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vom 07.06.2020, aktuelle Version,

Lois Weinberger (Künstler)

Lois Weinberger in seinem Gebiet in Gars – 2017
Bahngleis, Neophyten aus Süd- und Südosteuropa, Länge 100 m (documenta 10, 1997)

Lois Weinberger (* 24. September 1947 in Stams[1]; † 20. April oder 21. April 2020 in Wien[2]) war ein österreichischer Künstler, der maßgeblich die neue Debatte um „Kunst-Natur“ ab den 1990er Jahren mitbestimmte.

Werk

Weinberger arbeitete an einem poetisch-politischen Netzwerk, welches den Blick auf Randzonen lenkt und Hierarchien unterschiedlicher Art infrage stellt. Weinberger verstand sich als Feldarbeiter und begann in den 1970er Jahren mit ethnopoetischen Arbeiten wie die „fragmentarische Bestandsaufnahme“ seines Geburtsortes Stams, die eine Basis bildet für die seit Jahrzehnten entwickelte künstlerische Auseinandersetzung mit dem Natur- und Zivilisationsraum. Ruderal Pflanzen, die alle Bereiche unseres Lebens tangieren, sind Ausgangs- und Orientierungspunkt für Notizen, Zeichnungen, Fotos, Objekte, Texte, Filme und Arbeiten im öffentlichen Raum.

Mit seiner konsequenten Pflanzenkunst verfolgte er die Aufwertung des Wildwuchses und des Unkrautes, die in seinem Werk Metaphern waren für alles Unerwünschte und Dissidente. Weinberger sprach sich gegen das Geordnete, Reine und übersichtlich Angelegte von Zivilisation und Gartenbaukunst aus; ihm war der Schutz des scheinbar nutzlosen Unkrautes und die Kunst des botanischen Widerstands der archimedische Punkt seiner Vegetationsästhetik.

Weinberger hat nach dem Mauerfall das Gestrüpp im Berliner Todesstreifen begossen, als ob es so wertvoll wäre wie ein Rosengarten.[3] 1991 bis 1992 entwirft Weinberger den WILD CUBE – eine Torstahl-Einfriedung, in der die Aufforstung durch Spontanvegetation erfolgt, ohne menschliches Zutun – RUDERAL SOCIETY – eine Lücke im urbanen Raum. Gleichzeitig beginnt Weinberger mit den subversiven Pflanzentransfers in angeeigneten Gebieten der Stadt wie im Landschaftsraum. 1993 entsteht die Arbeit „BRENNEN und GEHEN“, Weinberger reißt im Sommer während der Festspielzeit am Platz vor der Szene Salzburg den Asphalt auf und überlässt dieses 8 × 8 Meter große, eingefriedete Gebiet sich selbst. 1997 wird diese Arbeit zur documenta X auf dem Parkplatz des Kulturbahnhofs und 1998 in Tokio erneut installiert. Ebenfalls zur documenta X bepflanzte Weinberger ein stillgelegtes Bahngleis von 100 Metern mit Neophyten aus Süd- und Südosteuropa, das zur international beachteten Metapher für die Migrationsprozesse unserer Zeit wurde und mit seinen poetisch-politischen Bezügen weit darüber hinausweist. Seit 2015 wird die Arbeit restauriert und weiterhin als Kunstwerk in Kassel verbleiben.

2009 hat Weinberger für den österreichischen Pavillon der Biennale Venedig in die Giardini einen Komposthaufen gesetzt und schuf dieser Spontanvegetation einen Raum mit Strukturen. 2017 war Weinberger zur documenta 14 in Athen und Kassel eingeladen. Im Park der Karlsauen zog er eine lange Schneise durch den englischen Rasen, um zwischen den Spazierwegen ein „Flüchtlingslager“ fürs Unkraut zu eröffnen. In Athen wiederum zeigte er in einer Vitrinenausstellung das biografische Unkraut seiner Familiengeschichte, das sich bei der Sanierung des elterlichen Bauernhofs unter den Dielen abtragen ließ.

