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vom 24.07.2016, aktuelle Version,

Lendplatz

Graz, Lendplatz, vor der Pflanzung der Alleebäume 1878   [Anm. 1]
Graz, Lendplatz, südlicher Teil, 1906

Der Lendplatz ist eine planmäßige, sackförmig gestreckte, vermutlich um 1700 abgeschlossen Platzanlage[1] im Stadtbezirk Lend der Stadt Graz. Er wird durch die Keplerstraße in zwei Hälften geteilt. Am Lendplatz befindet sich die Zentrale der Berufsfeuerwehr Graz sowie eine Polizeiinspektion und ein Mercure-Hotel.

Name

Der Begriff „Lend“ kommt vom „Anlenden“, dem Anlegen der Schiffe, die auf der Mur verkehrten. Wegen ihres stark schwankenden Pegels ließ sich die Mur kaum zum Betrieb von Mühlen nutzen. Daher wurden Mühlen und andere gewerbliche und industrielle Betriebe an kleineren Wasserläufen errichtet, die durch das Grazer Becken flossen oder an künstlich angelegten Kanälen.[2]

Geschichtliches

Seit dem 16. und besonders seit dem 17. Jahrhundert ermöglichte die fortschreitende Ufersicherung eine beträchtliche Vergrößerung der Murvorstadt (Stadtbezirke Lend und Gries). So war seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bereits die gesamte Mariahilferstraße bis Einmündung der Stockergasse verbaut. Damals begann das Bürgerspital seine ausgedehnten Gründe zu verkaufen, da man sich dadurch reichere Einnahmen verschaffte, als es durch Eigenbewirtschaftung möglich gewesen wäre. Mit der damit einsetzenden Verbauung war die Basis für die Entstehung des Lendplatzes (wie übrigens auch des Griesplatzes) gegeben. Von seiner Gestalt her stellt sich der Lendplatz als die sackartige Erweiterung zwischen der Mariahilfer- und Wiener Straße dar und lässt die planmäßige Bebauung durch das Grazer Bürgerspital erkennen.[3] Nach Fritz Popelka[4] ist der Lendplatz von seiner Form und Gestalt her ein gewöhnlicher Dorfstraßenplatz, dessen Raumgröße durch die hier abgehaltenen Viehmärkte bedingt war. Seine Achse bildet zur Mariahilferstraße einen Winkel von ca. 120 Grad. Diese schiefe Richtung wurde durch einen Murarm hervorgerufen, der zur Mitte des 17. Jahrhunderts noch vorhanden war. An diesen Arm wurde die östliche Häuserzeile angebaut. Bis um 1700 war die Verbauung des Lendplatzes so weit fortgeschritten, dass er bereits allseitig mit Häusern besetzt war.[5]

Der Lendplatz war eine Siedlungszone von Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden[Anm. 2]. Er galt in seinen Anfängen als Wohnort der untersten und ärmsten sozialen Schichten[Anm. 3]. Der verrufenste Teil war die "obere Lend" von der Mariahilferstraße bis zum Kalvarienberg. Dort hielt sich 1655 „Raubgesindel“ mit entlaufenen Jesuiten und Scholaren auf, und es schien nicht ratsam, sogar „undtertags zu dem Perg Calvario zu gehn“.[6] Nahe dem Lendplatz war der Sigmundstadl eines der ärmsten Stadtquartiere, eine Armenkolonie mit armseligen Keuschen. Bei einer Musterung im Jahre 1679 wurden in diesem Bereich 323 Bettler registriert. Groß war die Zahl der verwahrlosten Kinder, die sich nicht selten zu Banden zusammenschlossen.[7] Auch Dirnen und Strolche fanden hier Unterschlupf.

Im 17. und 18. Jahrhundert grassierten dort wegen der schlechten Bedingungen Seuchen wie Pest und Ruhr.[Anm. 4] Im Jahre 1680 erkrankten in Graz rund 4.000 Menschen an der Pest, drei Viertel davon starben (die Stadt zählte damals ca. 15.000 Einwohner). Erst im Dezember ließ die Seuche nach und wurde Ende Jänner 1681 für erloschen erklärt. Die Not brachte viele Gelübde, und als Folge eines solchen entstand nach dem Abklingen der Seuche die Pestsäule auf dem Lendplatz.[8] Die mit 1680 datierte barocke Pestsäule wurde 1845 infolge einer Straßenerweiterung an ihren heutigen Standort im Südbereich des Lendplatzes übertragen. Die monumentbekrönende Maria mit Kind wird dem Eggenberger Hofbildhauer Andreas Marx (um 1640–1701) zugeschrieben.[9][Anm. 5]

Durch die verkehrsgünstige Lage direkt an der Nord-Süd-Verbindung siedelten sich am Lendplatz viele Beherbergungsbetriebe an.

