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vom 27.11.2019, aktuelle Version,

Kraftwerk Simmering

Das Kraftwerk Simmering ist – insgesamt – das größte Kraftwerk in Österreich und dient der Bereitstellung von elektrischer Energie und Fernwärme. Es befindet sich im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering und wird von der Wien Energie betrieben. Das Kraftwerk ist ein so genanntes Heizkraftwerk welches aus mehreren unabhängigen Kraftwerksblöcken besteht, welche mit verschiedenen primären Energieträgern wie Erdgas, Heizöl und Biomasse befeuert werden können. Unter Volllast kann es ca. 50 % des Wiener Energiebedarfs decken. Auf dem Areal befindet sich weiters das Umspannwerk Simmering.[1]

Das Kraftwerk ist durch Stromerzeugungsaggregate für den Eigenbedarf mittels Dieselmotoren auch nach einem kompletten Stromausfall schwarzstartfähig.

Kraftwerk Simmering im Jahr 2017

Geschichte

Maschinenhalle 1, mit 5 Dampfzylindern auf Generatoren mit großem Durchmesser wirkend (1912)

Aufgrund eines Gemeinderatsbeschlusses vom 11. Mai 1900 zur Erbauung eines Kraftwerks in Simmering „zur Abgabe von Strom für den Betrieb der elektrischen Straßenbahnen und zur Abgabe von Licht und Kraftstrom“ entstand das erste Wiener Dampf- bzw. Heizkraftwerk (damals dem Unternehmen „Gemeinde Wien – Städtisches Elektricitätswerk“ zugehörig). Das Sammelschienenkraftwerk bestehend aus den zwei zusammengehörigen Blöcken 1 und 2 wurde knapp zwei Jahre später in Betrieb genommen. Im April 1902 lieferte das Kraftwerk erstmals Strom für die Wiener Straßenbahnen, ab September 1902 wurden auch Haushalte mit Strom versorgt. Für die Befeuerung der Kessel wurde zunächst Kohle, ab 1920 Rohöl und ab 1934/1935 auch Erdgas eingesetzt.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Kraftwerk durch Bomben- und Artillerieangriffe schwer beschädigt, im April 1945 musste für rund zehn Tage der Betrieb eingestellt werden. In der Nachkriegszeit wurde Block 2 stillgelegt und demontiert, Block 1 von 1959 bis 1964 jedoch ausgebaut. Zusätzlich wurden wegen des steigenden Strombedarfs die Kraftwerksblöcke Block 3 (1962), Block 4 (1964), Block 5 (1967) und Block 6 (1970) errichtet. Block 1 wurde 1977 stillgelegt.

Ab 1977/78 wurde durch die Blöcke 1 und 2 erstmals auch Fernwärme geliefert. Die älteren Blöcke 3 und 6 wurden 1992 stillgelegt. Die Kraftwerksblöcke 4 und 5 wurden zwischen 1993 und 1997 stillgelegt. Am Areal des alten Block 3 und Block 4 wurde der neue Kraftwerksblock 3 errichtet. Mit dem Abriss von Block 5 und 6 wurde Ende Juli 2009 begonnen. Für den etwa 200 Meter hohen Schlot von Block 6 wird ein ferngesteuerter Bagger verwendet, der sich an den Innenwänden des Schlots verspreizt, von einer Plattform an der Außenseite ferngelenkt wird und den Rauchfang von oben „abknabbert“. Der Schutt fällt innen nach unten. In etwa 100 Tagen soll der Schlot auf diese Weise abgetragen sein. Eine Sprengung des Schlots war nicht möglich, weil nicht genug Fallraum zur Verfügung steht. Danach wird der zweite Rauchfang auf dieselbe Art abgerissen und die Kraftwerksblöcke 5 und 6 werden ebenfalls abgetragen. Ab 2010 soll auf dem Areal der neue Block 4 errichtet werden.

Aktive Kraftwerksblöcke

Block 1 und 2

Bis zum Herbst 2008 wurde das Blockkraftwerk 2, das zuvor aus der Gasturbine 2 bestand, als Kombiblock 1/2 modernisiert. Er wurde um zwei neu errichtete Gasturbinen sowie eine Dampfturbine erweitert. Die unter dem Titel „Repowering BKW 1/2“ durchgeführte Modernisierung wurde durch die Inbetriebnahme der Gesamtanlage Mai 2009 abgeschlossen. Block 2 dient nach Überarbeitung als Reserveblock und zur Abdeckung von Spitzenlast.[2] Die Umbauarbeiten wurden durch Investitionsförderungen gemäß § 24 ff Ökostromgesetz 2012 gefördert.[3]

Die Leistung von Block 1 beträgt maximal 700 MW elektrisch und thermisch 450 MW für die Fernwärmeauskopplung. Block 2 dient als Reserveblock mit einer maximalen elektrischen Leistung von 60 MW und kalorisch 150 MW. Über drei Blocktransformatoren erfolgt der direkte Anschluss an die 400-kV-Ebene im benachbarten Umspannwerk.[1]

Der Kamin des Blocks 2 ist 200 Meter hoch und konisch.