„Belassene Gärten der Vielfalt entsprechen heutigen Dringlichkeiten / dem Bemerken von Zäsuren / Verbindungen und ihren Vibrationen / den Garten als Zeichen des freiwilligen Verzichts / der Gelassenheit / des Nichteingreifens zu sehen. Brachen / Peripherien sind Gärten und Orte / in denen sich die Grenzen als Bewegtes / Unsicheres zeigen.“ L.W. 1990

Biografie

Lois Weinberger

Lois Weinberger lebte mit seiner Frau Franziska in Wien, Gars am Kamp und Innsbruck.

Preise, Stipendium, Professur

Vorlesungen und Vorträge 2014–1996 (Auswahl)

  • „Die Erfindung der Landschaft“, Pinakothek der Moderne, München; Architekturmuseum der TUM
  • „Naturally Hypernatural — Concepts of Nature“, Konferenz Universität Graz + School of Visual Arts New York + Universalmuseum Joanneum Graz
  • „Dinner–Speech“: Hayek Colloquium’13, Obergurgl / Tirol
  • „gehen, blühen, fließen — Naturverhältniße in der Kunst“, Symposium Muthesius Kunsthochschule, Kiel
  • „Field Work“: Traverses, Symposium Musée d’Art Moderne Saint Etienne
  • „Field Work“: Accademia di Architettura Mendrisio, CH
  • „Field Work“: DenkraumDonaustadt, Wien
  • „Works in Public Space“: Cherismus Arte Contemporanea in Sardegna
  • „Projects“: Institut für Kunstgeschichte, Universität Innsbruck
  • „Field Work“: Neuland Symposion, Institute for Landscapearchitecture, Leibniz Universität, Hannover
  • „Field Work“: Justus–Liebig–Universität Gießen
  • „About the work“: Dopopaesaggio – Atlante – Symposium Palazzo Pitti, Florenz
  • „About the work“: Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
  • „Projects“: Hochschule für Bildende Künste Dresden
  • „About the work“: Institut für Kunstgeschichte, Universität Innsbruck
  • „Running Projects“: Hochschule der Künste Berlin
  • „Hiriya–Dump“: WATARI–UM Museum of Contemporary Art, Tokyo
  • „Hiriya–Dump“: OK. Zentrum für Gegenwartskunst, Linz
  • „Das Ruderal in der Kultursteppe“: WATARI–UM Museum of Contemporary Art, Tokyo
  • „Hiriya–Dump“: Jerusalem au pluriel – Symposium Musée de la Vieille Chartité Marseilles
  • „Das Ruderal in der Kultursteppe“: 100 Tage – 100 Gäste, documenta X, Kassel
  • „Das Ruderal in der Kultursteppe“: Tiroler Landesmuseum, Innsbruck
  • „Das Andere – im Garten“: Bauhaus Universität Weimar