Graz, Lendplatz, „Erste Elektrische“ ( Linie 3), 24. Juni 1899

Nachdem das Depot der Berufsfeuerwehr am Mariahilferplatz zu klein geworden war, bot sich 1877 der Stadt Graz die Gelegenheit, die Häuser 15, 16 und 17 dafür anzukaufen. Seit damals befindet sich die Zentralwache an diesem Ort. Das aktuelle Gebäude stammt aus den Jahren 1970–1983 mit Erweiterungen 1991 und 1998.[10]

Der Lendplatz galt (und gilt) aufgrund seiner Geräumigkeit als geeigneter Marktplatz. Hier wurden die Viehmärkte abgehalten. In der Marktordnung von 1791 wird der Holzkohlenmarkt genannt, auf dem beispielsweise Schlosser, Schmiede und Spengler ihren Bedarf deckten. Damals wurde nicht nur auf dem Wagen zu Markte gebracht, sondern auch vom Wagen herunter verkauft. Das galt nicht nur für Holz, Holzkohlen und Kraut, sondern ebenso für Obst und besonders für Kopfkraut. Nach dem Amtsbericht von 1877 standen im Herbst am Mittwoch und am Samstag die Krautwagen an der Ostseite des Platzes, oft bis zu 200 an der Zahl. 1861 wurden die Jahrmärkte, die bis dahin auf dem Hauptplatz abgehalten wurden, zum Lendplatz verlegt. Nach 1886 folgten die „Fetzenmärkte“,[11] die bis 1922 hier verblieben.[12]

Von 1934 bis 1943 verkehrte die Autobuslinie 4 zwischen Lendplatz und Thalersee.[13] Heute (2010) wird der Lendplatz von den Autobuslinien 40, 58, 63 und 67 der Grazer Verkehrsbetriebe angefahren, zwischen denen Umsteigemöglichkeiten bestehen.[14]

Seit 1945 befindet sich hier ein Bauernmarkt, der 1999 umgestaltet wurde.[15] Eine Markthalle wurde modernisiert, diese und eine Reihe neu errichteter Stände sind überwiegend gastromisch orientiert und weisen in der wärmeren Jahreszeit Gastgärten auf.

Während die zwei Drittel im Norden und der Mitte des Platzes stark vom Auto und Busverkehrs auf und zwischen Kepler-, Volksgarten- und auch Wienerstraße zerschnitten werden, ist das südliche Drittel ruhiger. Umgeben von schmäleren Fahrbahnen trägt das innere gepflasterte Rechteck hier die Markthalle, feste Gastro-Stände mit temporären Sitzgärten, zeitweise die Tisch-Stände des Bauernmarkts, ein Denkmal - eine steinerne Statue sowie einige Bäume. Am Rand dieses Rechtecks liegen auf Fahrbahnniveau einige Autoparkplätze und ein Taxistandplatz, temporär ab 19 Uhr noch ein weiterer.

Etwa 1/6 im Südosten dieses Rechtecks ist als Autoparkplatz eingerichtet, zeitweise gebührenpflichtige Kurzparkzone wie stadtüblich. Im nördlichen Viertel des Rechtecks hat sich eingebürgert, dass, wenn die Marktlieferanten mit ihren Kraftfahrzeuge abgefahren sind, Autos von Privaten hier geparkt wurden. Eigentlich rechtswidrig, doch polizeilich geduldet, auch wenn zeitweise die Autos so dicht stehen, dass Fußverkehr unbequem wird. Mai/Juni 2015 verordnete der Gemeinderat den Marktplatz als Fußgängerzone, um das bislang geduldete Autoparken hier zurückzudrängen. Nach der folgenden politischen Auseinandersetzung, in dem die Wirtschaftskammer für das Erlauben des Autoparkens eintrat,[16] setzte sich diese Auffassung kurze Zeit darauf durch.

2015 wurde im gleichen Zug die 10 bis 15 m breite Freifläche an der Ostseite des Platzes als Fußgängerzone ohne Ausnahme für Radfahrer verordnet, obwohl dort – abseits der bis zu 4-spurigen Einrichtungsfahrbahn – seit Jahren Radverkehr in zwei Richtungen fließt. Radlobby Argus Steiermark moniert am 10. Mai 2015, dass Radfahrer nicht berücksichtigt wurden.[17] Seit der Korrekturverordnung, die ebenfalls Radverkehr unbetrachtet lässt, ist das Zufahren für Kfz zu den anliegenden Häusern erlaubt. Lebensmittelmarkt, Hotel und Papiergeschäft sind mit Laderampen an den östlichen Rückseiten der Gebäude und einer Zufahrt zur privat betriebenen Tiefgarage von der Neubaugasse her aufgeschlossen.

Zum Straßenfest Lendwirbel wird der Marktplatz jedoch autofrei bespielt.

