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Karl Zellhofer und Martin Zellhofer: Verschwundene Eisenbahnen im Weinviertel#

Bild 'Zellhofer'

Karl Zellhofer und Martin Zellhofer: Verschwundene Eisenbahnen im Weinviertel. Von Nebenbahnen, Haltestellen und Bahnhofswirtshäusern, die es nicht mehr gibt. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 132 S., ill., € 19,90

Österreichs erste Eisenbahnstrecke führte in das Weinviertel - von Floridsdorf nach Deutsch-Wagram. 1837 fuhr auf diesem Abschnitt der (Kaiser-Ferdinands-) Nordbahn eine Dampflokomotive. Die Zielstation konnte mit dem ersten Bahnhofsrestaurant aufwarten, wo die Neugierigen und Reisenden mit Getränken, kalten und warmen Speisen Stärkung fanden. Bis in die jüngste Vergangenheit waren Bahnhofsrestaurants, teils im Stationsgebäude, teils in eigenen Häusern daneben untergebracht, gang und gäbe.

Jetzt sind sie, ebenso wie der überwiegende Teil der 300 km Nebenbahnen im Weinviertel und Marchfeld "Lost places". Solche "verlorenen Orte", unbenützte technische Anlagen oder unbewohnte Liegenschaften, sind meist dem Verfall preisgegeben. Revitalisierungen sind nur in den seltensten Fällen möglich. Hobbyforscher und Fotografen haben die „abandoned premises“ („vergessene Orte“) mit ihrer gruselig-berührenden Stimmung entdeckt. Die wachsende Zahl einschlägiger Fans zeugt vom Interesse. Die Autoren des vorliegenden Buches, Schulrat Karl Zellhofer und der Historiker und Publizist Martin Zellhofer, zählen dazu. Ihr 2016 in der Edition Winkler-Hermaden erschienener Band "Verschwundenes Weinviertel" ist bereits in der dritten Auflage erschienen.

Diesmal folgen Vater und Sohn dem einst dichten Netz der Nebenbahnen in ihrer Wahlheimat. Vor genau 30 Jahren, 1988 wurde der größte Teil des Weinviertler Nebenbahnnetzes eingestellt. Schrittweise Aufgabe des Güterverkehrs und Streckenabtragungen folgten. Selbst auf den Hauptstrecken kam es zu Schließungen von Haltestellen und zur Entfernung von Gütergleisen. Doch findet man noch viele Spuren des früher so bedeutsamen Verkehrsmittels: verfallende Bahnhöfe, überwachsene Gleisanlagen, Bahndämme ohne Schienen, bedeutungslose Brücken, Lagerhäuser ohne Gleisanschluss oder geschlossene Bahnhofswirtshäuser. Die Autoren lassen auch Menschen zu Wort kommen, die im Eisenbahnbetrieb tätig waren. Schaffner, Dampflokführer, Stellwerker und Bahnhofswirt erzählen von ihrem Alltag mit der Eisenbahn. Zunächst beschreiben Karl und Martin Zellhofer die Entstehung und das langsame Sterben der Weinviertler Lokalbahnen. Der Bildteil zu diesem Kapitel zeigt einige Relikte unter Denkmalschutz, wie das Heizhaus in Stammersdorf oder den leer stehenden Bahnhof von Eibesbrunn. Auch Vorher-nachher-Vergleiche haben sie fotografiert. 2005, nach dem Ende des regulären Personenverkehrs, passierte noch ein Sonderzug die Ortsdurchfahrt von Bad Pirawarth. Zwölf Jahre später präsentiert sich die Stelle ohne Gleis. Wo in Gaweinsthal die Mistelbacher Lokalbahn hielt, entsteht ein Tennisplatz.

Vereinzelt versuchen Aktivisten touristische Nachnutzungen, wie die Weinvierteldraisine, das Zayataler Schienentaxi, die K.K. Museumsbahn Weinviertel von Bad Pirawarth zum Museumsdorf Niedersulz, vom Waldviertler Eisenbahnmuseum Sigmundsherberg organisierte Nostalgiefahrten oder die Initiative "Dampfross und Drahtesel".

