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Einige Wortspielereien von Abraham de Santa Clara mit steirischen Orts- und Straßennamen#

von Günther Jontes

Wortgewaltiger Prediger, der den Menschen so mächtig ins Gewissen reden konnte, dass Kaiser Leopold I. den gebürtigen Schwaben aus der Steiermark an den Hof nach Wien berief: Abraham a Sancta Clara, der Mönch, dem nichts Menschliches fremd war.

Todernster Mahner, der in Zeiten der Pest die furchterfüllten Menschen dazu aufrief, für ihr Seelenheil zu sorgen und in donnernden Reden die Schrecken der Hölle für unbußfertiges Leben malte: Abraham a Sancta Clara, dem Engel und Teufel gleichermaßen vertraut waren.

Erreger fröhlichster Heiterkeit, wenn er Christi Auferstehung mit Lächeln, Grinsen, Lachen im Ostergelächter mit seinen Geschichtchen, Märlein und Witzen umrankte: Abraham a Sancta Clara, der dann all dies auch noch über die Tinte und Druckerschwärze in die Welt entließ und uns so nach Jahrhunderten noch teilhaben lässt an seiner Person und seiner Zeit.

Abraham war kein österreichischer Landsmann. Er wurde als Ulrich Megerle 1644 in Kreenheinstetten bei Meßkirch in Baden-Württemberg geboren und starb 1709 in Wien, wo er in der Ordensgruft der Augustinerkirche begraben liegt. Mit etwa 600 Einzeltiteln gilt er als der fleißigste und fruchtbarste deutsche Barockautor. Als junger Mann trat er dem Augustiner-Barfüßer-Orden bei, wo er den für diese Ordensgemeinschaft typischen Namen Abraham a Sancta Clara annahm. In Wien erregte er mit seinen die Missstände der Zeit geißelnden Predigen ungeheures Aufsehen und in aller Öffentlichkeit strömten tausende zu seinen aufrüttelnden Kanzelreden, die trotzdem auch voller satirischer Ausritte und witziger Anekdoten waren. Da er auch kräftig gegen Juden, Türken und Frauen polemisierte bekam er noch 2018 in der 4. Auflage des Werkes „Grazer Straßennamen“ einen schwarzen Punkt. In der steirischen Hauptstadt ist nämlich eine schmale und kurze Altstadtgasse nach ihm bekannt.

Sein Aufenthalt im Wiener Augustinerkloster wirkte so nachhaltig, dass Kaiser Leopold I. ihn 1677 zum kaiserlichen Hofprediger ernannte, nachdem er schon 1673 zum ersten Mal vor dem kaiserlichen Hofstaat gepredigt hatte. Die 1679 beginnende und elf lange Monate andauernde Pest, der tausende Menschen zum Opfer fielen, überlebte er und der literarische Reflex darauf war sein Werk „Merck`s Wien!“. 1682 wurde er dann von seinem Orden nach Graz versetzt, wo er im Augustinerkloster am Münzgraben Sonntagsprediger wurde und 1686 Prior wurde.

In seinen Schriften trieb er auch humorvolle Vergleiche mit steirischen Orts-, aber auch Straßennamen, wie etwa in Graz. In einer Predigt über den hl. Rochus, einen Pestpatron, richtete er seinen Blick auch auf die Südsteiermark. Der Text von 1687 ist in seinem kraftvollen Frühneuhochdeutsch zu lesen. Es wurden nur die Groß-Klein-Schreibung und die Satzzeichen auf das heutige Deutsch hin normalisiert.

I.

In Steirmarkt seindt 2 Erter, die ligen nit weit von einander, eins haist Ernhausen, das ander Leibniz. In der Welt seindt gemeiniglich diese 2 nahent bei einander. Ehrnhaus,;Leibnüz, dan man ehrt den Leib auff alle Weis, man geht mit im vmb wie Tobias mit seinem Hindl durch schmaicheln. Es haist halt Ehrhaus, Leibniz. Den Leib ehrt man, aber solche seindt Inimici crucis Christi, quorum Deus venter est, deren Leib Gott ist. Die den Leib wie Gott verehren, seint Feindt des X Christi.

Die Orte Ehrenhausen und Leibnitz, mit deren Namen Abraham spielt, liegen unweit der heutigen Staatsgrenze zu Slowenien. Mit dem „Hündlein“ meint er den Begleiter des biblischen jungen Tobias, der auf einer Reise vom Erzengel Raphael und einem Hund beschützt wurde. Weiter meint er und verfällt damit ins Lateinische, dass diejenigen Feinde des Kreuzes Christi seien, deren Gott der Bauch ist, deren Leib Gott ist. Mit X wird einfach das Wort Kreuz gekürzt in den Text gestellt.

