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vom 02.01.2017, aktuelle Version,

Oberösterreichische Glocken- und Metallgießerei

Die Oberösterreichische Glocken- und Metallgießerei, auch als Glockengießerei St. Florian bekannt, war eine Glockengießerei im oberösterreichischen St. Florian. Mit diesem Betrieb verbindet man vor allem Österreichs berühmteste Glocke, die Neue Pummerin, die hier gegossen wurde.

Unternehmen

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs, in dem zahlreiche Kirchenglocken beschlagnahmt und zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurden, beschlossen hohe Geistliche, eine Glockengießerei zu gründen, um den nach Kriegsende erwarteten Bedarf an neuen Glocken zu decken.

Die Gießerei wurde am 17. Februar 1917 gegründet. Zu den Gesellschaftern zählten die Diözese Linz und zahlreiche Klöster: Stift Admont, Stift Altenburg, Stift Göttweig, Stift Lambach, Stift Reichersberg, Stift St. Lambrecht, Stift St. Florian, Stift Schlägl, Stift Schlierbach, Stift Vorau und Stift Wilhering.

Erster Direktor war der oberösterreichische Glockengießer Anton Gugg, der bis 1914 in Linz seine eigene Gießerei betrieben hatte (dort hatte er 1901 das noch heute bestehende Geläut des Linzer Mariä-Empfängnis-Doms gegossen, 7 Glocken auf f0 mit 17.770 kg Gesamtgewicht). Erst nach Ende des Ersten Weltkrieges, am 27. November 1919, wurden unter seiner Leitung in der neugegründeten Gießerei in St. Florian die ersten fünf Glocken gegossen.

Am 4. Februar 1920 wurde Johann Dettenrieder neuer Direktor, der vor dem Krieg in mehreren bayerischen Glockengießereien gearbeitet hatte und zuletzt Gussmeister bei Kortler in München war.

Bis zum Anschluss im Jahr 1938 wurden in St. Florian insgesamt 1618 Glocken gegossen.[1] In der NS-Zeit wurde die Gießerei enteignet und Eigentum des Reichsgaus Oberdonau.[2]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Glockenguss wieder aufgenommen, zunächst wohl wieder unter Dettenrieders Leitung. Um 1947 wurde dann Dipl.-Ing. Karl Geiß (bzw. Geisz) Direktor, der an der Glockengießerschule der Glockengießerei Heinrich Humpert in Brilon ausgebildet worden war. Dettenrieder blieb Gussmeister. Nach dem Tod von Karl Geiß übernahm Direktor Dr. Eigelsberger 1953 die Leitung der Gießerei.

Da in Österreich der Bedarf an neuen Glocken immer weiter zurückging, wurde 1973 der Glockenguss eingestellt, die Metallwarenfabrik jedoch weiter betrieben. Am 12. Oktober 1994 musste der Betrieb endgültig Konkurs anmelden.[3]

Seit dem Jahr 1999 wird das Gelände der ehemaligen Gießerei durch das Technologie- und Innovationszentrum St. Florian genutzt.

Mit Stand 2015 ist die Glockengießerei Grassmayr (Innsbruck) die letzte Erzeugungsstätte für große Glocken in Österreich[4], die größte dort gegossene Glocke, die Taborglocke aus 2012 ist jedoch kleiner als die Pummerin von 1951 aus Sankt Florian.

Guss der Pummerin

Am Wiederaufbau des im Krieg schwer beschädigten Wiener Stephansdoms beteiligten sich alle österreichischen Bundesländer. Als Beitrag Oberösterreichs versprach Landeshauptmann Dr. Heinrich Gleißner im Jahr 1950, eine neue Pummerin gießen zu lassen. Ihre Vorgängerin war beim Brand des Domes am 12. April 1945 aus dem Glockenstuhl abgestürzt und zerborsten. Den Auftrag erhielt die Oberösterreichische Glockengießerei.

Für den Guss wurde extra ein neuer, größerer Schmelzofen mit 27.000 kg Fassungsvermögen gebaut, und eine neue Glockenrippe entworfen. Der erste Guss am 26. Oktober 1950 vor zahlreichem Publikum misslang, da glühende Glockenspeise ausfloss. Die neue Glocke musste am 5. September 1951 ein zweites Mal gegossen werden – diesmal ohne Publikum. Dieser Guss gelang perfekt. Bis 25. April 1952 wurde die Pummerin in Linz ausgestellt, bevor sie als Geschenk des Bundeslandes Oberösterreich feierlich nach Wien überstellt werden konnte. Nach ihrer Weihe hing sie zunächst provisorisch an einem Gerüst neben dem Dom, seit 1957 befindet sie sich am Nordturm.

Karl Geiß kam in der Silvesternacht 1952 bei einem Autounfall ums Leben. In der gleichen Nacht, als die Pummerin zum ersten Mal das neue Jahr einläutete, brach nach dem 10. Glockenschlag der Klöppel, der noch von der Alten Pummerin stammte.[5]

Karl Geiß wurde 1957 von der Stadt Wien geehrt, indem die Karl-Geiß-Gasse in Liesing nach ihm benannt wurde.

