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Geist, Rudolf Johann#

* 13. Juni 1900 in Garschöntal bei Feldsberg (damals Niederösterreich, heute Úvaly bei Valtice, Tschechische Republik)

† 22. April 1957 in Wien


Bildbezeichnung
Österreichischer Schriftsteller und Lyriker, Widerstandskämpfer und politischer Visionär, Journalist und Verleger.

Der Sohn eines Bäckers und einer Schuhmacherstochter übersiedelt mit der Familie 1902/3 nach Wien, Ober St. Veit, und besucht dort die Volks- und Bürgerschule. Obwohl er keine höhere Schulbildung erwerben kann, setzt er sich von früh an mit philosophischen, naturwissenschaftlichen und politischen Fragen auseinander. Er arbeitet als Büro-Volontär und macht eine Bäckerlehre. 1918 wird Geist zum Kriegsdienst an die italienische Front bei Belluno eingezogen. Nach missglückter Desertion meldet er sich zum Sturmbataillon an der Front, um der drohenden Hinrichtung zu entgehen. Die Kämpfe an der Piave überlebt er und kehrt tief verstört nach Wien zurück.

Karriere als Schriftsteller#

Nach wirren Jahren als Arbeiter und im Wiener Untergrund beschließt er 1922, freier Schriftsteller zu werden. Das Schreiben ist und bleibt ihm fortan Lebenselement. Seine erste Publikation ist die Zeitschrift „Schriften“, die in Wien Aufsehen und Anerkennung erregt. Ein Kreis junger Dichter schart sich um ihn, darunter Otto Basil, Fritz Brügel und Leo Schmidl, mit dem Geist 1923 die Zeitschrift „Das Wort“ gründet. Überdies gründet er den „Verlag der Schriften“ (später „Der Rote Geist Verlag, Wien) und veröffentlicht Werke von Emil Fröschels, Erich Mühsam, Leo Schmidl oder Otto Basil, die ihm beide bis ans Lebensende freundschaftlich verbunden bleiben. Geschäftlichen Erfolg hat er mit dem Verlag keinen; wohl aber mit seinem ersten Buch „Nijin, der Sibire“, eine Novelle, die von den Wirren nach der bolschewistischen Revolution in Russland handelt und 1925 im renommierten Berliner Malik-Verlag erscheint. Eine tschechische Übersetzung in 73 Fortsetzungen bringt die Prager Zeitschrift „Rude Pravo“. Weiters entstehen der Hymnus „Wandert, ihr Völker der Neger“, in dem Geist die Migration um Jahrzehnte vorwegnimmt, das Drama „Die Gezeichneten“, mit dem er seine eigenen Erlebnisse als „Kanalstrotter“ in den Wiener Abwasserkanälen verarbeitet, zahlreiche Gedichte und ein Essay „Zur europäischen Union“.

Wanderjahre#

Zwischen 1926–1938 lebt Geist oft monatelang in Deutschland, arbeitet zunächst als Lektor beim Heilbronner Verleger Erich Kunter. Dieser publiziert Geists Sonette „Glür und Urbin“ sowie die Novelle „Der rote Knorr“. 1927 kehrt Geist für ca. ein Jahr nach Wien zurück, erlebt den Brand des Wiener Justizpalastes und verfasst einen Augenzeugenbericht dieser „Julirevolte“, die in Heilbronn erscheint, ebenso der Antikriegsroman „Der anonyme Krieg“. 1929 folgt in Frankfurt am Main die hymnische Dichtung „Der Friedhof der Schmetterlinge“, in der Geist die Träume vom freien Leben der unterdrückten Indios beschreibt. Parallel dazu intensiviert er seine Kontakte als Autor bzw. Mitherausgeber zur Grazer Wochenzeitung „Der Republikaner“. Im Mai 1929 nimmt Geist am ersten „Vagabunden-Kongress“ in Stuttgart teil und hält eine flammende Rede, in der er die Bruderschaft aller Menschen verkündet. Sie wird kurz darauf unter dem Titel „Der Kunde als revolutionärer Agitator“ von Gregor Gog veröffentlicht. Spätestens ab 1930 ist Geist Mitglied der österreichischen Sektion des P.E.N.-Clubs. Wieder pendelt er zwischen Österreich und Deutschland, wohnt ab Herbst 1932 in Berlin, abwechselnd bei Max Barthel und dem Verleger Paul Heinzelmann, in dessen Steinklopfer-Verlag der Essay „Über den Dichter“ sowie der Sonett-Zyklus „Die ersten Menschen“ erscheinen.

Notzeit und Nationalsozialismus#

Kurz nach Hitlers Machtantritt werden Geists Werke in Deutschland verboten und verbrannt, Geist flüchtet 1933 nach Wien und bezieht eine 17m²-Gemeindewohnung. Wie schon früher schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten und dem Verfassen von Beiträgen für Zeitungen und Zeitschriften durch. 1934 entsteht das Buch zum Film „Ich bin ein Zigeuner“, der unter der Regie von Fritz Weiss im Burgenland gedreht wird. Im selben Jahr heiratet Geist die Kindergärtnerin und sozialdemokratische Funktionärin Emma Anna Kronsteiner. 1935 zur Geburt des ersten Kindes Till Hans organisiert Otto Basil unter Freunden eine Kollekte für die mittellose Familie. In der Zeit der großen Arbeitslosigkeit lässt Geist Karten mit eigenen Gedichten drucken, die er von Tür zu Tür verkaufen will, was sich als hoffnungsloses Unterfangen herausstellt. 1937 bringt der Wiener Kristall-Verlag Geists umfassenden Gedichtband „Das schöne Gleichnis“. Gegen Ende des Jahres gehört Geist zum Gründer-Kollektiv der Zeitschrift „PLAN“ rund um Otto Basil, sein Gedicht „Brothaus“ erscheint in der ersten Nummer im Jänner 1938.

