unbekannter Gast
vom 04.01.2017, aktuelle Version,

Albrecht Dihle

Albrecht Gottfried Ferdinand Dihle (* 28. März 1923 in Kassel) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Klassischen Philologen seiner Generation.

Leben

Nach dem Abitur am Max-Planck-Gymnasium in Göttingen diente Dihle 1940–1942 als Soldat im Zweiten Weltkrieg und wurde schwer verwundet. 1942 bis 1945 studierte er an der Universität Göttingen und an der Universität Freiburg Klassische Philologie. Einer seiner prägendsten und wegweisenden Lehrer war neben Kurt Latte[1] der Byzantinist und Christliche Archäologe Alfons Maria Schneider, dessen „umfassende Gelehrsamkeit und ausgedehnte Sprachkenntnisse, einzigartige Vertrautheit mit den Monumenten und Territorien des Oriens Christianus sowie Scharfsinn, Ideenreichtum sowie enorme Arbeitsenergie“ er rühmt.[2] 1946 wurde er in Göttingen mit der Arbeit Λαός, ἔθνος, δῆμος. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Volksbegriffs im frühgriechischen Denken promoviert, die ebenso wie die 1950 abgeschlossene Habilitationsschrift Studien zur byzantinischen Metrik und Rhythmik lediglich maschinenschriftlich vorliegt. Nachdem er 1956 zum außerplanmäßigen Professor ernannt worden war, folgte er 1958 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Gräzistik an der Universität zu Köln. 1974 nahm er den Ruf auf den Lehrstuhl für Gräzistik am Seminar für Klassische Philologie[3] der Universität Heidelberg an, wo er bis zu seiner Emeritierung 1989 lehrte und forschte. Dort war er Mitglied des Heidelberger Kirchenväterkolloquiums, einer fortlaufenden Veranstaltung zur Lektüre christlicher Texte der Antike. Schüler Dihles sind u. a. Klaus Thraede, Dieter Hagedorn, Hans-Jürgen Horn, Hermann Funke, Stefan Rhein[4] und der Leibnizpreisträger Oliver Primavesi.

Dihle war mehrmals Gastprofessor in Cambridge, Harvard, Stanford, Princeton, Perugia, Sydney und Durban. 1973/1974 war Dihle Sather Professor an der University of California, Berkeley. Aus der dort gehaltenen Vorlesungsreihe ging sein zuerst in englischer Sprache veröffentlichtes Buch The Theory of Will in Classical Antiquity hervor.

Von 1964 bis 2004 wirkte Dihle als Mitherausgeber des Reallexikons für Antike und Christentum, für das er auch wichtige Artikel selbst verfasste. Zudem war er Mitbegründer der Schriftenreihe Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Von 1976 bis 1996 war er Mitherausgeber der Zeitschrift Antike und Abendland.

Werk

Albrecht Dihle hat in ungewöhnlicher Breite die literarische Überlieferung und Wissenskultur der Antike und ihr Nachleben, insbesondere ihre prägende Wirkung auf das Christentum in der Spätantike sowie die Kulturbeziehungen zwischen Mittelmeerraum und Orient wissenschaftlich erforscht und in auch Nichtfachleuten zugänglichen Darstellungen einem breiteren Publikum vermittelt.

Schwerpunkt der dezidiert altertumswissenschaftlichen, kulturgeschichtlich und nicht rein philologisch-literaturwissenschaftlich angelegten Forschung Dihles sind die Kulturbeziehungen zwischen Antike und Orient, die Patristik und die Beziehungen zwischen Antike und Christentum, die antike Philosophie und Rhetorik, Grammatik und Fachschriftstellerei, Homer, die antike Biographie und das griechische Drama sowie die Begriffsgeschichte. Neben streng fachwissenschaftlichen Untersuchungen stehen in seinem Werk zahlreiche Veröffentlichungen, die sich an ein breiteres Publikum wenden und damit dem Gedanken Rechnung tragen, dass geisteswissenschaftliche Forschung einen Beitrag zur Selbstverständigung der Gesellschaft zu leisten hat und ohne diesen ihre Legitimation einbüßen würde, da die Wissenschaft sich um die Fortsetzung der kulturellen Tradition, die ihre Voraussetzung darstellt und deren Teil sie ist, bemühen muss. Zu nennen sind hier verschiedene Schriften zur antiken Ethik, vor allem aber die beiden vielgelesenen und mehrfach in fremde Sprachen übersetzten Literaturgeschichten, eine Geschichte der griechischen Literatur und eine Geschichte der griechisch-lateinischen Literatur der römischen Kaiserzeit, deren innovative Leistung darin besteht, dass sie durch Preisgabe der unangemessenen Konzeption sprachlich gebundener Nationalliteraturen erstmals der Zweisprachigkeit der kaiserzeitlichen Kultur gerecht wird. Auch zur "Aufarbeitung" der NS-Vergangenheit der Altertumswissenschaften und der notwendigen Reflexion auf die eigene Rolle hat Dihle u. a. durch seine Mitwirkung als Zeitzeuge und in einer umfangreichen Rezension des einschlägigen Buches von Cornelia Wegeler einen wichtigen Beitrag geleistet.[5]

Auszeichnungen

Seit 1975 ist Dihle ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, von 1980 bis 1982 war er deren Sekretar, von 1990 bis 1994 ihr Präsident. Er ist korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, der British Academy, Mitglied der Academia Europaea, ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences, ehemaliger Leiter der Kommission "Griechische christliche Schriftsteller" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenmitglied der Patristischen Kommission der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften.

