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vom 09.06.2017, aktuelle Version,

Werner Scholz (Maler)

Werner Scholz (* 23. Oktober 1898 als Werner Ferdinand Ehrenfried Scholz in Berlin; † 5. September 1982 in Schwaz, Tirol) war ein deutsch-österreichischer Maler.

Werner Scholz ist ein Vertreter der zweiten Generation des deutschen Expressionismus. Als Zeitgenosse von George Grosz und Otto Dix stellte er das Großstadtleben in Berlin dar. Seine mit kräftigem Gestus gemalten Bilder zeigen den Menschen in seiner existentiellen Einsamkeit und Not (Witwer [1927], Winterweg [1927], Paar am Wasser [1927], Am Bülow-Bogen [1928], Paar [1929], Streit [1930], Mord [1930], Hunger [1931]). Nach seiner Verfemung als „entarteter Künstler“ durch die Nationalsozialisten zog er sich im Jahr 1939 in das Tiroler Bergdorf Alpbach zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Leben

Werner Scholz, Sohn des Architekten Ehrenfried Scholz (eines Schülers von Walter Gropius) und der Pianistin Elisabeth, geb. Gollner, begann 1916 ein Studium der Malerei an der Berliner Hochschule für bildende Künste. Scholz rückte als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg ein. An seinem 19. Geburtstag (am 23. Oktober 1917) wurde er in Frankreich, Chemin des Dames, schwer verletzt und verlor in der Folge seinen linken Unterarm. In den Jahren 1919 - 1920 setzte er sein Studium der Malerei an der Berliner Hochschule für bildende Künste fort. 1920 verließ Scholz die Kunsthochschule und bezog ein Atelier am Nollendorfplatz in Berlin.

Berlin

Mit kräftigem Gestus schilderte Scholz in den 1920er- und 1930er-Jahren mit expressionistischen Stilmitteln Not und Elend des Kleinbürgertums im Berlin der Nachkriegszeit. Werner Scholz war neben George Grosz, Otto Dix und Max Beckmann ein Angehöriger der zweiten Generation des deutschen Expressionismus. Die Ölbilder in der Zeit von 1919 bis 1945 sind zunächst von einer gedämpften Farbtonalität, jedoch von enormer Expressivität. Wie Franz Frank, Albert Birkle und Otto Pankok ist Werner Scholz ein Vertreter des Expressiven Realismus, der nichts beschönigt und wie in dem 1933 gemalten Ölbild Die Vertriebenen die unheilvolle Zukunft vorausgeahnt hat.

Im Nationalsozialismus

Scholz hat sehr früh die Gefährdung der deutschen Kultur und Zivilisation durch den aufsteigenden Nationalsozialismus erkannt und dazu auch publizistisch Stellung genommen. Im „Tagebuch“ vom 17. Januar 1931 findet man folgende Ausführungen von ihm: „Ja, es ist höchste Zeit, sich der wütenden Kulturzerstörerei der Nazis entgegenzustemmen, ihr mit tatkräftiger Arbeit zu antworten. Papierne Pamphlete und Proteste werden heute, wie uns die täglichen Ereignisse beweisen, gegenstandslos. Die Frevel, die sich Faschisten bereits auf legale Weise leisten können, müssen in ihrer Verantwortungslosigkeit vor der gesamten Öffentlichkeit demonstrativ aufgezeigt werden. Und zwar dauernd und systematisch, durch Schaffung einer Kampfgemeinschaft, die alle Kulturmittel einschließt, die ihren Kampf bis auf die Straße trägt, alle Propagandamittel nützt, um große Bevölkerungsschichten zu erfassen, die immer wieder in die Gehirne hämmert, was sein wird, wenn diese gefährliche Reaktion an die Macht kommt.“[1] Seine bildnerische Antwort ist von ähnlicher Vehemenz (Waisenkinder [1932], Das tote Kind [Triptychon 1933], Kind zwischen Gräbern [1933], Die Vertriebenen [1933], Frierendes Kind [1934]). Scholz war Mitglied des Deutschen Künstlerbundes und stellte seine Werke bis zur letzten, zwangsgeschlossenen Ausstellung in Hamburg auf den DKB-Jahresausstellungen aus.[2]

