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vom 20.01.2019, aktuelle Version,

ATIB Union

Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich
Avusturya Türk İslam Kültür ve Sosyal Yardımlaşma Birliği
(ATIB Union)
Zweck: Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen türkisch-islamischen Moscheegemeinden
Vorsitz: Nihat Koca
Gründungsdatum: 1990/1991
Mitgliederzahl: über 60 Vereine
mit rd. 100.000 Mitgliedern[1]
Sitz: Wien
Website: www.atib.at

Die ATIB Union (türkisch Avusturya Türkiye İslam Birliği, deutsch „Türkisch-Islamische Union in Österreich“), oftmals auch nur ATIB und offiziell „Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“,[2] ist ein bundesweiter Dachverband von über 60 eigenständigen türkischen Vereinen mit etwa 100.000 Mitgliedern (Stand 2017) für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen türkisch-islamischen Moscheegemeinden in Österreich. Sprecher ist Selfet Yilmaz (Stand Anfang April 2017).[1]

Der Verein ist aufgrund verschiedener Aktivitäten und der engen Verbindung mit der Türkei umstritten und wird als verlängerter Arm Erdogans in Europa gesehen.[3]

Verband mit Sitz in Wien-Favoriten (Sonnleithnergasse 20) wurde 1990 gegründet[4] und ist seit dem 7. September 1991 ein eingetragener Verein,[2] wobei einige Niederlassungen schon vorher in Österreich operativ tätig waren, beispielsweise ATIB Landeck ab 1987.[4] ATIB Union, mit Abstand der größte muslimische Verband Österreichs, ist seit 2011 Mitglied der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ)[4] und stellte mit Ibrahim Olgun zwischen 2016 und 2018 auch den Präsidenten.[5]

Der Verband vertritt den sunnitischen Islam der hanafitischen Rechtsschule und stellt staatliche Imame und 9 Seelsorgerinnen aus der Türkei seinen Moscheegemeinden zur Verfügung.[4] Analog zur Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DİTİB) in Deutschland gilt der Verband als Auslandsarm der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet[6] und ist der türkischen Botschaft weisungsgebunden.[4] Obmann der ATIB Union ist Nihat Koca.

Der Verein betreibt zu gleichen Teilen mit dem Verein „Zentrum für Soziale Unterstützung in Österreich“ seit 2012 das Unternehmen ATIB Union GmbH mit Sitz in Wien-Favoriten, Sonnleithnergasse 20. Unternehmenszweck sind Bestattungen und Gastronomie.[7]

Kulturzentrum Dammstraße

Das Hauptgebäude des ATIB-Kulturzentrums Dammstraße

Nachdem ATIB 1996 das 1500 m² große Grundstück eines alten Fabrikgeländes an der Adresse Dammstraße 37 im 20. Wiener Gemeindebezirk erworben hatte, wurde darin ein Gebetsraum, ein Speisesaal, ein Supermarkt und weitere Räumlichkeiten eingerichtet. Ein Ausbau wurde von der SPÖ Brigittenau und ihre Bezirksvorstehung wegen „über 1.000 zu erwartenden Besuchern (…) eine nicht zu vertretende Belastung für die Anrainer dar(stellt)“ untersagt. Nach elf Jahren wurden neuerlich Ausbaupläne für eine Genehmigung eingereicht, um Raum für einen Kindergarten für dreißig Kinder, Seminarräume, zwei Dienstwohnungen und Veranstaltungsräume zu schaffen. Es bildete sich dann eine Bürgerinneninitiative gegen diese Ausbaupläne.[8] Diese Ausbaupläne wurden dann 2008/9 genehmigt. Eine Demonstration gegen diese Genehmigung wollten dann Die Grünen und SOS Mitmensch wegen „akuter Gefahr“ nationalsozialistischer Wiederbetätigung verbieten lassen[9], erst nach dem Auffliegen der Kinderkriegsspiele im Jahre 2018 kam es zu einer medialen Rehabilitierung der Bürgerinitiative.[10] Damals war jedoch bereits (im Jahr 2013) der Umbau beziehungsweise die Erweiterung um rund 2,8 Mio. Euro erfolgt. Dabei war unter anderem auch ein fünfgeschossiges Gebäude straßenseitig errichtet worden.[11]

Kritik

ATIB steht seit Jahren wegen seiner Nähe zur türkischen Regierungspartei AKP und als „der österreichische Arm des Amtes für Religiöse Angelegenheiten der türkischen Regierung“ in der Kritik.[12] Als die Evolutionstheorie aus den türkischen Lehrplänen gestrichen wurde, kritisierte ATIB zunächst diese Entscheidung, nahm die Kritik auf Druck der Türkei jedoch umgehend wieder zurück.[13]

