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Mit Hochdruck gesucht: Medikament gegen Corona#


science.apa.at, 19. März 2020


Medikament gegen Corona
Foto: APA

Berlin (APA/dpa) - Die Welt stemmt sich gegen das Coronavirus. Ein zielgerichtetes Medikament gegen die von Sars-CoV-2 verursachte Lungenerkrankung Covid-19 gehört bisher nicht zum Arsenal. Doch die Forschung läuft auf Hochtouren. Experten setzen vor allem darauf, Medikamente einzusetzen, die bereits für andere Anwendungen erprobt sind. Diese müssten dann nicht mehr so aufwendig getestet werden.

So wollen Tübinger Mediziner das Medikament Chloroquin im Kampf gegen Corona-Erkrankungen testen. Bereits in der kommenden Woche soll mit einer Studie an Menschen begonnen werden. Chloroquin ist eigentlich ein Medikament gegen Malaria. Es wirke aber auch gegen viele Viren, sagen die Forscher. Auch gegen Sars-CoV-2, wie zumindest Versuche im Reagenzglas zeigten.

Großteil erholt sich ohne Behandlung#

Die meisten Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 anstecken, benötigen keine Medikamente. Etwa 80 Prozent der Infizierten erholen sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO ohne besondere Behandlung. Doch es kann auch zu einem schweren Krankheitsverlauf mit Atemproblemen kommen. Meist sind das Menschen aus Risikogruppen wie Krebskranke in Chemotherapie, ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen.

"Sie werden behandelt wie ein Patient, der eine schwere Lungenentzündung hat - nur dass wir eben kein Antibiotikum haben wie bei einer bakteriellen Infektion", erläutert Susanne Herold, die an der Justus-Liebig-Universität Gießen eine Professur für Infektionskrankheiten der Lunge hat. Die Patienten würden etwa mit Sauerstoff versorgt oder künstlich beatmet.

"Repurposing": Alte Medikamente neu verwenden#

Bisher gibt es keinen Impfstoff, der eine Ansteckung unterbindet. Ein spezifisch wirkendes Medikament könnte helfen, schwere Verläufe abzumildern oder gar zu verhindern. Schaut man bei ClinicalTrials.gov, der größten Datenbank zu klinischen Studien, nach Studien zu Covid-19, die in Vorbereitung sind oder bereits Teilnehmer aufnehmen, landet man derzeit bei deutlich mehr als 50 Treffern. In zahlreichen dieser Untersuchungen werden Medikamente oder Wirkstoffe getestet, die bereits im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen entwickelt und untersucht wurden - darunter neben Chloroquin das Hepatitis-Präparat Ribavirin und ein Mittel gegen Multiple Sklerose (Fingolimod).

"Repurposing" nennen Fachleute diese Herangehensweise, bei denen bereits für einen bestimmten Zweck getestete Mittel für einen anderen Zweck umgewidmet werden. Die meisten der klinischen Studien laufen in China, weil es dort die größte Anzahl an Patienten gibt, die daran teilnehmen können.

Hoffnungsträger Remdesivir#

Für die Prüfung infrage kommen nach Angaben des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) unter anderem Substanzen, die die Vermehrung von Viren hemmen oder die verhindern, dass sie in die Zellen eindringen, sogenannte Virostatika.

Große Hoffnungen setzen Fachleute auf die Substanz Remdesivir. Sie wurde ursprünglich gegen Ebola-Infektionen entwickelt, brachte aber in der klinischen Prüfung keine guten Ergebnisse. Eine gewisse Wirksamkeit zeigte sich gegen das Mers-Coronavirus, das 2012 entdeckt wurde. Nun wollen Mediziner prüfen, ob sich der Wirkstoff möglicherweise auch zur Behandlung von Covid-19 einsetzen lässt.

