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Peter Payer: Quer durch Wien #

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Peter Payer: Quer durch Wien. Kulturhistorische Streifzüge. Czernin Verlag Wien 2017. 264 S., ill., € 23,-

Nach "Unterwegs in Wien" ist jetzt der Wunsch nach einem dritten Band der kulturhistorischen Streifzüge von Peter Payer in Erfüllung gegangen. Der Stadtforscher, Historiker und Kurator im Technischen Museum nennt ihn "Quer durch Wien". Der Titel ist überaus passend für die fast 30 Essays, die zuvor in verschiedenen Qualitätszeitungen veröffentlicht wurden. "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak stellt im Vorwort fest: "Eine Stadt erschließt sich einem Menschen einzig und allein im Gehen" und schreibt über das Buch: "Die Stadt wird mit allen Sinnen in Geschichte und Gegenwart erfasst. Noch nie gehörte Fakten ergänzen sich mit spannenden Geschichten."

"Quer durch Wien" nannte sich ein ab 1912 alljährlich stattfindender Event. Zwischen Nussdorf und Stadionbrücke trotzten Schwimmer und Schwimmerinnen dem 11 Grad kalten Wasser des Donaukanals. Die Zahl der TeilnehmerInnen steigerte sich von 18 im Lauf von zwei Jahrzehnten auf 380. In Spitzenzeiten verfolgten 250.000 Neugierige an den Ufern den Schwimmwettbewerb, dem man "nahezu Festcharakter" zusprach.

Der Donaukanal prägt, wie die Ringstraße, bis heute die Stadtstruktur. Eine Fahrt mit der modernen Ring-Tram erinnert den Autor an deren Vorläufer. Die Salonwagen der touristischen "Rund um Wien"-Fahrten waren mit Panoramascheiben und drehbaren Sitzen ausgestattet, die Fahrgäste konnten sich in Begleitbroschüren über die Sehenswürdigkeiten informieren. Bezüglich Reiseführer hinkte Wien anderen Europäischen Städten nach. In England seit den 1830er Jahren bekannt, erhielt als erste Stadt Paris 1855 einen solchen, mit Routenvorschlägen und Sternchensystem. Der "Wiener Baedeker" für "ruhelose Touristen" erschien erst 1868.

Mit der Anlage der Ringstraße vor 150 Jahren entstand der Typ des Flaneurs, "ein eleganter Bürger, der zwischen den Häuserfronten zu Hause war und sich elegant darin bewegte." Schatten spendende Bäume, öffentliche WC-Anlagen, Möblierung mit Bänken und Litfaßsäulen kamen den Stadtgehern zugute. Von besonderer Bedeutung war (ab 1853) die Beleuchtung. "Wien bei Nacht" wurde attraktiv, obwohl bis in die 1920er Jahre die Haustore um 22 Uhr geschlossen wurden und die Hausbesorger dann für das Öffnen ein "Sperrsechserl" kassierten. In den Geschäftsstraßen kamen damals "geradezu amerikanisch anmutende" Leuchtreklamen auf. Heute verwaltet die "MA 33 - Wien leuchtet" rund 154.000 Straßenlampen, die sie nach einem Masterplan auf LED umrüstet. Die neutralweiße Lichtfarbe wird vermutlich ebenso irritierend und gewöhnungsbedürftig sein, wie seinerzeit die Umstellung von Gaslaternen auf elektrisch betriebene.

Die mit allen Sinnen wahrgenommene Urbanität wäre undenkbar ohne Lärm. Meist muss der Autoverkehr als Sündenbock herhalten. Doch schon 1897 begann die Hofwagenfabrik Lohner, Elektromobile herzustellen. Das Lohner-Porsche-Voiturette mit Radnabenmotor bzw. Hybridantrieb war die Sensation der Pariser Weltausstellung 1900, und konnte sich doch nicht durchsetzen. Damals trugen die Radfahrer wesentlich zum "Höllenkonzert" bei. Die 70.000 "Chaussee-Strampler" waren angewiesen, ausgiebigen Gebrauch von der Klingel zu machen, ebenso gesetzlich vorgeschrieben waren Lenkerprüfungen und Nummerntafeln. In der Stadt prägten die Tramway und überland die Eisenbahn die Soundkulisse. Sie alle halfen, schneller zu reisen, denn Zeit war (und ist) Geld.

Abzulesen war sie an den öffentlichen Uhren, die - noch vor der elektrischen Straßenbeleuchtung - aufgestellt wurden. Bei der Einführung der pneumatischen Uhren (1877) war Wien die weltweit erste Stadt. Doch die Erwartungen an die Ganggenauigkeit erfüllten sich nicht. Markante Uhren, manche 10 Meter hoch, gab es nicht nur auf öffentlichen Plätzen, auch auf Gemeindebauten platzierte man Zeitanzeiger an prominenter Stelle, und die Jugendstil "Anker-Uhr" ist bis heute eine Touristenattraktion.

Alles, was neu war und Geschwindigkeit versprach, galt als Attraktion: Personenaufzüge mit Liftkabinen, "Paternoster"-Umlaufaufzüge und Rolltreppen. Wo immer möglich, schlägt der Autor den Bogen in die Gegenwart: Heute gibt es rund 44.000 Personenaufzüge in Wien, jährlich kommen etwa 1000 dazu, von den inzwischen verbotenen Paternostern fahren nur noch sieben, während 1000 Rolltreppen mit rund 2 km/h unterwegs sind. Städte sind Orte der Visionen und Utopien, Innovationen gedeihen hier besonders gut. Trotzdem erstaunt eine Karikatur der deutschen Wochenschrift "Simplicissimus" aus dem Jahr 1926: "Sie zeigt Menschen in Berlin, die auf der Straße dahineilen und ein mobiles Telefon bei sich tragen. Ein Mann spricht im Gehen hinein, kurz und gehetzt, und auch das Gesagte ist verblüffend nah am Heute: Standortbestimmung und Versicherung, dass man bereits unterwegs ist."

Das Verhältnis von Stadt und Innovation bezeichnet Peter Payer als Thema, das eine essenzielle Rolle in Vergangenheit und noch mehr in der Zukunft spielt. "Mit historischen Erfahrungen dazu und Ausblicken, wie sich etwa das Sehen und Hören in der Stadt in absehbarer Zeit verändern wird, sollen Beiträge zum tieferen Verständnis von Modernisierungsschüben geleistet werden, auf dass sich das Wort von Georg Kreisler bewahrheite: 'Wien vollbringt das Kunststück, in die Vergangenheit zu führen und dabei heutig zu bleiben.' "