Literatur

  • Horst Schweigert: Graz. Zum 850jährigen Stadtjubiläum. Dehio-Handbuch. Schroll, Wien 1979, ISBN 3-7031-0475-9.
  • Gerhard Michael Dienes, Johanna Flitsch (Red.): Der Lendplatz. Geschichte und Alltag. Verlag Grazer Stadtmuseum, Graz 1995, ISBN 3-9007-6418-2.
  • Herbert Knittler: Stadterweiterung und Vorstadt im klein- und mittelstädtischen Milieu am Beispiel österreichischer Länder. In: Helmut Bräuer (Hrsg.), Elke Schlenkrich (Hrsg.), Karl Czok: Die Stadt als Kommunikationsraum. Beiträge zur Stadtgeschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Festschrift für Karl Czok zum 75. Geburtstag. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2001, ISBN 3-934565-72-7, S. 535–566.

Einzelnachweise

  1. Schweigert: Graz, S. 168.
  2. Institut für Raumgestaltung der TU Graz: Stadtgeschichte (word-Dokument, 31 KB; abgerufen am 28. Februar 2010)
  3. Dienes: Der Lendplatz, S. 5 f.
  4. Fritz Popelka: Geschichte der Stadt Graz. Zwei Bände. Leuschner & Lubensky, Graz 1928/35, OBV.
  5. Dienes: Der Lendplatz, S. 6.
  6. Dienes: Der Lendplatz, S. 8.
  7. Dienes: Der Lendplatz, S. 7.
  8. Dienes: Der Lendplatz, S. 18.
  9. Schweigert: Graz, S. 175.
  10. Festschrift "160 Jahre Berufsfeuerwehr" - Gebäude
  11. E(dith) Salburg: Der Grazer Fetzenmarkt. In: Grazer Volksblatt, Beilage, Nr. 57/1891 (XXIV. Jahrgang), 11. März 1891, S. 5 (unpaginiert). (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/gre.
  12. Dienes: Der Lendplatz, S. 14.
  13. Tramway Museum Graz: Busverkehr 1928–1945 (abgerufen am 28. Februar 2010)
  14. Graz AG Verkehrsbetriebe: Haltestellenplan der Linie 40 (abgerufen am 1. März 2010)
  15. Stadt Graz: Bauernmarkt Lendplatz (abgerufen am 28. Februar 2010)
  16. https://www.wko.at/Content.Node/graz/Fussgaengerzone-am-Lendplatz-Wirtschaftkammer-gegen-OeVP,-Kl.pdf Gerald Winter-Pölsner: Fußgängerzone am Lendplatz: Wirtschaftskammer gegen ÖVP; Kommentar: Im Vorfeld. In: Kleine Zeitung, 14. Mai 2015, abgerufen auf wko.at am 16. April 2016.
  17. http://graz.radln.net/cms/beitrag/11309943/25359482 Lendplatz: Fuzo für RadlerInnen öffnen! In: Plus / Minus, Argus Steiermark – die Radlobby, 10. Mai 2015, abgerufen 16. April 2016.

Anmerkungen

  1. Das vielleicht älteste Foto des Lendplatzes. – Dienes: Lendplatz, S. 49.
  2. Kleine Gewerbetreibende ohne Gesellen und Dienstboten überwogen. Einzelhaushalte herrschten vor, vielfach von Junggesellen geführt, die sich als Bedienstete des Adels und als Taglöhner über Wasser hielten oder minderen Berufen nachgingen. Zahlreich waren die Witwen. So erklärt sich die geringe Zahl der Familien, da die Bewohner wegen ihres niedrigen Einkommens überhaupt nur selten heirateten. Kamen Heiraten vor, so war die Kinderzahl allerdings groß. – Dienes: Der Lendplatz, S. 6.
  3. (…) wobei in diesem Zusammenhang der Terminus „Schicht“ nicht als sozialwissenschaftlich genau definierter Begriff zu verstehen ist, sondern lediglich als Mittel zur Klassifizierung. Als „klassische“ Unterschicht können aber jene unselbständigen und größtenteils vermögenslosen Personen ohne eigenen Haushalt angesehen werden. – Dienes: Der Lendplatz, S. 6.
  4. Allein zwischen dem 1. Dezember 1736 und dem 8. Jänner 1737 starben in der Vorstadt 37 Soldaten an der Ruhr. Sie wurden auf der Lend, nahe dem heutigen Keplergymnasium begraben. Am gefürchtetsten war wohl die Pest. Neben der echten Beulen- und Lungenpest bezeichneten die Menschen sicher auch andere seuchenartig auftretende Krankheiten als Pest, zum Beispiel das Fleck- oder Nervenfieber, möglicherweise auch Syphilis und Blattern. – Dienes: Der Lendplatz, S. 16.
  5. Aktuelle Restaurierung: 2010. – Siehe: Die Mariensäule in neuem Glanz. In: kleinezeitung.at, 16. Oktober 2010, abgerufen am 13. Mai 2011.