Noch Monate bis zu einem offiziell zugelassenen Medikament#

Derzeit laufen fünf Studien - in China und den USA - mit dem Mittel. Erste Patienten haben Remdesivir bereits erhalten, in den USA sind darunter Covid-19-Patienten von Bord der "Diamond Princess", jenem Kreuzfahrtschiff, das zwei Wochen lang wegen des Coronavirus im Hafen von Yokohama in Japan unter Quarantäne gestellt worden war. Anfang April könnten erste Ergebnisse vorliegen. Bis ein offiziell zugelassenes Medikament - egal mit welchem Wirkstoff - verfügbar ist, dürften aber noch viele Monate vergehen.

Um klinische Studien kommt man aber auch bei bereits bekannten Mitteln nicht herum. Man spart allerdings bei der Zulassung eines Präparats im besten Fall Zeit. "In einem Zulassungsverfahren werden drei grundlegende Dinge geklärt, nämlich die Wirksamkeit, die Verträglichkeit und die technische Qualität eines Medikaments", erläutert vfa-Sprecher Rolf Hömke. "Ist ein Medikament bereits für eine andere Anwendung zugelassen, ist die Verträglichkeit geprüft und die technische Qualität belegt. Nachgewiesen werden muss nach wie vor, dass das Mittel gegen die Krankheit wirkt."

Bereits erforschte Wirkstoffe können also unter Umständen schneller in die Phase der klinischen Prüfung eintreten, in der das Mittel an größeren Patientengruppen getestet wird - und dann bei erfolgreicher Testung auch schneller zugelassen werden.

Erhoffter Effekt mit HIV-Medikament in China blieb aus#

Hier musste die Wissenschaft allerdings kürzlich eine Niederlage einstecken. Ein HIV/Aids-Medikament mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir wird nach Erstversuchen bei SARS und MERS nun auch bei Covid-19-Patienten angewendet. Eine erste klinische Studie mit fast 200 Patienten in Wuhan in China bei Schwerkranken hat aber kaum einen positiven Effekt gebracht, berichtet das chinesische Autorenteam jetzt im New England Journal of Medicine.

Große Hoffnungen darf man sich offenbar nicht machen. "Bei hospitalisierten erwachsenen Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung wurde mit Lopinavir/Ritonavir kein Benefit im Vergleich zur Standardtherapie registriert", schrieb das Autorenteam unter Leitung von Bin Cao vom Nationalen Klinischen Forschungszentrum für Pneumologie Chinas. Man müsse allerdings weiterforschen. Außerdem hätte es sich bei den in die Studie aufgenommenen Patienten um Kranke mit sehr schwerer Covid-19-Verlaufsform gehandelt. Möglicherweise käme für diese besser eine andere medikamentöse Therapie infrage.

CureVac-Aufsichtsrat: "Der Impfstoff wird kommen"#

Hoffnung auf einen Impfstoff macht derweil das deutsche Biotech-Unternehmen CureVac. "Wir kommen gut voran", sagte der Geschäftsführer von Dietmar Hopps Beteiligungsgesellschaft Dievini, Friedrich von Bohlen, der "Rheinischen Post". "Schon bald können wir in präklinische Tests gehen und den Impfstoff an Tieren testen, im Sommer können wir die klinischen Tests am Menschen starten - dabei müssen wir vor allem die richtige Dosis finden."

Zur Frage, wann der Impfstoff kommt, sagte er: "Das hängt von vielen Faktoren ab und auch davon, wie sich diese Pandemie entwickelt." Verlaufe sie dramatisch, "werden Beschleunigungen möglich sein". "Ich bin mir aber sicher: Der Impfstoff wird kommen", sagte von Bohlen.

Apeptico koordiniert EU-Forschungsprojekt#

Das österreichische Biotechnologie-Unternehmen Apeptico koordiniert nun zudem ein diesbezügliches EU-gefördertes Projekt. Insgesamt stellt die Europäische Kommission 47,5 Millionen Euro für 17 Projekte bereit.

Daran beteiligt sind 136 Forschungsteams aus der EU und darüber hinaus. Sie werden an der Entwicklung von Impfstoffen, neuen Behandlungsmethoden, Diagnosetests und medizinischen Systemen arbeiten, mit denen die weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindert werden soll. Die Mittel kommen aus dem Forschungsprogramm Horizon 2020.

science.apa.at, 19. März 2020