Einzel- und Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2020 Pine’s Eye, Talbot Rice Gallery, Edinburgh
  • 2020 Slow Life. Radical Practices of the Everyday, Ludwig Museum, Budapest
  • 2020 Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, Kunsthaus Dresden
  • 2020 Basics. Die Idee einer Ausdehnung, Schloss Esterházy, Eisenstadt
  • 2019 Tinguely Museum, Basel (solo)
  • 2019 Watari-Um Museum of Contemporary Art, Tokyo (solo)
  • 2019 Reborn Art Festival, Aij-Island, Miyagi, Japan
  • 2019 Bruegel’s Eye, Dilbeek / Brussels
  • 2018 Frac Franche-Comté, Besancon (solo)
  • 2018 Galerie Krinzinger, Wien (solo)
  • 2018 Salle Principale, Paris (solo)
  • 2018 H.C.Artmann Festival, Breitenseer Lichtspiele, Wien
  • 2018 Folklore, Museum Moderner Kunst, Salzburg
  • 2017 Lois Weinberger Konjunktionen mit Heath Bunting und Ladislav Zajac, nGbK, Berlin (solo)
  • 2017 documenta 14, Athen und Kassel
  • 2017 Jardin infini, Centre Pompidou-Metz, Metz
  • 2017 Nah und Fern, Skulptur Triennale Bingen
  • 2017 Naturgeschichten — Spuren des Politischen, MUMOK, Wien
  • 2017 Transhumance, Centre international d'art et du paysage de Vassivière
  • 2017 nGbK, Berlin (solo)
  • 2016 Aha, this is my natural habitat, mariondecannière artspace, Antwerpen
  • 2016 Die Sprache der Dinge. Materialgeschichten aus der Sammlung, 21er Haus Belvedere Wien
  • 2016 Plant Culture, Attenborough Arts Centre, Leicester
  • 2016 Salle Principale, Paris (solo)
  • 2015 Skulpturenpark, Köln
  • 2015 Kunsthalle Mainz (solo)
  • 2015 S.M.A.K. Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent (solo)
  • 2014 Landscape: the virtual, the actual, the possible? – GuangDong Times Museum, Guangzhou
  • 2014 Kadist Art Foundation, Yerba Buena Center for the Arts, San Francisco
  • 2014 Soleil politique, Museion Bozen
  • 2014 Berlin Photo, Teutloff Photo Collection Bielefeld
  • 2014 Douglas Hyde Gallery, Dublin (solo)
  • 2013 Neue Sammlung, Berlinische Galerie, Berlin
  • 2013 Ephemeropterae, TBA21, Wien
  • 2013 Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck (solo)
  • 2012 Kunst nach 45, Städel Museum, Frankfurt
  • 2012 The Nature of Disappearance, Marianne Boesky Gallery, New York
  • 2012 Tropicomania: the social life of plants, Betonsalon – Centre d'Art et Recherche, Triennale Paris
  • 2012 Botanica, Villa Dieu Seul Sait, Cotonou, Benin (solo)
  • 2011 Musée d'Art Moderne, Saint Etienne (solo)
  • 2009 The Death of the Audience, Wiener Secession
  • 2009 Österreichischer Pavillon, Biennale Venedig
  • 2009 Berlin 89/09 – Kunst zwischen Spurensuche und Utopie, Berlinische Galerie, Berlin
  • 2009 tranzit, Bratislava (solo)
  • 2008 Micro-narratives, Musée d’Art Moderne St. Etienne
  • 2008 Lentos Kunstmuseum Linz (solo)
  • 2007 Das Gartenarchiv. Der Garten in der Kunst, Belvedere Vienna
  • 2007 Kunsthalle Gießen und Neuer Kunstverein Gießen (solo)
  • 2006 Toyota Museum of Art, Toyota
  • 2006 21st Century Museum Contemporary Art, Kanazawa
  • 2006 Arnolfini, Bristol (solo)
  • 2005 EXPO Japan, Nagoya City Arts Museum
  • 2005 50 Jahre documenta, documenta Archiv, Kassel
  • 2005 Involution, CAC / Centre d'art contemporain, Brétigny
  • 2005 S.M.A.K. Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent (solo)
  • 2004 Liverpool Biennale
  • 2004 Kunsthallen Brandts Klaedefabrik, Odense (solo)
  • 2003 Kunstverein Hannover (solo)
  • 2003 Villa Merkel Esslingen am Neckar (solo)
  • 2002 Unexpected selection, The Art Museum Miami
  • 2002 Massachusetts Museum of Contemporary Art
  • 2002 Galerie im Taxispalais, Innsbruck (solo)
  • 2002 Douglas Hyde Gallery, Dublin (solo)
  • 2001 Sonsbeek 9, Arnheim
  • 2001 Bonner Kunstverein (solo)
  • 2000 Museum Moderner Kunst 20er Haus Wien (solo)
  • 2000 Freud Museum London (solo)
  • 2000 Camden Arts Centre, London (solo)
  • 1999 Zeitwenden, Kunstmuseum Bonn
  • 1999 Watari-Um Museum of Contemporary Art Tokio (solo)
  • 1998 Tel Aviv Museum of Art
  • 1998 Villa Medici in Rom
  • 1997 documenta X in Kassel
  • 1991 Biennale São Paulo
  • 1985 De Sculptura, Wien

