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Maria Walcher - Edith A. Weinlich: Ein Erbe für alle#

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Maria Walcher - Edith A. Weinlich: Ein Erbe für alle. 103 Traditionen aus Österreich. Mit farbigen Illustrationen von Caterina Krüger. Folio Verlag Wien - Bozen. 254 S., ill. € 35,-

Seit 15 Jahren schützt und dokumentiert die UNESCO regionale Traditionen und lokales Wissen. Österreich führt seit 2010 sein nationales Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Es umfasst seither 117 Eintragungen, zuletzt kamen 14 im Oktober 2018 dazu (zu spät für das vorliegende Buch).

103 Traditionen aus Österreich werden in dem sympathischen Band "Ein Erbe für alle" vorgestellt. Die Redewendung "für alle" ist in letzter Zeit inflationär in aller Munde. Doch hier passt sie. "Immaterielles Kulturerbe" und die offizielle Einteilung in fünf Bereiche (mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, darstellende Künste, gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum, traditionelle Handwerkstechniken) klingt etwas sperrig. Das ausgesprochen hübsch gestaltete und kurzweilig geschriebene Buch macht aber die Thematik wirklich "für alle" interessant. Dafür bürgen schon die Biographien der Autorinnen. Die Volksmusikforscherin Mag. Maria Walcher war langjährige Generalsekretärin des Österreichischen Volksliedwerks und Leiterin der Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe. Mag. Edith A. Weinlich hat ebenfalls Volkskunde studiert und arbeitet als Projektmanagerin für Verlage und als Autorin. Die Grafikerin Caterina Krüger besuchte die Universität für angewandte Kunst in Wien und ist selbstständig "mit fließenden Übergängen zwischen Kunst und Kultur, Vermittlung und Gebrauchsgrafik" tätig.

Während das materielle Kulturerbe die Vergangenheit dokumentiert, bezieht das immaterielle die Gegenwart ein und soll sich weiter entwickeln. Um die Aufnahme in die Liste kann man ansuchen, dann entscheidet. Eigentlich würde man noch mehr Eintragungen erwarten (etwa Seeprozessionen, Marmorkugelerzeugung oder Fasselrutschen). Doch schon die 103 Traditionen zu strukturieren, war für die Autorinnen eine "große Herausforderung". Sie entschieden sich für sieben Kapitel (I - VII), gegliedert in Untergruppen, denen sie mehrere Traditionen zuordneten. Jede der 103 erhielt eine Doppelseite mit Illustration und Text. Caterina Krüger entwickelte dafür eine neue Art plakativ-klarer Darstellung, die an Farbholzschnitte erinnert. Die Textseiten sind übersichtlich gegliedert. Der Hauptteil informiert über charakteristische Details und historische Zusammenhänge. Die Randspalte verschafft einen Überblick über Regeln, Weitergabe und Wandel der Tradition. Man erfährt auch, wo sie ausgeübt wird und seit wann sie belegt ist.

"Lebenserhalt und Lebensunterhalt" (I) sind grundlegend für die menschliche Existenz. Zum "Besitzen, Nützen und Erhalten" hilft eine der ältesten Überlieferungen, Transhumanz. Dabei überqueren alljährlich tausende Schafe den Alpenhauptkamm. Bodenfunde zeugen im Ötztal von einer Weidenutzung bis ca. 6000 v. Chr. Ebenfalls Jahrtausende zurück reicht die Terrazzotechnik in der Rubrik "meisterlich erzeugen und weltweit handeln". In der Antike wie in der Ringstraßenära beliebt, wurde diese Art der Fußbodenherstellung von Fertigteilen verdrängt. Jetzt schätzt man die Handwerksarbeit wieder für individuelle und exklusive Innengestaltung. Auch andere Kenntnisse von "bearbeiten, verwenden und verwandeln" sind seit langem bekannt. So wusste schon der Geigenbauer Antonio Stradivari um die Qualitäten der Haselfichte als Klangholz. Diese besondere Wuchsform der Fichte finden Experten nur in den Alpen auf über 1200 m Seehöhe.