In der nationalsozialistischen Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ in München im Jahr 1937, in der die wesentlichen Vertreter des deutschen Expressionismus von den Nationalsozialisten diffamiert worden sind, befanden sich zumindest zwei Bilder von Scholz: das große Triptychon Das tote Kind und das Stilleben mit Amaryllis. Scholz wurde als „entarteter Künstler“ von den Nationalsozialisten mit einem Ausstellungsverbot belegt.

Alpbach (Tirol)

Das Haus in Alpbach: Büchsenhausen

Im Jahr 1939 übersiedelt Scholz von Berlin nach Alpbach in Tirol, das er aus früheren Aufenthalten gut kannte, und erwarb dort mit seiner Frau Ursula das Haus "Büchsenhausen". Sein Berliner Atelier wurde im Jahr 1944 durch ein Bombardement völlig zerstört. Nahezu sämtliche Ölbilder seiner Berliner Schaffenszeit, die Werner Scholz dort geheim versteckt hatte, wurden vernichtet.

Das Tiroler Bergdorf Alpbach war für Scholz schon früh ein Antipode zur gehetzten Welt der Großstadt. Hier entstanden sehr ausdrucksstarke Bilder, die die kirchlich gebundene bäuerliche Gesellschaft darstellen (Die Mönche [1932], Alter Bauer [1932], Reliquie [1932], Betende [1932], Nonne [1932], Das tote Kind [Triptychon 1933], Kirchhof [1933], Grabkreuz [1933], Kind zwischen Gräbern [1933], Frierendes Kind [1934], Lichterprozession [Triptychon 1934], Firmlinge [1935]). Auch in diesen Bildern kommt es Scholz nicht auf die realistische Darstellung der bäuerlichen Welt an. Mit einem kräftigen Gestus zeigt er vielmehr das Wesentliche, Existenzielle dieser so anderen Welt auf.

Nach 1945 wandte sich Werner Scholz in seinem Werk intensiv der kirchlich geprägten bäuerlichen Gesellschaft (Der Kirchenfürst, Triptychon [1960–1961]) und dem Landschaftsbild zu (Gewittersonne [1942], Sturm [1951], Mond hinter kahlen Bäumen [1953], Alpbach [1957], Der Berg [1957], Lago di Bernaco [1960], Mondwolke [1961], Die Nacht [1961], März [1963], Bergkirche [1964], Im Apennin [1964], Am Gardasee [1965]). Seine Farbpalette hellt sich zunehmend auf und wird immer intensiver.

Im Jahr 1954 malte Scholz im Auftrag der Firma Krupp das Stahl-Triptychon, dem eine große Anzahl von Bildern aus der Industriewelt des Ruhrgebiets folgten: so etwa Feuer [1955], Kesselpauke [1955], Schaufelbagger [1955], die Schlemmer [1955], Dampfer, Schlepper [1955] und Hochofenbatterie [1956][3]

Die intensive Beschäftigung mit Mythen führte Scholz dazu, ab dem Jahr 1948 einen umfangreichen Pastellzyklus über das Alte Testament zu schaffen. Über die Offenbarung des Johannnes, den Gottsucher Hiob und die Sprüche Salomons entstanden Folgen. Der Pastellzyklus "Offenbarung des Johannes" wurde von der Graphischen Sammlung Albertina in Wien angekauft. Intensiv widmete sich Scholz in dieser Zeit in einer Serie von 113 Pastellen und einigen Ölbildern auch der griechischen Mythologie. Daneben schuf Scholz eine große Anzahl von Pastellen und Ölbildern mit Naturdarstellungen und Darstellungen der kirchlich geprägten bäuerlichen Gesellschaft.