Kunst im öffentlichen Raum

  • 2018 Wild Cube, Frac Franche-Comté, Besancon (permanent)
  • 2017 Der Canaletto Blick / Laubreise, Erste Bank Campus, Wien (permanent)
  • 2015 Spur, Skulpturenpark Köln (bis 2019)
  • 2014 Laubreise, Klocker-Stiftung Innsbruck (permanent)
  • 2014 Skulptur, Schloss Esterhazy, Eisenstadt (permanent)
  • 2014 Portable Garden, Villa Merkel Esslingen (permanent)
  • 2013 I-weed, Street Art Passage, MuseumsQuartier Wien (permanent)
  • 2013 Wild Cage, Universalmuseum Joanneum, Graz (permanent)
  • 2012 Garden, Gare de Rennes, Les Prairies – Biennale d'Art Contemporain
  • 2011 Wild Cube, 21er Haus Belvedere, Wien (permanent)
  • 2009 VorPlatz, OMV Hoch 2, Headoffice Wien, henke & schreieck architekten (permanent)
  • 2008 Promenade, Parc Bois d'Avaize, Saint Etienne (permanent)
  • 2006 Neue Justizanstalt West, Innsbruck / Arch. Dieter Mathoi (permanent)
  • 2006 Weingut Hofstätter, Tramin / Arch. Walter Angonese (permanent)
  • 2005 Kartographien, Landhaus 2, Innsbruck / frank & probst architekten (permanent)
  • 2005 Kennedy rondpunt – De Bolle, Städtisches Großprojekt, Ostende (permanent)
  • 2004 9 Höfe, Justizzentrum Leoben / Arch. Josef Hohensinn (permanent)
  • 2004 Dachgarten für die Wienbibliothek im Rathaus Wien / Arch. hempel & hempel (permanent)
  • 2002 1a urbane Orte-(Dis)Lokationen, Städtisches Großprojekt Wettbewerb München / zusammen mit plansinn, Wien
  • 2002 Garten, Neues Landesmuseum St. Pölten / Arch. Hans Hollein (permanent)
  • 2000 The Edge of the City, Spacex Gallery, Exeter
  • 1999 Hiriya-Dump, Vorschläge zur neuen Nutzung eines Müllberges bei Tel Aviv, Israel
  • 1999 Garten-eine poetische Feldarbeit, Neue Sozial- und Wirtschaftswissenschaftliche Universität Innsbruck / henke & schreieck architekten (permanent)

Literatur

  • Harald Stadler, Beatrix Nutz, Lois Weinberger: Debris Field, Arbeitsheft 2010–2016, documenta und Museum Fridericianum GmbH (Hrsg.), Kassel 2017
  • Philippe van Cauteren (Hrsg.): Lois Weinberger. Hatje Cantz, Ostfildern 2013 ISBN 978-3-7757-3517-9.
  • Klocker-Stiftung Innsbruck (Hrsg.): Lois Weinberger. Hatje Cantz, Ostfildern 2014 ISBN 978-3-7757-3918-4.
  • Sabine B. Vogel: Lois Weinberger. Objekte – Skulptur in Österreich nach '45. Trummer, Wien 2001.
Commons: Lois Weinberger  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Lois Weinberger – „Der Meister des Unkrauts“ wird 70. In: Salzburger Nachrichten. 24. September 2017, abgerufen am 22. April 2020.
  2. Michael Hausenblas: Künstler Lois Weinberger 72-jährig in Wien verstorben. In: DerStandard.at. 21. April 2020, abgerufen am 21. April 2020.
  3. Süddeutsche Zeitung: Wildwuchs-Apostel. Abgerufen am 27. April 2020.