II.

Der folgende Predigtteil nimmt Bezug auf die katastrophale Pestepidemie, die 1680 auch die Hauptstadt Graz erreichte und der mit 3485 Toten 20% der städtischen Bevölkerung zum Opfer fielen. Abraham beschreibt in Versen, wie der Schwarze Tod sich durch die Gassen bewegt und niemanden verschont. Er zeichnet ihn in furchterregenden Weise wie einen der apokalyptischen Reiter.

Anno 1680 ist der wüttende Todt zu Grätz auff seinem Pferdt durch alle Gassen gesprengt / biß er endlich in ein Grueben gefallen / vnd den Halß gebrochen.

Er ist kommen in die Spor-Gassen / da hat es gehaissen
Meinem Pferdt gib ich die Sporrn
Ich will euch wol ertappen
Ihr seyt gleich hoch / oder nider gebohrn
Ich nimb euch bey der Kappen.

Er ist kommen in die Muhr-Gassen / da hat es gehaissen
Auch bey der Muhr, führ ich mein Cur
Ich will euch wol curiren.
Fort / fort / Allo! Bereit euch nur
Ihr müst von dann marschiren.

Er ist kommen in die Schmidt-Gassen / da hat es gehaissen
Schlagt wacker mit dem Hammer zue
Mein Pferdt braucht auch Hueffeysen.
Im Grab wird ihr bald haben Ruhe
Daß will ich euch wol weisen.

Er ist kommen in die Stämpffer-Gassen / da hat es gehaissen
Widersetzen werd ihr euch nit
Trutz sapermost ihr Stämpffer
Ihr ghört zugleich in meinen Schnitt
Ich bin der beste Kämpffer.

Er ist kommen in die Herren-Gassen / da hat es gehaissen
Ihr hoch- und wohlgebohrne Leuth
Seyt gnädig all zusammen
Doch laß ich euch auch nit vnkeit
Ihr Gestreng / das ist mein Namen.

Er ist kommen in die Hof-Gassen / da hat es gehaissen
Ein Hof-Mann gib ich gar nit ab
Bin gar ein grober Schlegel
Ich wirff den Herrn / vnd Knecht ins Grab
Triff König / vnd auch Kegl

Er ist kommen in das kälberne Viertel / da hat es gehaissen
Das kälberne Fleisch ist nit mein Speiß
Ich bin der Menschen-Fresser:
Umb ein Fasttag ich gar nit weiß
Ich machs euch auch nit besser.

Er ist vmb die Statt herumb geritten / zu den Sack-Thor herein
vnd als er in den dritten / vnd anderten Sack kommen / da hat es gehaissen
Ich bin der rechte Greiff in Sack
Stehlen ist schon lang mein Brauch:
Ich nimb das Leben / laß Sack und Back
Bald erfahren wird ihrs auch

1685 hielt Abraham in der Grazer Stadtpfarrkirche eine Predigt, welche er auch in den „Judas, der Ertzschelm“ aufgenommen hat. Er nennt in ihr fünf Gassen der Grazer Innenstadt, das heute noch so geheißene Kälberne Viertel um das Franziskanerklostert und die drei Stadttore in der Sackstraße. Die genannten Gassen heißen alle heute noch so. Die Sporgasse führt steil vom Hauptplatz zum Karmeliterplatz, hatte auf der Höhe des Palais Saurau ein Stadttor und wurde bereits 1346 als Sporergasse genannt. Sie scheint der Verkehrsweg gewesen zu sein, in welchem die Erzeuger der für die Reiter wichtigen Sporen ansässig waren.

Die Murgasse verbindet den Hauptplatz in westlicher Richtung mit der Brücke, die von der Altstadt in die beiden Viertel Lend und Gries führt. Mit diesem Namen kommt die Gasse erst 1487 vor. Sie war durch die beiden Murtore als Stadttore abgesichert.

1325 wird die Gasse, in der die meisten Schmiedewerkstätten standen, erstmals als Schmiedgasse bezeichnet. Handwerker, die mit Feuer arbeiteten, verlegt man gerne wie in diesem Fall aus dem Zentrum weg an die Stadtmauer, also an den äußersten Rand.

Die Stempfergasse ist der erster Grazer Verkehrweg, der nach einer Bürgerfamilie benannt ist, nämlich 1562 nach Marx Stämpfer, der 1545 Stadtrichter und 1546 Bürgermeister gewesen war. Er besaß das Eckhaus Nr. 9 am Eingang zur Herrengasse.