Auch wird die Verhinderung der Integration durch ATIB kritisiert, da durch den Verein Moslems in der Durchsetzung islamischer Hardliner-Positionen etwa im Schulumfeld bestärken würden.[14] Aus einer Nachmittagsschule für Korankurse des Vereins in Wien-Brigittenau wurden Bilder publik, die kleine Mädchen im Alter von neun Jahre mit einem Kopftuch zeigen.[15]

Im Mai 2018 wurde bekannt, dass ein vom „Bildungs- und Forschungsinstitut Nokta“, einem Unterverein von ATIB, betriebener Kindergarten seit 2009 nach einem türkisch-nationalistischen und islamistischen Konzept unterrichtete. Konkret wurden Kindern „türkische Wertvorstellungen sowie die türkische Kultur altersgerecht vermittelt“. Das pädagogische Konzept des Kindergartens war der Magistratsabteilung 11 (Amt für Jugend und Familie) bekannt und wurde erst im Jahr 2017 auf deren Verlangen geändert.[16]

Kriegsspiele

Im April 2018 wurde bekannt, dass in der Wiener ATIB-Moschee in der Dammstraße im März 2018 Buben im Rahmen einer Nachstellung der Szenen aus der Schlacht von Canakkale in Tarnuniform exerzieren mussten und Mädchen die türkische Fahne schwenkten.[17] Dies wurde quer über alle politischen Lager und von der Islamischen Glaubensgemeinschaft scharf kritisiert.[18] Später wurde bekannt, dass zumindest auch im Jahr 2016 bereits Kriegsspiele mit Kindern stattgefunden hatten. Fotos zeigen Kinder, die tote Soldaten spielen mussten und mit türkischen Fahnen zugedeckt waren.[19]

Ähnliche Veranstaltungen fanden auch in Moscheen des deutschen Schwesterverbands DITIB, der wie ATIB der türkischen Religionsbehörde untersteht, in Deutschland statt. In Herford mussten am 18. März 2018 Kinder in Militäruniformen mit Spielzeuggewehren in der Hand exerzieren, was auch mit einem über WhatsApp verbreiteten Video dokumentiert wurde.[20] Auch aus Moscheen in Mönchengladbach und Ulm wurden Fotos derartiger Kinderkriegsspiele bekannt.[21]

Integrationsexperten sehen in diesen bekanntgewordenen Aktivitäten keine Einzelfälle und sprechen von einer Fülle gleicher oder ähnlicher Veranstaltungen, wo Kinder für Propaganda instrumentalisiert würden.[22] Daher wird auch die Kontrolle ATIBs durch den Verfassungsschutz gefordert.[23] Das Kultusamt ermittelt wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Islamgesetz in drei Punkten: Verstoß gegen die „positive Einstellung zu Gesellschaft und Staat“, wegen der Behinderung der Entwicklung der Kinder sowie wegen verbotener Finanzierung aus dem Ausland. Als mögliche Konsequenz aus den Verstößen sind Konsequenzen bis hin zur Auflösung des Vereins möglich.[24]

ATIB als türkischer Nachrichtendienst

Die österreichische Staatsanwaltschaft ermittelt seit Anfang 2017 nach § 256 des Strafgesetzbuchs (Geheimer Nachrichtendienst zum Nachteil Österreichs) gegen ATIB. Hintergrund ist die angebliche Bespitzelung von Gülen-Anhängern, Kurden und Erdogan-Kritikern in Österreich im Auftrag der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Peter Pilz legte in diesem Zusammenhang ein Schreiben des türkischen Religionsattachés in Salzburg vor, das im Namen des Religionsattachés der türkischen Botschaft und ATIB-Präsidenten Fatih Mehmet Karadas an die türkische Religionsbehörde Diyanet übermittelt worden sein soll. Sinngemäß heißt es darin, dass ATIB verdächtige Personen ausgeforscht habe und Maßnahmen gesetzt habe, deren Einfluss in Österreich zu minimieren. Auch bei der deutschen Schwesterorganisation DITIB wird wegen Spionageverdachts ermittelt, im Februar 2017 fanden dort auch Hausdurchsuchungen statt.[25]

Im Juni 2018 wurde von ATIB der Verdacht der Regierung, das Imame des Vereins rechtswidrig aus dem Ausland finanziert würden, bestätigt.[26]

Die geheime nachrichtendienstliche Tätigkeit ATIBs könnte auch zur Auflösung des Vereins führen.[27]

