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vom 05.12.2017, aktuelle Version,

Alfred Julius Becher

Alfred Julius Becher, Lithographie von Gabriel Decker, 1844.

Alfred Julius Becher (* 27. April 1803 in Manchester; † 23. November 1848 in Wien) war Musikkritiker, Komponist und einer der Hauptführer des Wiener Oktoberaufstands von 1848.

Leben

Becher wurde als Sohn eines Hanauers geboren, der die Rheinisch-Westindische Handelskompanie begründet hatte. In Heidelberg, Göttingen und Berlin studierte er die Rechte und kam wegen demokratischer Umtriebe (Mitgliedschaft in der Alten Berliner Burschenschaft[1]) in Untersuchungshaft. Später ließ er sich als Advokat in Elberfeld nieder, redigierte dann in Köln eine von seinem Vater begründete Handelszeitung, wandte sich aus Liebe zur Kunst nach Düsseldorf, wo er mit Felix Mendelssohn Bartholdy, Carl Leberecht Immermann, Friedrich von Üchtritz und besonders mit Christian Dietrich Grabbe Umgang pflegte.

1838 nahm Becher einen Ruf an die Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten in Den Haag an und wurde dort Professor für Musiktheorie und Ästhetik. Infolge einer missliebigen Kunstkritik ging er 1840 nach London, wo er Professor an der Royal Academy of Music wurde. Wegen eines Verlagsprozesses gegen einen englischen Peer kam er 1842 nach Wien, wo er blieb. Hier lebte er sich rasch in das kulturelle und gesellschaftliche Leben[2] ein und arbeitete bald als Musikrezensent der Wiener Allgemeinen Musik-Zeitung sowie der Sonntagsblätter. Hier machte er auch Bekanntschaft mit dem jungen Eduard Hanslick. „Sein Ruf als tüchtiger, aber scharfer Rezensent und seine liebenswürdige Persönlichkeit machten ihn trotz seines ungestümen, himmelstürmerischen Wesens zum Lieblinge der feinen, schöngeistigen Kreise und Bach, Wehli, L. Neumann, Tausenau, Max Löwenthal, Bauernfeld, L. A. Frankl, besonders aber Lenau waren ihm von Herzen Freund.[3]

Bald schon erregte Becher durch seine scharfen Kritiken Aufmerksamkeit und trat mit Liedern und Streichquartetten auf. Später gab er Monologe am Klavier und ein Schriftchen Jenny Lind, eine Skizze ihres Lebens (2. Auflage, Wien 1847) heraus. Die Märztage von 1848 rissen ihn in den Strudel der Politik. Dem demokratischen Zentralkomitee angehörig, wurde er mit Hermann Jellinek Herausgeber des täglich erschienenen Kampfblattes Der Radikale. Deshalb wurde er nach Niederschlagung des Aufstandes verhaftet, zum Tod verurteilt und zusammen mit Hermann Jellinek vor dem Neutor in Wien erschossen.

1971 wurde die Bechergasse in Wien-Favoriten nach ihm benannt.

Werke

Als Komponist von 25 Werken war Becher ebenso radikal progressiv wie erfolglos. Er orientierte sich an Beethoven, Berlioz, Mendelssohn und Schumann, nahm aber vielfach schon Entwicklungen der Neudeutschen Schule vorweg. „Sich als Componist Geltung zu erringen, gelang ihm nicht; seine geistreiche, aber abstrakte (auf den späteren Beethoven ‚fortbauende‘) Musik vermochte im besten Fall den Kenner zu interessieren, aber niemand zu erfreuen.[4] Zu Bechers Reaktion auf das Stillschweigen, das seinem 1843 im Wiener Gesellschaftszirkel „Concordia“ aufgeführten Streichquartett in A-Dur entgegengebracht wurde, berichtet ein Zeitzeuge: „Da rieb sich Becher, wir sehen ihn noch, vergnügt die Hände und sagte: ‚Das freut mich, das stumme Verblüfftsein spricht für mein Talent. Es freut mich, dass meine Zeitgenossen mich nicht verstehen‘“.[5] Franz Grillparzer dichtete unter dem Eindruck dieses Streichquartetts ein bekannt gewordenes Epigramm: „Dein Quartett klang, als wenn Einer / Mit der Axt gewicht’gen Schlägen, / Und drei Weiber, welche sägen, / Eine Klafter Holz verkleiner![6] Ein weiteres, 1847 auf Becher gedichtetes Epigramm Grillparzers lautet: „Man sagt, du verachtest die Melodie, / Schon das Wort erfüllt dich mit Schauer; / So gings auch dem Fuchs, dem enthaltsamen Vieh, / Der fand die Trauben sauer.[7]

Im Gegensatz zur nur schwach ausgeprägten Melodik sind Form und insbesondere Harmonik im kompositorischen Schaffen Bechers in hohem Maß avanciert und konstruiert. So werden bereits Entwicklungen der Spätromantik vorweggenommen, wie z.B. Tristanharmonik oder frei einsetzende und unaufgelöste Dissonanzen.

Becher hinterließ u.a. Klaviermusik, drei Streichquartette in A-Dur, G-Dur und C-Dur. Ferner existiert eine 1847 uraufgeführte Elegische Phantasie für Violoncello und das Fragment einer Symphonie in d-Moll (komponiert um 1846).

Literatur

  • Constantin von Wurzbach: Becher, Alfred Julius. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 1. Theil. Universitäts-Buchdruckerei L. C. Zamarski (vormals J. P. Sollinger), Wien 1856, S. 207 f. (Digitalisat).
  • Franz Freiherr von Sommaruga: Becher, Alfred Julius. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 2, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 200 f.
  • Hermann Josef Ullrich: Alfred Julius Becher und sein Wiener Kreis. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien. 23/25, 1967/69, ISSN 1011-4726, S. 293–334.
  • Hermann Ullrich: Alfred Julius Becher. Der Spielmann der Wiener Revolution (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts Bd. 40), Regensburg 1974
  • Renate Federhofer-Königs: Das Verhältnis von Alfred Julius Becher zu Robert Schumann – mit unveröffentlichten Briefen, in: Studien zur Musikwissenschaft, 40. Bd. (1991), S. 97–131
  • Helge Dvorak: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I Politiker, Teilband 1: A–E. Heidelberg 1996, S. 64–65.

Einzelnachweise

    • Horst Grimm, Leo Besser-Walzel: Die Corporationen. Handbuch zu Geschichte, Daten, Fakten, Personen. Umschau-Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-524-69059-9.
  1. So war er Mitglied von Männerzirkeln wie dem „Juridisch-Politischen Leseverein“, der „Concordia“ und dem „Soupiritum“.
  2. Ernst Victor Zenker: Geschichte der Wiener Journalistik. Ein Beitrag zur Deutschen Culturgeschichte, Bd. 1, Wien 1892, S. 114f.
  3. Eduard Hanslick: Geschichte des Concertwesens in Wien, Wien 1870, S. 322
  4. Ludwig August Frankl: „Dr. Alfred Julius Becher“, in: Neue Freie Presse, Nr. 9535 vom 13. März 1891, S. 2
  5. Eduard Hanslick: Geschichte des Concertwesens in Wien, Wien 1870, S. 357
  6. Franz Grillparzer: Sämtliche Werke, hg. v. Peter Frank und Karl Pörnbacher. München 1960, Bd. I, 480