Der Einmarsch der Nationalsozialisten verändert Rudolf Geists Leben grundlegend: Zunächst nur unter Beobachtung, wird Rudolf Geist am 3. 9. 1939 wegen „Kommunistischer Mundpropaganda“ verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ am 26. 6. 1940 zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Jegliche Betätigung als Schriftsteller wird ihm untersagt, trotzdem gelingt es ihm, Gedanken und Gedichte während der Haft zu notieren. Gesundheitlich zerrüttet kehrt Geist nach der Entlassung heim, wird zur Deutschen Wehrmacht einberufen und nach wenigen Wochen wegen „Wehruntüchtigkeit“ ausgeschlossen.

Nachkriegszeit #

Die Eroberung Wiens durch sowjetrussische Truppen erlebt Geist als Befreiung, dem Wiederaufbau Österreichs widmet er all seine Kraft. Von Mitte 1945 bis Ende Feber 1948 findet er eine Anstellung als Verlagsautor bei Erwin Müller, bis dieser in wirtschaftliche Turbulenzen gerät. Geist erhält eine minimale Opferfürsorge-Rente, versucht sich abermals als Verleger und veröffentlicht u. a. zwei Werke von Upton Sinclair, allerdings ohne geschäftlichen Erfolg. An der Seite von Otto Basil wird er wieder redaktionelles Mitglied der Zeitschrift „PLAN“, dessen neue Nummer vom Dezember 1945 den Aufruf „Österreichische Verpflichtung“ druckt, in dem Geist auch zur Rückholung der vertriebenen Juden nach Österreich aufruft.

Abgesehen von etlichen Neuauflagen älterer Werke, die im Steinklopfer-Verlag erschienen, werden keine Werke von Rudolf Geist mehr nach 1948 gedruckt. Um für die mittlerweile 6-köpfige Familie zu sorgen, arbeitet der groß und stark gewachsene Mann trotz seiner angegriffenen Gesundheit immer wieder als Gärtner bei der Gemeinde Wien. Daneben verfasst er zahlreiche neue Werke: so das Filmbuch „Globus, der Fahnenträger“, den utopischen Roman „Augenzeuge Menschheit“, das Drama „Judith und Holofernes“, drei von dem in 5 Bänden geplanten Christus-Roman „Der Kreuziger“ und eine utopische Schrift „Die Weltsozietät“, in der Geist den völkerrechtlichen Weg zum Weltfrieden entwirft.

1957 stirbt Rudolf Geist an den Folgen eines Magen-Karzinoms und wird am Baumgartner Friedhof im Grab seiner Eltern (Gruppe D1, Nummer 486) bestattet.

Auswahl zu Lebzeiten veröffentlichter Werke: #

  • 1922/23 Schriften, Verse und Gesänge. Wien
  • 1925 Nijin, der Sibire. Roman, Berlin
  • 1925/26 Nizin Sibiran. Tschechische Übersetzung, Prag
  • 1926 Glür und Urbin. Sonette von zwei Farben, Heilbronn
  • 1926 Der rote Knorr. Novelle, Heilbronn
  • 1927 Die Wiener Julirevolte. Bericht, Heilbronn
  • 1928 Der anonyme Krieg. Roman, Heilbronn
  • 1929 Der Friedhof der Schmetterlinge. Dichtung, Frankfurt a.M.
  • 1929 Der Kunde als revolutionärer Agitator. Rede am Vagabunden-Kongress, Stuttgart
  • 1929/30 Vom Manifest zum Gesetz. Adresse, Frankfurt a.M., Wien, New York
  • 1932 Die ersten Menschen. Sonette, Berlin
  • 1932/33 Über den Dichter. Artpolemik, Berlin-Wien
  • 1935 30 Sonette. Lyrische Postkarten, Wien
  • 1937 Das schöne Gleichnis. Gedichte, Wien
  • 1937 Das neue Werk. Gedichte, Wien
  • 1946 Der rote Knorr und andere Novellen, Wien
  • 1946 Entwürfe für eine neue österreichische Volkshymne, Wien-Gmunden-Zürich
  • 1946 Genius. Schriften für die Idee der Menschheit, Wien-Gmunden-Zürich-New York
  • 1946 Also sprach Niemand. Sonette, Wien-Gmunden-Zürich-New York
  • 1946/47 Alphawort. Gedichte, Wien-Gmunden-Zürich
  • 1947 Wandert, ihr Völker der Neger! Dichtung, Wien
  • 1949 Die Reise ins andere Ich. Roman, Linz
  • 1955 Die ersten Menschen. Sonett-Zyklus, Fürstenfeldbruck
  • 1956 Das Hohelied der Indios (= Der Friedhof der Schmetterlinge), Dichtung, Fürstenfeldbruck

Nachlass#

Der Nachlass von Rudolf Geist liegt derzeit im Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/ Kärntner Literaturarchiv, Alpen-Adria-Universität, Klagenfurt.

Redaktion: Reingard Steinbauer