Block 3

Der Block 3 ist der älteste derzeit in Betrieb befindliche Block welcher als GuD ausgeführt ist. Der Block kann als einziger Block der Anlage sowohl mit Erdgas als auch mit Heizöl schwer befeuert werden. Der Einsatz richtet sich an der jeweiligen Verfügbarkeit, insbesondere im Winter bei hohen Erdgasbedarf wird teilweise mit Heizöl zugefeuert. Zur Abgasreinigung steht eine Rauchgasentschwefelung, welche pro Stunde 7 t Gips produziert, zur Verfügung.

Die Leistung beträgt im Kondensationsbetrieb maximal 440 MW elektrisch und bei Fernwärmeauskopplung elektrisch maximal 380 MW und 200 MW thermisch. Über drei Blocktransformatoren erfolgt der direkte Anschluss an die 400 kV-Ebene im benachbarten Umspannwerk.

Der Kamin des Blocks 3 ist 200 Meter hoch.

Biomassekraftwerk

Am 20. Oktober 2006 wurde das bis dahin größte Biomassekraftwerk Europas als eigenständiger Block in Betrieb genommen. Es werden darin primäre Holzabfälle (Waldhackgut) verbrannt. Bei gleichzeitiger Abgabe von 37 MW Fernwärme kann es 16 MW an elektrischer Leistung liefern, im Kondensationsbetrieb ohne Fernwärmeabgabe beträgt die maximale elektrische Leistung 24,5 MW.[4] Die Dampfturbine, eine Siemens SST-400, arbeitet mit Zwischenüberhitzung und erreicht im Sommerbetrieb (ohne Dampfauskopplung) einen elektrischen Wirkungsgrad von 36 %.[5]

Dieser Kraftwerksblock Strom (und Fernwärme) aus der erneuerbaren Energiequelle Holz. Sein im Vergleich zu Öl- und Gasblöcken mit ähnlichem Platzbedarf viel geringere Ausbeute liegt am geringeren Heizwert/Brennwert von Holz, einer komplizierteren Verfeuerung – in zirkulierender Wirbelschicht mit Quarzsand, und einem höheren Ascheanteil, der abgeschieden werden muss.[6] Der zylindrische Schlot des Biomassekraftwerks ist nur 120 Meter hoch und aus Stahlbetonringen.[7]

2013 wurde Europas erster Hochdruck-Hochtemperatur-Speicher für Wärme in Form von zwei 45 m hohen Tanks errichtet, in die typisch 2200 Stunden im Jahr Wärme (145.000 MWh) eingespeichert und ebenso lang entnommen werden kann, um das Anfahren von typisch gasbetriebenen Spitzenlastkesseln zu ersetzen. An der Tankdecke beträgt der Druck 6 bar, am Boden 10 bar, die Höchsttemperatur des Wassers beträgt 150 °C. Mit einem Investment von 20 Mio. Euro wird die Möglichkeit geschaffen, einen höheren Anteil des Fernwärmebedarfs CO2-neutral aus Holz zu erzeugen.[8]

Stillstand 2019

Im August 2019 wurde der Betrieb des Kraftwerks eingestellt, weil vom Bund her keine Förderung mehr für das Verbrennen von Biomasse floss. Die damalige türkis-blaue Regierung hatte keine Nachfolgeregelung des Ökostromgesetzes für feste Biomasse beschlossen und war zurückgetreten. Eine Nachfolgeregelung per Wiener Landesgesetz ist in Vorbereitung, sodass eine Wiederinbetriebnahme per Jahresbeginn 2020 möglich erscheint. Holzabfälle aus nahen Wäldern gibt es genug. Ein Betrieb ohne Förderung ist nicht wirtschaftlich.[9]

Block 4 (Entwurf)

Der Errichtung von Block 4 war auf dem Gelände des ehemaligen Block 5 und Block 6 geplant.[10] Er war als GuD projektiert und sollte im Kondensationsbetrieb eine maximale elektrische Leistung von 450 MW und bei Betrieb mit Fernwärmeauskopplung eine maximale elektrische Leistung von 410 MW und einer 200 MW Fernwärme liefern können. Nach momentanem Kenntnisstand ist die Realisierung von Block 4 unter den aktuellen Marktbedingungen nicht beabsichtigt.