Glockenrippen

Zunächst wurde die Glockenrippe der Gießerfamilie Gugg verwendet, eine Barockrippe vom Septimtyp.

Da Pfundner in Wien bereits die klanglich bessere Oktavrippe verwendete, führte Dettenrieder 1928 ebenfalls eine solche Rippenform ein. In dieser sogenannten Kordlerrippe wurden die meisten Glocken dieser Gießerei hergestellt. Der Name dieser Rippe leitet sich wohl von der Gießerei Kortler her, in der Dettenrieder zuvor tätig gewesen war.

Für die Pummerin entwarf Karl Geiß 1950 eine neue Form, die Briloner Rippe (benannt nach der Briloner Glockengießerschule, die Geiß besucht hatte). Soweit bekannt ist wurde diese Rippe aber außer der Pummerin nur für das Geläut der Basilika Mariazell verwendet.

Glockenproduktion

Unter den 1618 Glocken, die in der Zwischenkriegszeit gegossen wurden, sind folgende besonders erwähnenswert:

  • Dreikönigskirche in Hittisau: 5-stimmiges Geläut auf a0, gegossen 1921. Es war das größte in der Zwischenkriegszeit in St. Florian gegossene Geläut, nur die kleinste Glocke ist davon erhalten.
  • Pfarrkirche St. Stephan in Braunau am Inn: 5-stimmiges Geläut auf c1, gegossen 1925. Als einziges Geläut der Zwischenkriegszeit aus St. Florian ist es komplett erhalten.
  • Stift Lambach: 5-stimmiges Geläut auf c1, gegossen 1928. Es war das erste große Geläut in Kordlerrippe. Nur die große Glocke ist erhalten.

Nach 1945 wurden etwa 2.500 Glocken gegossen, darunter in zeitlicher Reihenfolge unter anderem folgende bedeutende Werke:

  • Stadtturm Enns: 7-stimmiges Geläut auf h0, gegossen 1948.
  • Stadtpfarrkirche St. Veit in Krems an der Donau: 4 Glocken auf h0, gegossen 1948 als Ergänzung zu zwei Barockglocken von Mathias Prininger.
  • Stift Admont: 7-stimmiges Geläut auf b0, gegossen 1948-50.
  • Stift Kremsmünster: 8 Glocken auf b0, gegossen 1949 als Ergänzung älterer Glocken (heute Glocken 4, 5 und 11).
  • Basilika Mariazell: 4 Glocken auf g0, gegossen 1950 als Ergänzung zu einer alten Glocke (heute Glocke 2). Die große Glocke wiegt 5.702 kg, ihr Durchmesser beträgt 210 cm. Bei diesem Geläut wurde noch vor der Pummerin erstmals die Briloner Rippe verwendet.
  • Stadtpfarrkirche St. Ägidius in Steyr: 7-stimmiges Geläut auf h0, gegossen großteils 1950, die beiden großen Glocken 1956 bzw. 1957.
  • Wiener Stephansdom: die Pummerin mit Schlagton c0, gegossen 1951. Mit 20.130 kg Gewicht und 314 cm Durchmesser ist sie das bei weitem größte und berühmteste Werk dieser Gießerei.
  • Basilika Mariatrost in Graz: 4-stimmiges Geläut auf b0, gegossen großteils 1953, die große Glocke bereits 1950.
  • Stift Schlägl: 4 Glocken auf b0, gegossen 1954 als Ergänzung zu einer alten Glocke (heute Glocke 2).
  • Dreikönigskirche in Hittisau: 3 Glocken auf a0, gegossen 1956 bzw. 1968 als Ergänzung zur verbliebenen kleinen Glocke aus der Zwischenkriegszeit und einer Glocke von Glockengießerei Grassmayr aus dem Jahr 1949 (heute Glocke 3).
  • Stift Göttweig: große Glocke, genannt Prälatenglocke, auf g0, gegossen 1960. Sie wiegt 5.614 kg, ihr Durchmesser beträgt 209,5 cm.
  • Stift Reichersberg: 6-stimmiges Geläut auf h0, großteils gegossen 1963-64, Glocke 4 bereits 1948.

Literatur

  • Jörg Wernisch: Glockenkunde von Österreich. Journal-Verlag, Lienz 2006.

Einzelnachweise

  1. Geschichtsorte Oberösterreichs von 2007 abgerufen am 31. Jänner 2010
  2. Raub und Zwangsarbeit in den OÖ Nachrichten abgerufen am 31. Jänner 2010
  3. Der Kampf gegen die Aluschmelze im Jahr 1995 (PDF; 381 kB) in Grünes St. Florian, Ausgabe 4/2008. Abgerufen am 31. Jänner 2010. Am 5. Mai 2015 nicht mehr abrufbar.
  4. http://oe1.orf.at Gudrun Braunsperger: Wenn die Glocken Frieden läuten, Schwingung und Stimmung eines archaischen Instruments (Folge 2). ORF Ö1 Radiokolleg, 5. Mai 2015, 09h45 - 7 (14) Tage nachhörbar.
  5. Die neue Pummerin und der alte Klöppel. In: Arbeiter-Zeitung. Wien 3. Jänner 1953, S. 3.
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