Staaten nicht zu verstehen ist.

Weitere Historikerteams bearbeiten folgende Themen:
  • Richard Hufschmied u. Rudolf Kučera: Zerfall und Untergang: Die Doppelmonarchie im Ersten Weltkrieg
  • Stefan Eminger, Ota Konrád u. Jaroslav Šebek: Zwischen den Kriegen: Österreich und die Tschechoslowakei 1918–1938
  • Petr Koura u. Arnold Suppan: Zeit der NS-Herrschaft und David Schriffl u. Tomáš Dvořák: Die Nachkriegsordnung 1945–1948
  • David Schriffl u. Václav Šmidrkal: In gegnerischen Lagern des Kalten Krieges – Die 1950er und 1960er Jahre
  • Niklas Perzi u. Václav Šmidrkal: Die lange 1970er Jahre: Die Sattelzeit an der Systemgrenze zwischen Ost und West
  • Miroslav Kunštát u. Hildegard Schmoller: Revolution, neoliberale Wende und europäische Integration (1986–2004)

Darüber hinaus gibt es zwei Themenblöcke, die als Querschnittsmaterie den gesamten Zeitraum umfassen.

  • Ein Beitrag widmet sich den „destruktiven Nationalisten“, „demokratischen Patrioten“ und „helfenden Cousins“: Stereotype und Narrative in der tschechisch-österreichischen Wahrnehmung, verfasst von Walter Reichel und Václav Petrbok
  • David Kovařik, Sandra Kreisslová u. Niklas Perzi: Leben an der Grenze – Leben mit der Grenze

Diskussionsprozess#

Eine weitere Besonderheit bei der Entstehung der Publikation ist der im Herbst 2015 und Frühjahr 2016 durchgeführte öffentliche Diskussionsprozess. Es fanden je vier öffentliche Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen in Österreich und Tschechien statt, bei denen das „Österreichisch-Tschechische Geschichtsbuch“ vorgestellt wurde und die gemeinsam erarbeiteten Thesen und Themen einer breiten Öffentlichkeit präsentiert und mit dieser diskutiert wurden. Die dabei gewonnen Anregungen und Ergänzungen werden von den AutorInnen in ihre Beiträge nach Möglichkeit einbezogen. Bei der ersten Diskussionsveranstaltung in Wien zeigte sich, dass gerade das Thema Kunstgeschichte und Kulturbeziehungen Österreichs und der böhmischen Länder für viele Besucher von großem Interesse war. Dies wurde von den Koordinatoren als Anregung für ein eigenes Kapitel aufgenommen, dass in Folge von Hanns Haas und Suzanne Kříženecký verfasst wurde.

Dr. Hildegard Schmoller studierte in Wien und Prag Geschichte und Politikwissenschaft. Seit 2015 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist gemeinsam mit Niklas Perzi auf österreichischer Seite für die Durchführung des Projekts "Gemeinsames Österreichisch-Tschechisches Geschichtsbuch" verantwortlich. Ihre mit mehreren Preisen ausgezeichnete Dissertation verfasste sie über das Münchner Abkommen als tschechischer Gedächtnisort.

Forschungsschwerpunkte sind:
  • Erinnerungskulturen und kollektives Gedächtnis
  • Visuelle Medien
  • Genderforschung
  • Ostmittel- und Südosteuropa, im Speziellen die Tschechoslowakei und ihre Nachfolgestaaten
  • Neuere Geschichte und Zeitgeschichte mit Schwerpunkt 20. Jahrhundert
Zuletzt erschienen:
  • Kunštát, Miroslav; Šebek, Jaroslav; Schmoller, Hildegard (Hg.): Krise, Krieg und Neuanfang. Österreich und die Tschechoslowakei in den Jahren 1933-1948. (=Schriftenreihe der Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe. Bd. 2), LIT-Verlag Wien 2017