Auslaufturbine des Kraftwerks Simmering

Maschinenhaus der Auslaufturbine – "Wasserkraftwerk Simmering"

Das Krafthaus der Auslaufturbine des Kraftwerks Simmering liegt baulich vom Kraftwerk getrennt zwischen dem Donaukanal und der Richtung Ungarn führenden Richtungsfahrbahn der Ost Autobahn sowie der Simmeringer Lände. Mit dem “Stammhaus” ist es über eine nicht-öffentliche Fußgängerbrücke verbunden.

Das 1964 errichtete, 14 × 8 Meter große und flachgedeckte Maschinenhaus beherbergt eine von der Maschinenfabrik Andritz Actiengesellschaft hergestellte Kaplan-Turbine mit einer Leistung von 553 Kilowatt. Genutzt wird ein Teil des Kühlwasserrücklaufes der Blockkraftwerke 1, 2 und 3 in den Donaukanal und gewinnt einen Teil der zuvor erbrachten Pumpleistung wieder zurück.[11]

Umspannwerk

400-kV-Netz in Wien und Verbindung zum Umspannwerk Simmering

Das Umspannwerk Simmering besteht in geschlossener Bauweise aus einer 400-kV- und 110-kV-Ebene. Die Schaltanlagen sind in kompakter Bauweise als gasisolierte Schaltanlagen ausgeführt. Die 110-kV-SF6-Schaltanlage wurde im Oktober 2008 in Betrieb genommen und ist im Netz der Wien-Energie die größte gasisolierte Schaltanlage. Über die 110-kV-Ebene werden mehrere Unterwerke versorgt. Das Umspannwerk wird im Normalbetrieb, so wie alle Umspannwerke der Wien Energie, von der Schaltleitung aus dem Umspannwerk Michelbeuern im 9. Bezirk ferngesteuert.

Am Gelände des Umspannwerks befinden sich mehrere Leistungstransformatoren zur Anspeisung der mit 10 kV betriebenen Mittelspannungsebene, zwei Petersen-Spulen zur Erdschlusskompensation und 4 Kuppeltransformatoren zur 400-kV-Ebene. Die 400-kV-Ebene, mit der bis auf das Biomassekraftwerk alle Kraftwerksblöcke verbunden sind, besitzt zur besseren Energieverteilung im Stadtgebiet eine 400-kV-Erdkabelverbindung quer durch Wien zu dem im Westen in Ottakring gelegenen Umspannwerk Kendlergasse und von dort zum Umspannwerk Süd (Wien).[12]

Literatur

  Commons: Kraftwerk Simmering  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 Michael Heinrici: Repowering Simmering BKW 1/2 (PDF; 2,9 MB) (Memento des Originals vom 20. Januar 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gaswaerme.at. In: gaswaerme.at. Wien-Energie, Vortrag FGW, Wien 2009, abgerufen am 13. Februar 2013.
  2. Wien Energie nimmt mit „Kraftwerk Simmering 1“ hocheffizientes Kraftwerk in Betrieb@1@2Vorlage:Toter Link/www.eubusiness.at (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)   Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. In: eubusiness.at, 25. Mai 2009, abgerufen am 13. Februar 2013.
  3. Investitionsförderung von KWK-Anlagen oem-ag.at, 7. Jänner 2002.
  4. Friedrich Pink: Nutzung erneuerbarer Energieträger durch Wien Energie Wienstrom (PDF; 1,1 MB)@1@2Vorlage:Toter Link/www.inea-online.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)   Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. Vortrag Wien-Strom, Wien 2007, abgerufen am 13. Februar 2013.
  5. stadtUNbekannt: Wald-Biomassekraftwerk Simmering wien.gv.at, 2016, abgerufen 17. Oktober 2019.
  6. Stromerzeugung in Wien (Memento des Originals vom 9. Oktober 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wien.gv.at. In: wien.gv.at, abgerufen am 13. Februar 2013.
  7. Technische Daten (Memento des Originals vom 13. Februar 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wienenergie.at, abgerufen am 16. Februar 2013.
  8. Weltweit erster Hochdruck-Wärmespeicher in Simmering wien.gv.at, 20. Juli 2012, abgerufen 17. Oktober 2019. – Video (2:43)
  9. Wirtschaft : Biomassekraftwerk soll wieder in Betrieb gehen orf.at, 17. Oktober 2019, abgerufen 17. Oktober 2019.
  10. Kurzbeschreibung Block 4 gemäß § 17 UVP-G 2000@1@2Vorlage:Toter Link/www.wien.gv.at (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)   Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  11. Dipl.-Ing. Valentin Weber-Ille: Architektur von Wasserkraftwerken in Österreich (Dissertation, Wien, April 2013)
  12. Die Geschichte von Wien Strom. (Memento vom 4. Januar 2011 im Internet Archive) Wien 2010, abgerufen über waybackmachine am 13. Februar 2013.