Kulturzentrum „Rappgasse“ in Wien-Floridsdorf

Einzelnachweise

  1. 1 2 ORF-Online: Türkischer Dachverein ATIB will sich neu aufstellen; abgerufen am 4. April 2017
  2. 1 2 Bundesministerium für Inneres: Zentrales Vereinsregister (ZVR-Zahl 657301787)
  3. Oberösterreichische Nachrichten: ATIB: Der verlängerte Arm Erdogans in Österreich. 8. Juni 2018 (nachrichten.at [abgerufen am 8. Juni 2018]).
  4. 1 2 3 4 5 Universität Wien (Institut für Bildungswissenschaft – Islamische Religionspädagogik): Islamische Vereine und Moscheen in Österreich (Memento des Originals vom 5. Juli 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.islam-landkarte.at; abgerufen am 23. März 2017
  5. Wiener Zeitung: Der Präsident und der Scherbenhaufen; abgerufen am 23. März 2017
  6. Die Presse: ATIB: Kultur-Verein oder Islamisten-Hort?; abgerufen am 23. März 2017
  7. Firmen-ABC: ATIB Union GmbH; abgerufen am 4. April 2017
  8. Jana Kübel: „moscheeade oder moschee.at?“; Dissertation, Universität Wien, 2008 (PDF-Datei)
  9. Wiener Zeitung: Moschee-Ausbau: Eskalation droht 15. Mai 2009; abgerufen am 18. April 2018
  10. Barbara Mader, Daniel Melcher: Imam suspendiert, Kritiker sehen sich bestätigt. 21. April 2018 (kurier.at [abgerufen am 24. April 2018]).
  11. Die Presse: Spatenstich: Islamisches Kulturzentrum entsteht; abgerufen am 19. April 2018
  12. Stefan Kaltenbrunner: Interview: Der neue IGGiÖ-Präsident und der Einfluss des türkischen Vereins Atib. 20. Juni 2016 (kurier.at [abgerufen am 18. April 2018]).
  13. Bilal Baltaci: Muslime-Chef Olgun lehnt nach Protest die Evolutionstheorie doch ab. 21. Juli 2017 (kurier.at [abgerufen am 18. April 2018]).
  14. Evelyn Peternel: Wenn Papa das Kopftuch anschafft. 6. April 2018 (kurier.at [abgerufen am 18. April 2018]).
  15. Karl Oberascher, Johanna Kreid, Yvonne Widler: Die islamischen Schattenschulen. 3. März 2017 (kurier.at [abgerufen am 18. April 2018]).
  16. Neue Vorwürfe gegen einen Atib-Kindergarten in Wien. 5. Mai 2018 (kurier.at [abgerufen am 7. Mai 2018]).
  17. Michaela Reibenwein, Stefanie Rachbauer: Atib-Moschee in Wien: Kinder mussten in Uniform exerzieren. 17. April 2018 (kurier.at [abgerufen am 17. April 2018]).
  18. Kinder exerzierten in Tarnuniformen in Wiener Atib-Moschee. In: Die Presse. 17. April 2018 (diepresse.com [abgerufen am 17. April 2018]).
  19. Atib-Moschee: Kinder mussten als Leichen posieren. In: Die Presse. 18. April 2018 (diepresse.com [abgerufen am 18. April 2018]).
  20. WELT: Herford: Moschee lässt Kinder Krieg spielen – Vorladung vom Bürgermeister. In: DIE WELT. 13. April 2018 (welt.de [abgerufen am 18. April 2018]).
  21. DerWesten - derwesten.de: Kein Einzelfall: Kinder marschieren in Militäruniform durch Ditib-Moschee. 18. April 2018 (derwesten.de [abgerufen am 19. April 2018]).
  22. Kinder in Tarnanzügen: „Keine Einzelfälle“. 18. April 2018 (orf.at [abgerufen am 19. April 2018]).
  23. Güngör: „ATIB gehört vom Verfassungsschutz kontrolliert“. 18. April 2018 (kurier.at [abgerufen am 19. April 2018]).
  24. ATIB-Moschee: Kultusamt leitete Verfahren ein. In: Neues Volksblatt. 18. April 2018.
  25. Marina Delcheva: Weitere Ermittlungen gegen Moscheendachverband. In: Österreich Politik – Nachrichten – Wiener Zeitung Online. 15. Februar 2017 (wienerzeitung.at [abgerufen am 7. Mai 2018]).
  26. Tiroler Tageszeitung Online: Maßnahmen der Regierung: ATIB bestätigt Auslandsfinanzierung | Tiroler Tageszeitung Online - Nachrichten von jetzt! In: Tiroler Tageszeitung Online. 8. Juni 2018 (tt.com [abgerufen am 8. Juni 2018]).
  27. Christian Böhmer: Wie Atib doch noch aufgelöst werden könnte. 28. April 2018 (kurier.at [abgerufen am 7. Mai 2018]).