Am 5. September 1982 starb Werner Scholz in Schwaz in Tirol.

Werke (Auswahl)

  • 1927 Witwer, Öl auf Pappe
  • 1927 Winterweg, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1927 Paar am Wasser, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1928 Am Bülow-Bogen, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1929 Paar, Öl auf Pappe, Eremitage St. Petersburg
  • 1930 Streit, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1930 Mord, Öl auf Pappe
  • 1931 Hunger, Öl auf Pappe, Wallraf-Richartz-Museum, Köln
  • 1932 Nonne, Pastell
  • 1932 Die Mönche, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1932 Alter Bauer, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1932 Reliquie, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1932 Waisenkinder, Öl auf Pappe
  • 1932 Betende, Öl auf Pappe, Lehmbruck Museum, Duisburg
  • 1932 Nonne, Öl auf Sperrholz
  • 1933 Mondnacht, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1933 Das tote Kind (Triptychon, verschollen)
  • 1933 Kirchhof, Öl auf Pappe, Fränkische Galerie, Nürnberg
  • 1933 Grabkreuz, Öl auf Pappe
  • 1933 Kind zwischen Gräbern, Öl auf Pappe
  • 1933 Die Vertriebenen, Öl auf Pappe, Märkisches Museum (Witten)
  • 1933 Sterbende Tänzerin, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1934 Frierendes Kind, Öl auf Pappe, Staatsgalerie Stuttgart
  • 1934 Novembersonne, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1934 Lichterprozession (Triptychon), verschollen
  • 1935 Menschenpaar, Öl auf Pappe, Nationalgalerie (Berlin)
  • 1935 Firmlinge, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1937 Der Schmerzensmann (Triptychon), Öl auf Pappe, Kunsthalle Mannheim
  • 1938 Der Stern, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1942 Gewittersonne, Öl auf Pappe
  • 1943 Die Witwe, Öl auf Holz, Privatbesitz
  • 1943 Die Kinder, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1946 Zirkusreiterin, Öl auf Pappe, Nationalgalerie (Berlin)
  • 1947 Gefangener Vogel, Öl auf Karton, Österreichische Galerie Belvedere
  • 1948 Simson zerbricht die Säulen, Pastell, Privatbesitz
  • 1948 Davids Wehklage, Pastell, Privatbesitz
  • 1948 Naemi erbaut Jerusalem, Pastell, Privatbesitz
  • 1948 Psalmensänger, Pastell, Privatbesitz
  • 1949 Saul, Öl auf Holz, Privatbesitz
  • 1951 Jesus, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1951 Rahel, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1951 Antigone, Öl auf Pappe, Museum Folkwang, Essen
  • 1951 Sturm, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1952 Minotaurus, Öl auf Pappe
  • 1952 Orpheus, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1952 Taube der Aphrodite, Öl auf Holz, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München
  • 1953 Athena mit der Eule, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1953 Mond hinter kahlen Bäumen, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1955 Dampfer und Schlepper, Öl auf Holz, Museum Folkwang, Essen
  • 1955 Eisenbahnbrücke, Öl auf Holz
  • 1955 Mondlicht, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1955 Tropischer Falter, Öl auf Holz, Privatbesitz
  • 1955 Aus einem Hüttenwerk, Öl auf Pappe
  • 1956 Gasfackel, Öl auf Hartfaser
  • 1956 Nacht im Revier, Öl auf Pappe
  • 1957 Alpbach, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1957 Der Berg, Öl auf Pappe, Wallraf-Richartz-Museum, Köln
  • 1958 Tauernkirche, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1960 Lago di Benaco, Öl auf Hartfaser
  • 1960 Die Nacht, Öl auf Hartfaser, Hamburger Kunsthalle
  • 1960/61 Der Kirchenfürst (Triptychon), Öl auf Hartfaser, Lehmbruck Museum, Duisburg
  • 1961 Mondwolke, Öl auf Hartfaser
  • 1961 Die Nacht, Öl auf Pappe, Privatbesitz
  • 1962 Sonnenuntergang, Öl auf Hartfaser, Privatbesitz
  • 1962 Medea, Öl auf Hartfaser
  • 1962 Antigone, Öl auf Pappe
  • 1962 Judith, Öl auf Hartfaser, Privatbesitz
  • 1963 März, Öl auf Hartfaser, Privatbesitz
  • 1963 Doge, Öl auf Hartfaser, Privatbesitz
  • 1964 Bergkirche, Öl auf Hartfaser
  • 1964 Im Apennin, Öl auf Hartfaser, Privatbesitz
  • 1965 Am Gardasee, Öl auf Hartfaser
  • 1965 Lucrecia Borgia, Öl auf Hartfaser