In "Leib und Seele schützen" (II) geht es zunächst um die Gesundheit. "Vorsorgen und heilen" war seit der Entstehung von Apotheken im 13. Jahrhundert deren Aufgabe. Ihre Hausspezialitäten sind durch die Konkurrenz der Pharmaindustrie selten geworden, finden aber als Alternative wieder Interesse. Wenn Lawinen und Feuer das Leben bedrohen, ist "warnen und helfen" gefragt. In St. Oswald im Yspertal (Niederösterreich) funktioniert seit 1859 eine spezielle Form der Nachbarschaftshilfe. Obwohl der Strukturwandel vieles veränderte, gelingen die solidarischen Einsätze des Vereins auch heute.

"Verständnis und Verständigung" (III) umfasst Besonderheiten von Mundarten und Minderheitensprachen ebenso wie Überlieferungen, die in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingetragen sind: Falknerei und Spanische Hofreitschule.

"Entspannung, Spiel und Wettbewerb" (IV) kann auf vielerlei Weise erfolgen, durch "sich messen und gewinnen wollen", wie beim Hundstoaranggeln im Land Salzburg, "sich unterhalten" beim Märchen erzählen oder "miteinander tanzen".

"Den Draht nach oben pflegen - den Himmel auf die Erde bringen" (V) kann mit Ritualen gelingen. "Anklopfen und Segen bringen" wollen Weihnachtsbräuche wie das Sternsingen im Villgratental (Tirol). "Verkünden, beten und danken" lässt sich u a mit dem 200-jährigen Lied "Stille Nacht". "Auftreten und darstellen" trifft auf verschiedene Volksschauspiele zu.

"Festtagsfreuden" (VI) sind oft mit Lärm verbunden. So rücken die Tiroler Sakramentsgarden zu Fronleichnam mit historischen Paradewaffen aus. "Zelebrieren und erinnern" gilt für die Bleiberger Knappenkultur. Vereine pflegen die Tradition des 1993 nach 660 Jahren eingestellten Zink- und Bleibergbaues in Kärnten. "Sich kleiden und schmücken" beherrschen die Frauen, die in vielhundertstündiger Handarbeit Goldhauben herstellen.

Die verkehrte Welt von "Fasching und Fasnacht" (VII) zeigt sich bei "Verkleiden und faszinieren" etwa im Ausseer Fasching (Steiermark), der seit 1524 nachweisbar ist und immer noch neue Aspekte erhält. Schließlich ist es Zeit zum "Verabschieden und besinnen", wenn die Vorarlberger am Funkensonntag Holzstöße entzünden und brennende Scheiben abschlagen.

Der Anhang enthält Register, Indices, Biografisches und Quellen und verhilft zu weiterem Durchblick. Es lohnt sich, mit Hilfe dieses anregenden Buches das immaterielle Kulturerbe Österreichs kennen zu lernen. Nicht nur, weil diese Traditionen schön sind, sondern weil das über Generationen gewachsene Erfahrungswissen ein kreatives Potential in sich trägt, wie Gabriele Eschig meint. Die Generalsekretärin der Österreichischen UNESCO-Kommission schreibt: "Es kann helfen, mit heutigen ökologischen und sozialen Herausforderungen umsichtig umzugehen und sie mit der eigenen Lebenssituation fruchtbar zu verknüpfen. Angewandtes immaterielles Kulturerbe trägt zu einer aktiven, nachhaltigen Lebensweise bei. Es ist eine weltweite und wertvolle Ressource, die es ins Bewusstsein zu heben und zu nützen gilt. … Als verbindender Teil von Gemeinschaften stellen diese lebendigen Traditionen ein tragfähiges Fundament unserer Gesellschaft dar."