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vom 20.11.2016, aktuelle Version,

Tote Stadt III

Tote Stadt III
Egon Schiele, 1911
Öl auf Holz
37,3 × 29,8 cm
Leopold Museum Wien

Tote Stadt III ist ein expressionistisches Gemälde von Egon Schiele aus dem Jahr 1911. Es hatte sich bis zu dessen Tod im Eigentum des Wiener Kabarettisten Fritz Grünbaum befunden und gelangte nach den Wirren der NS-Zeit schließlich durch Tausch mit dem New Yorker Kunsthändler Otto Kallir an den Kunstsammler Rudolf Leopold. Aufgrund des Verdachts NS-Raubkunst zu sein, wurde es 1998 bei einer Ausstellung in New York City beschlagnahmt, im folgenden Jahr aber wieder an die Leopold Museum Privatstiftung Sammlung Leopold herausgegeben.

Beschreibung

Das Gemälde ist ein kleines Werk auf Holz mit den Maßen 37,3 × 29,8 Zentimeter und eine Variation des mehrfach ausgeführten Motivs einer Sicht auf die böhmische Stadt Český Krumlov, mit deutschem Namen Krumau, vom Schlossberg aus gesehen. Es ist die Geburtsstadt der Mutter Schieles, in die der Maler sich mehrfach aus dem Wiener Großstadtleben zurückzog.[1] Das Bild zeigt eine Häusergruppe, an drei Seiten von einem tiefblauen Ring, der die Moldau symbolisiert, umschlossen, so dass die Ortschaft isoliert und in einem unbestimmbaren, abstrakten Raum zu schweben scheint. In dem Gemälde wird die Entwicklung des Künstlers gesehen, Darstellungen der Natur nicht nur als Ausdruck für Stimmungen und Empfindungen zu nutzen, sondern als Träger tiefsinniger und hintergründiger Inhalte. Die Stadt wird im besten Sinne einer nature morte zum Stillleben, „geheimnisvoll und visionär aus dem Dunkel auftauchend“.[2]

Provenienz

Tote Stadt III wurde von dem Kunsthistoriker Arthur Roessler (1877–1955) direkt vom Künstler gekauft, von diesem an den Rechtsanwalt Alfred Spitzer (1861–1923) weiterveräußert und schließlich zwischen 1925 und 1928 durch den Wiener Kabarettisten Fritz Grünbaum (1880–1941) erworben. Bei dem Tod Grünbaums im KZ Dachau und der Deportation seiner Frau Lilly Grünbaum (1898–1942) in das Vernichtungslager Maly Trostinez war das Bild bereits im Besitz von Mathilde Lukacs, der Schwester von Lilly Grünbaum. Sie hatte bei ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten 1938 Teile der Grünbaumschen Kunstsammlung nach Belgien ausführen können.[3] Am 22. Mai 1956 verkaufte Mathilde Lukacs die Tote Stadt III an die Kunsthandlung Klipstein & Kornfeld in Bern, von dort wurde es am 24. September 1956 an Otto Kallir, Inhaber der Galerie St. Etienne in New York weiterveräußert. 1958 erwarb Rudolf Leopold das Gemälde wiederum von der Galerie St. Etienne.

Bei einer Schiele-Retrospektive in New York Ende 1997 wurde das Gemälde mit zahlreichen weiteren Werken Schieles aus der Sammlung Leopold im Museum of Modern Art ausgestellt. Am 1. Januar 1998 erwirkten die in den USA lebenden Verwandten Fritz und Lilly Grünbaums aufgrund eines Herausgabeverlangens die Beschlagnahme des Bildes durch die New Yorker Staatsanwaltschaft, wie auch die Sicherstellung des Bildnis Wally auf Antrag der Erben von Lea Bondi-Jaray.[4] Im Mai 1998 wurde die gerichtliche Anordnung bezüglich der Toten Stadt III aufgehoben, da die Erbberechtigung in diesem Fall nicht nachgewiesen werden konnte, das Bild kam zurück in die Sammlung Leopold nach Wien, wo es seit der Eröffnung des Leopold Museums im September 2001 ausgestellt ist. Der Rechtsstreit um das Bildnis Wally dauerte bis Juli 2010 an.

Literatur

  • Gunnar Schnabel, Monika Tatzkow: Nazi Looted Art. Handbuch Kunstrestitution weltweit. Proprietas-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-00-019368-2, S. 392 (Fall 66)

Einzelnachweise

  1. Schiele Art Centrum: Schiele und Krumau, abgerufen am 28. Dezember 2011
  2. Erwin Mitsch: Egon Schiele 1890–1918, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1975, ISBN 3-423-01064-9, S. 35
  3. Sonja Niederacher: Dossier Fitz Grünbaum. Provenienzforschung 30. Juni 2010 (PDF-Datei; 541 kB), abgerufen am 28. Dezember 2011
  4. Eine Frage der Herkunft, Artikel Die Welt vom 31. Oktober 2001, abgerufen am 28. Dezember 2011