Die Herrengasse führt vom Hauptplatz in südlicher Richtung zum Platz Am Eisernen Tor. In ihr standen 24 adelige und 47 bürgerliche Häuser. Da hier im Landhaus die landesständischen Behörden, die Herren tagten, wurde sie 1476 erstmals als Herrengasse genannt.

Die Hofgasse zweigt von der Sporgasse in östlicher Richtung ab und führt an Freiheitsplatz, Schauspielhaus, Alter Universität und Jesuitenkolleg, Burg und Dom vorbei zum Burgtor, einem der beiden erhalten gebliebenen Grazer Stadttore. Erst seit 1728 heißt sie Hofgasse, was sich auf den landesfürstlichen Hof in der Grazer Burg bezieht.

Auch das Kälberne Viertel aus Abrahams Versen wird heute im Volksmund noch so genannt. Hier in unmittelbarer Nähe zum Murfluss wurde das Vieh geschlachtet und deshalb hatten hier die meisten Fleischhauer ihre Läden bzw. Verkaufsbänke. Noch heute gibt es hier Stände, an welchen man sich mit einer steirischen Wurstjause vergnügen kann. An drei Seiten umschließt dieses Viertel das Franziskanerkloster mit seiner Ordenskirche.

Abraham schließt den tödlichen Ritt der Pest mit der Sackstraße, der er das Prädikat der Seuche als Taschendieb zuschiebt. Sie geht vom Hauptplatz in nördlicher Richtung zwischen Mur und Schlossberg und war einst durch drei Stadttore gesichert, deren Abschnitte man ersten, zweiten und dritten Sack nannte. Sie ist der älteste Grazer Straßenzug.

In der dritten Strophe heißt es schwer verständlich laß ich euch auch nit vnkeit. Das bedeutet, dass er den Leuten die Haut abziehen will, sie nicht ungehäutet bleiben sollen. Und mit Ihr Gestreng zitiert er die offizielle Anrede an bedeutende Persönlichkeiten und bezieht sie auch auf sich. In der nächsten Strophe werden weder König noch Kegel verschont. Da der Begriff werfen fällt, ist sicherlich das Kegelspiel genannt, denn der Kegel in der Bedeutung „uneheliches Kind“ ist hier nicht recht sinnvoll.

Es kommen auch zwei Interjektionen als spontane Ausrufe vor. In der zweiten Strophe gibt es mit Allo! ein Wort, das heute als ein eingeschlichener Import Hállo aus dem Norden alle bisher üblichen Grußformeln zu verdrängen beginnt. Einst war es aber die an das andere Ufer eines Wasserlaufes hinüber gerufene Bitte, der Fährmann möge einen mit dem Boot abholen. Und das trutz sapermost entspricht emotional ungefähr unserem heutigen Potzblitz als Ausruf großen Erstaunens.

III.

Der Himl scheindt zu sein wie die Herrengassen, vndt ist doch alls herrisch undt herrlich im Himl: der in die Herrengassen will, der mues entweder durch das Eisene Thor hinein oder durch die Sporgassen, den Sakh, die Murgassen, Stempfergassen + imerzue + : der in Himl will, der mues entweder durch [das]Eisene Thor, durch ein harten Wandl, oder durch die Sporgassen, mues veracht werden. Durch das Eisene Thor: der h Guilelmus, der hat ein eisenen Banzer [tragen]. Durch die Sporgassen: der h Franciscus Salesius, den hat man für ein Lapen und albern Menschen ghalten, als hab er ein Sporn zu vil. Durch die Schmidtgassen, der h Marter Julian, der mit Eisen Hämern zu tot geschlagen [worden]. Durch die Murgassen: die h Susanna, wider die hat die ganze Stat Babilon gemurt. Durch die Stempfergassen ist gangen der h Marter Sabinas, der in einem großen Merser oder Stampf zertreten worden. Durch den Sakh ist gangen der h Franciscus massen kein h[eiliger] so starkh sich des Betlsaks gfreit als er.

Diese Gassennamen wurden 1688 in einer Predigt über die hl. Klara von Assisi behandelt und waren natürlich nur für ein Grazer Publikum voll verständlich. Zu den topographischen Bezeichnungen tritt hier noch das Eiserne Tor, das 1860 abgebrochen wurde und Platz für den heutigen Platz Am Eisernen Tor machte. Es handelte sich um das Stadttor, das mit einem zweiten die Herrengasse und damit die Innenstadt nach Süden abschloss. Der Name geht vielleicht darauf zurück, dass es eiserne Torflügel hatte oder dass es eine Umformung des Begriffes Äußeres Tor ist.

