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Kreitner, Gustav#

* 1847, Wien

† 1881, Wien


Forscher
Erforscher der japanischen Ainu und von Teilen Osttibets


Kreitner, Gustav
Gustav Kreitner
© Archiv Senft

Kreitner studierte das Urvolk der Ainu auf der Insel Jesso (heute Hokkaido, Hauptort Sapporo) und zeichnete eine wichtige Landkarte von ihr im Maßstab 1:250.000. Weiters schuf er eine Landkarte (1:8.000.000) von Osttibet.


Als K. u. K. Oberleutnant nahm Kreitner als Geograph 1877 bis 1880 an der von Adalbert Graf Szechenyi finanzierten und geleiteten Expedition nach Asien teil. Ihre Hauptaufgaben waren geographische und geologische Untersuchungen, sie erbrachte als wichtigstes Resultat die beiden obengenannten Karten.


Erstes großes Ziel war die Insel Jesso und die Erforschung der dort noch völlig ungebunden lebenden Ainu. Erst 1868 hatten die Japaner begonnen, die Insel zu kolonisieren. Kreitner gewann allmählich das Vertrauen der Eingeborenen und drang bis in ihren Hauptort vor, er schätzte deren Zahl auf etwa 26.000 Personen, die bald in der japanischen Kultur aufgehen würden. Sie waren weder mit den Chinesen noch mit den Japanern verwandt, kannten keine Schrift und lebten sehr einfach als Jäger und Fischer. Als auffallende Sitte stellte Kreitner das Tätowieren der Ober- und Unterlippe bei den Frauen fest und den eigentümlichen Brauch der sogenannten "Bärenpflege": Mütter, die ihren Säugling verloren hatten, mussten eine Zeitlang einen jungen Bären säugen. Dieser Bär wurde dann gemästet und anlässlich einer großen Festlichkeit geschlachtet. Nach der Volkszählung von 1970 gibt es heute auf Hokkaido nur mehr 3.000 reinrassige Ainu. Sie gelten als östliches Restvölkchen einer europiden Altschicht, weisen keine Mongolenfalte, dafür aber einen starken Bart und Körperbehaarung auf. In ihrer Sprache soll es deutliche Beziehungen zum Indoeuropäischen geben. Hauptziel der Expedition, das aber nur in geringem Umfang erreicht werden konnte, war jedoch die Erforschung Tibets. Unter großen Mühen drang sie in die damals nordöstliche tibetische Provinz Amdo (das heutige Tsinghai/Qinghai) bis zum Kloster Kumbum und zum Steppensee Kuku Noor vor, mußte aber feststellen, dass es unter den gegebenen Umständen unmöglich war, bis nach Lhasa vorzustoßen. In Kumbum erfuhr Kreitner noch viel über den tibetischen Lamaismus und war z. B. auch Zeuge einer Art großen Prüfungsgesprächs, das nach einem bestimmten Ritual vor sich ging.


Er berichtet darüber in seinem Buch "Im fernen Osten":

... Amphitheatralisch die Szene abschließend, standen im Vordergrunde zwei Reihen jüngerer Lama, Gesicht gegen Gesicht. Ein fürchterlicher Lärm begleitete ihre religiöse Übung. Mit Armen und Beinen, ja mit jedem Muskel des Gesichtes gestikulierend, in allen Tonarten schreiend und tobend, den gelben Rosenkranz bald über den Kopf schwingend, bald über den bloßen Arm bis zur Achsel schleudernd, dann wieder die Hände zusammenschlagend, rief diese Szene den Eindruck zügellose, toller Heiterkeit hervor. Ein Lama klärte uns den Sachverhalt auf: Es war eine Art Religionsunterricht in Fragen und Antworten, ein absichtliches Irreführen der Schüler durch die Lehrer. Der Schüler aber überschrie in seiner Freude den Versucher: „Nein, das ist falsch ich weiß es anders, es ist so und so, denn ich las das Richtige dort und dort"...


Nun versuchte die Expedition, über Szetschuan nach Südosttibet einzureisen. In der Hauptstadt dieser Provinz, in Chengdu (das zu Kreitners Zeit schon die unglaubliche Einwohnerzahl von einer Million hatte), riet ihnen der Gouverneur dringend von einem Weitermarsch ab und erzählte, wie es in Tibet so zuginge und was sein Kollege, der chinesische Gesandte in Lhasa, angeblich erleben müsse:


...Tibet hat auch einen Kaiser, den Dalai-Lama. Glaubt mir, das ist aber nur ein Name, denn der Dalai-Lama wird selten alt. Gewöhnlich schon als Kind schaffen ihn die Priester aus der Welt. Nicht etwa, dass sie ihn totschlagen, vergiften, erschießen oder sonst wie gewaltsam umbringen, nein, sie lassen ihn verhungern. Durch volle sieben Tage erhält das Kind keine Nahrung. Lebt es dann noch, so fallen sie auf die Knie jubeln, beten und preisen Buddha. Unter fortgesetztem Gesange, Gongschlagen und Trompetenfanfaren wird das Kind in einen Topf gelegt, worin es schließlich stirbt. Ein neues Kind wird Dalai-Lama und die Geschichte wiederholt sich. Ihr lacht und zweifelt an der Wahrheit meiner Worte. Und doch ist es so: Die Priester regieren Tibet und nicht der Dalai-Lama. Die Lama aber sind gar sonderbare Leute, sie arbeiten nicht, sie handeln nicht, sie bebauen keine Felder, sondern befassen sich nur mit Beten, Essen und Schlafen, gerade wie die französischen Missionäre in China. Die Lama dulden keine Europäer in ihrem Lande. Sie versperren jedem Gaste selbst mit Gewalt die Grenze. Mein Kollege in Lhasa ist ein armseliger Mann, er besitzt keine Macht über die Buddhisten und wird von ihnen wie ein Lastenträger behandelt...


Schon damals blickten also die Chinesen auf die "tibetischen Barbaren" entsprechend herab...!

Ainu
Ainu vor ihrer Hütte
© Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin

Dennoch erreichte die Expedition den tibetischen Grenzort Tatsienlu und stieß sogar auf das Hochplateau von Tschungtien vor. Schließlich wurden die berühmten tibetischen Klöster Litang (in 4.700 m Seehöhe) und Batang erreicht, sie durften wegen der feindseligen Haltung der Tibeter aber nicht betreten werden. An ein weiteres Vordringen bis Lhasa war auch hier nicht zu denken.

Die Expedition wandte sich nach Süden und trat über Burma die Heimreise an. Dabei machte Kreitner eine äußerst bedeutende Beobachtung, die erst einige Jahre später bestätigt wurde: dass der Tsangpo, der Hauptstrom Südtibets, mit dem Brahmaputra identisch ist.

Literatur#

  • Kreitner, Im fernen Osten, Wien 1881

Quellen#

  • H.&W. Senft, Aufbruch ins Unbekannte, Stocker Verlag, Graz, 1999


Redaktion: Hilde und Willi Senft