Dihle erhielt die Ehrendoktorwürde der Universitäten Bern (Dr. theol. h. c.), Athen (Dr. phil. h. c.) und der Macquarie University in Sydney (Litt. D. h. c.). Seit 1994 ist er Mitglied des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste[6], seit 1997 Träger des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst[7]. 1997 erhielt er den Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim.

Schriften (Auswahl)

  • Studien zur griechischen Biographie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1956, 2. Aufl. 1970 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse Folge 3, 37).
  • Die Goldene Regel. Eine Einführung in die Geschichte der antiken und frühchristlichen Vulgärethik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1962.
  • Umstrittene Daten. Untersuchungen zum Auftreten der Griechen am Roten Meer. Westdeutscher Verlag, Köln 1965.
  • Der Kanon der zwei Tugenden. Westdeutscher Verlag, Köln 1968 (Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften 144).
  • Homer-Probleme. Westdeutscher Verlag, Opladen 1970.
  • Der Prolog der "Bacchen" und die antike Überlieferungsphase des Euripides-Textes. Winter, Heidelberg 1981 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse 1981, 2), ISBN 3-533-02983-2
  • Antike und Orient. Gesammelte Aufsätze. Winter, Heidelberg 1984, ISBN 3-533-03481-X.
  • The Theory of Will in Classical Antiquity. University of California Press, Berkeley 1982, ISBN 0-520-04059-7.
    • Deutsche Fassung: Die Vorstellung vom Willen in der Antike. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985.
  • Die Entstehung der historischen Biographie. Winter, Heidelberg 1987 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Philosophisch-Historische Klasse 1986, 3), ISBN 3-533-03869-6.
  • Die griechische und lateinische Literatur der Kaiserzeit. Von Augustus bis Justinian. Beck, München 1989, ISBN 3-406-33794-5, (Auszüge online).
    • Englische Übersetzung: Greek and Latin literature of the Roman Empire. from Augustus to Justinian. Transl. by Manfred Malzahn. Routledge, London New York 1994, ISBN 0-415-06367-1.
  • Philosophie als Lebenskunst. Westdeutscher Verlag, Opladen 1990.
  • Griechische Literaturgeschichte. Kröner, Stuttgart 1967, 2. Aufl. Beck, München 1991, ISBN 3-406-44450-4, Taschenbuch 3. Auflage ebd. 1998, ISBN 3-406-44450-4, (3. Auflage, Auszüge online).
    • Englische Übersetzung: A History of Greek literature from Homer to the Hellenistic period. Transl. by Clare Krojzl. Routledge, London, New York 1994 ISBN 0-415-08620-5.
  • Die Griechen und die Fremden. Beck, München 1994, (Auszüge online).
  • Humanismus und Wissenschaft. Ploetz, Freiburg 1994, ISBN 3-87640-288-3.
  • Vom gesunden Menschenverstand. Winter, Heidelberg 1995 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Philosophisch-Historische Klasse 1995, 1), ISBN 38253-0306-3.
  • Die Wahrnehmung des Fremden im Alten Griechenland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003 (Berichte aus den Sitzungen der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften e.V Jahrgang 21, 2), ISBN 3-525-86320-9.
  • Hellas und der Orient. Phasen wechselseitiger Rezeption. De Gruyter, Berlin u. a. 2009 (Justus Wellhausen-Vorlesung 2), ISBN 978-3-11-021956-2.
  • Georg Schöllgen u.a. (Hrsg.): Ausgewählte kleine Schriften zu Antike und Christentum. Aschendorff, Münster 2013 (Jahrbuch für Antike und Christentum, Ergänzungsband 38), Inhaltsverzeichnis, ISBN 978-3-402-10806-2.

Festschriften

Einzelnachweise

  1. Vgl. Albrecht Dihle: Worte des Gedenkens. In: Carl Joachim Classen (Hrsg.): Kurt Latte, Opuscula inedita zusammen mit Vorträgen und Berichten von einer Tagung zum vierzigsten Todestag von Kurt Latte. Saur, München Leipzig 2005, S. 6–12.
  2. Albrecht Dihle: Schneider, Alfons Maria. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 284 f. (Digitalisat).
  3. Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen Anhalt: Stefan Rhein
  4. Vgl. Cornelia Wegeler: "... wir sagen ab der internationalen Gelehrtenrepublik". Altertumswissenschaft und Nationalsozialismus. Das Göttinger Institut für Altertumskunde 1921–1962. Böhlau, Wien u. a. 1996. – Rez. von Albrecht Dihle, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 249, 1997, S. 227–244; vgl. ders., Bundesrepublik Deutschland. Die griechische Philologie. In: Graziano Arrighetti u. a. (Hrsg.): La filologia greca e latina nel secolo XX. Atti del Congresso Internazionale, Roma, Consiglio Nazionale delle Ricerche, 17–21 settembre, 1984. Giardini, Pisa 1989 (Biblioteca di Studi Antichi 56), Bd. 2, S. 1019–1042.
  5. Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste: Eintrag Albrecht Dihle mit Vita, Laudatio und Foto.
  6. Kurien für Wissenschaft und Kunst. Das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst: Eintrag Albrecht Dihle