Werkverzeichnis

  • Claudia Grasse, Werner Scholz, Werkkatalog zum 100. Geburtstag, Alpbach 1998.

Publikationen

  • Die Aktion in „Tagebuch“, 17. Januar 1931
  • Kunst ist kein bloßes, unterhaltendes Spiel, Das Kunstblatt, 15. Jg. 1931
  • Emil Nolde, Die Familie, Museum der Gegenwart, Zeitschrift der deutschen Museen für neuere Kunst, Jg. 3, Heft 2, 1932
  • Nachkrieg in der Malerei, Berliner Tagblatt, 1. Januar 1933 und Die Presse (Wien), 4. Mai 1948
  • Das Schlagwort Expressionismus, Kurier (Wien) 14. September 1946
  • Emil Nolde, Stimme Tirols, 27. August 1947
  • Kunst hat kein Programm, Die Neue Zeitung, 5. Juli 1950
  • Pastelle zum Alten Testament, Katalog der Kestner-Gesellschaft zur Werner Scholz-Ausstellung, September 1950
  • Die Kunst unserer Tage, Katalog zur Ausstellung Werner Scholz, Kölnischer Kunstverein 1953.

Einzelausstellungen

Literatur

  • Adolf Behne: Werner Scholz, Potsdam 1948.
  • Otto H. Förster: Werner Scholz, Essen 1948.
  • P.O. Rave, Kunstdikdatur im Dritten Reich, Hamburg 1949.
  • P.F. Schmidt, Geschichte der modernen Malerei, Stuttgart 1952.
  • Ernst Köhn: Werner Scholz, Essen 1955.
  • G. Händler, Deutsche Malerei der Gegenwart, Berlin 1956.
  • Karl Gustav Gerold: Deutsche Malerei unserer Zeit. München 1956.
  • Bernard S. Myers: Die Malerei des Expressionismus. Köln 1957.
  • Franz Roh: Geschichte der deutschen Kunst von 1900 bis zur Gegenwart. München 1958, S. 166.
  • W. Grohmann, Neue Kunst nach 1945, Köln 1958.
  • Bernard S. Myers: The German Expressionists. A Generation in Revolt., New York 1963.
  • Hans-Georg Gadamer: Bild und Gebärde, Kleine Schriften II, 1967.
  • Hans-Georg Gadamer: Werner Scholz, Aurel Bongers, Recklinghausen 1968.
  • Walther Killy, Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie. Band 9. Saur, München 1996, ISBN 3-598-23163-6, S. 111.
  • Brockhaus Enzyklopädie, 21. Auflage. Band 24. 2006, ISBN 3-7653-4145-2, S. 411.
  • Rainer Zimmermann: Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus 1925 – 1975, München 1980, S. 26, 88, 105, 113, 142, 159.

Einzelnachweise

  1. Hans-Georg Gadamer, Werner Scholz, 32.
  2. 1936 verbotene Bilder, Ausstellungskatalog zur 34. Jahresausstellung des DKB in Bonn, Deutscher Künstlerbund, Berlin 1986. (S.98/99: DKB-Mitgliederverzeichnis 1936)
  3. Claudia Grasse, Werner Scholz, Werkkatalog zum 100. Geburtstag, 13.