„Die alte Dampflok fohrt jetzt nimma mehr …“ erinnert sich der im Vorjahr verstorbene "Dampfhans" Johannes Domann. Er befuhr mit seiner Stammlok 93.1333 alle von Mistelbach ausgehenden Lokalbahnen. Dienstbeginn war um 5.20 mit dem ersten Zug des Tages über Dobermannsdorf nach Hohenau. Von dort ging es weiter nach Bernhardsthal, Drösing und Hohenau, wo die Mannschaft übernachtete. Am nächsten Morgen fuhr sie u. a. nach Stammersdorf. Nach der dritten Übernachtung wurden in Mistelbach Kohle-, Wasser- und Ölvorräte ergänzt und Wartungsarbeiten durchgeführt. Als sich das Ende der Dampflokära abzeichnete, war Domann als Wagenmeister für die technische Sicherheit verantwortlich. Sein Wissen gab er bis zuletzt an Hobbylokführer weiter.

„Schaffner sei, des woar amoi wos. Die Zeit is vorbei, “ erzählt der pensionierte Zugbegleiter Johann Edthofer. Im Lauf der Zeit habe der Respekt gegenüber dem Schaffner nachgelassen. Heute sei der Schaffner mehr Serviceperson, früher war er mehr Amtsperson, der man einfach gehorchte. Die Freude an seinem Beruf hat er sich bewahrt und begleitet heute Nostalgiezüge.

„Beste Bedienung, gute Küche und Keller, billigste Preise“ beschreibt die Restaurationen. Der Bahnhofsgasthof Schirmböck - "Zur grünen Insel" - in Ernstbrunn ist zwar geschlossen, doch blickt der Urgroßenkel des zweiten Inhabers gerne zurück. Er absolvierte die Hotelfachschule, erweiterte das Gasthaus zur Fremdenpension und verschaffte ihm in den 1970er Jahren durch Wildspezialitäten prominente Gäste. Vor einigen Jahren wurde das Restaurant und Hotel geschlossen und zu Wohnungen umgebaut. Die meisten sterben (mehr oder weniger) in Schönheit. Nur wenige sind restauriert, wie das 1910 eröffnete "Hotel Prinz" in Palterndorf, das Zimmer vermietet.

Als Stellwerker am Bahnknoten Dobermannsdorf arbeitete Karl Bohrn von 1969 bis 1979. Damals war die Blütezeit zwar schon vorbei, doch frequentierten zwischen 3.34 Uhr und 22.32 Uhr 30 Personenzüge die Station, dazu kam der Güterverkehr mit Zuckerrüben und Erdöl. 1988 wurde der Personenverkehr, 2000 der Güterverkehr eingestellt. 2015 ging das Eisenbahnzeitalter in Dobermannsdorf zu Ende. "Zwischen den Schienen wächst jetzt Gras", stellen die Autoren fest. Sie haben die Relikte aller eingestellten Lokalbahnen per Auto, Fahrrad oder zu Fuß erkundet und Fotos verrosteter Schilder, verwitterter Grenzsteine, funktionsloser Schrankenkurbeln und trauriger Gebäude gemacht. Die Natur hat sich ihren Teil zurückgeholt. Eine Wanderung entlang der Nebenbahn von Sigmundsherberg nach Zellerndorf endet mit dem Resümee: "Aus dem Bahndamm wachsen Sträucher und Bäume. Schwer vorstellbar, dass hier jemals wieder ein Zug fährt."

Schmalspurig im Weinviertel verkehrten nur Militär- und Transportfeldbahnen und Rollbahnen. Großbetriebe wie Gutshöfe, Ziegeleien, Sägewerke und Fabriken benützten sie. In Alt-Prerau, nordöstlich von Laa an der Thaya, verband eine fast 4 km lange Feldbahn Äcker, Konservenfabrik, Silos und Kühlhäuser und brachte die Produkte des Gutshofs zur Station Wildendürnbach der Normalspurbahn. Das Buch schließt mit dem Kapitel "Ein vergessenes Bahnprojekt – Die Lokalbahn von Stockerau nach Joslowitz (Jaroslavice)". Unterlagen im österreichischen Staatsarchiv zeigen, dass das Projekt weit fortgeschritten war. Der Erste Weltkrieg verhinderte seine Realisierung. "Was wäre gewesen, wenn diese Lokalbahn gebaut worden wäre?" spekulieren die Autoren und meinen: "Spätestens bei den umfassenden Stilllegungen 1988 wäre wohl auch der Rest der Strecke verschwunden."