In dieser Predigt verbindet Abraham die Gassennamen mit den Leben und Leiden von Heiligen, besonders Märtyrern. Er erweist sich dadurch auch als der Kenner des katholischen Heiligenhimmels, denn es befinden sich aus Gründen der Brauchbarkeit für Vergleiche auch recht unbekannte Gestalten dabei.

Heilige mit dem Namen Wilhelm gibt es mehrere. Hier ist Wilhelm der Große gemeint, den der hl. Bernhard von Clairvaux zu einem strengen Büßerleben bekehrt hatte und der, um nicht in Versuchung zu fallen, um die Brust einen mit Ketten umwundenen eisernen Panzer getragen haben soll.

Franz von Sales (1567-1622) war einer der großen gegenreformatorischen Heiligen. Hier ging es vor allem um den Kalvinismus. Gegen alle familiären Bedenken setzte er seine Priesterweihe durch und wurde wegen seines Eifers beschimpft und verspottet, das Schicksal, auf welches Abraham Bezug nimmt und die Sporgasse mit einem Sporn vergleicht, den Franz zuviel (im Kopf) habe. Wir wurden heute sagen: Er hat einen Sparren zu viel, womit allerdings ein Teil des Dachstuhls gemeint ist. Wir meinen dasselbe aber ja auch, dass jemand einen Dachschaden hat. Franz von Sales wurde 1662 heiliggesprochen, d. h. seine Verehrung war zu Abrahams Zeiten noch sehr aktuell.

Den hl. Julianus muss Abraham weit hergeholt haben, denn das römische Kalendarium verzeichnet drei dieses Namens, von denen keiner besonders nachhaltig hervorgetreten ist: Julianus Hospitator, Gründer einer Pilgerherberge in Italien oder Spanien, Patron der Reisenden und der Pilger – Bischof Julianus von Le Mans um 250 – Julianus von Toledo und dann noch Julianus Maunoir, ein Jesuit und Missionar der Bretagne, + 1683 zu Abrahams Zeiten , aber erst 1951 seliggesprochen. Abraham weiß also mehr über ihn als wir.

Bei der hl. Susanna dürfte es sich um die Beschützerin vor Verleumdungen Susanna handeln. Ihrer legendenhaften Leidensgeschichte nach soll sie die Tochter eines hl. Gabinus gewesen sein. Sie habe sich nach dem Gelübde ewiger Jungfräulichkeit sich geweigert haben, sich verheiraten zu lassen und sei deshalb der Ehe mit einem Sohn des Kaisers Diokletian ausgewichen, was ihren Martertod zur Folge gehabt habe. Ihr Patronat hat wahrscheinlich die standhafte alttestamentarische Susanna, die im Bade, aus Babylon zum Vorbild.

Und schließlich kommt einer der zu allen Zeiten populärsten Heiligengestalten, nämlich Franz von Assisi noch zu Wort, dessen Bettelsack mit dem Gang durch die Grazer Sackstraße gleichgesetzt wird und vielleicht auch noch den zarten Hinweis enthält, dass der reiche Playboy Franziskus seine schönen Kleider weggeworfen und nur mit einem Sack als Kutte bekleidet sein Armutsgelübde in die Tat umgesetzt habe.

QUELLEN#

I.
Als das Dritte Reich schon in allen Fugen krachte und ein Ende abzusehen war, ließ der Gauleiter und Reichsstatthalter von Wien Baldur von Schirach, der an Abraham anscheinend einen Narren gefressen hatte, noch eine kritische Gesamtausgabe aller Werke in Angriff nehmen: Abraham a Sancta Clara: Werke. Aus dem handschriftlichen Nachlass bearbeitet von Karl Bertsche. 2. Band. Wien 1944, S. 36 [Ehrenhausen und Leibnitz]

II.
Abraham a Sancta Clara, Judas Der Ertz-Schelm…1. Thail. Salzburg 1686, S. 507-509 [Original in der Privatbibliothek des Verfassers]

III.
Wie I. S. 83. Die Toponyme fett durch Herausgeber betont

Details zu den Grazer Toponymen wurden entnommen dem Werk von Karl A. Kubinzky und Astrid M. Wentner, Grazer Straßennamen. Herkunft und Bedeutung. Graz 2018, 4. Auflage: Verlag Leykam. Der Verfasser dankt dem Autor für manches erfrischende diesbezügliche Gespräch