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Thomas Hofmann, Beppo Beyerl: Wiener Vergnügungen#

Bild 'Hofmann'

Thomas Hofmann, Beppo Beyerl: Wiener Vergnügungen. Die Stadt von gestern. Styria Verlag Wien - Graz 2019. 224 S., ill., € 27,-

Von der Riesenradfahrt bis zum Politikerbegräbnis reicht das Kaleidoskop der "Wiener Vergnügungen". Mit diesem Thema hat sich das ebenso produktive wie kompetente Autorenduo Thomas Hofmann und Beppo Beyerl nach "Wien entdecken mit der Bim" (2019) und "Die Stadt von gestern" (2018) diesmal etwas besonders Unterhaltsames ausgesucht. Wieder ist ein farbenfroher Bilderbogen voller interessanter Details, zeitgenössischer Zitate und historischer Illustrationen entstanden.

Vergnügungshotspot einst und jetzt war und ist der Prater. Er bildete das Ziel von "Sonntagsfreuden und Landpartien", war Austragungsort sportlicher Wettkämpfe, Kulisse für Spektakel und kulturelle Veranstaltungen. Die Ziegelarbeiter verbrachten ihre karge Freizeit im "Böhmischen Prater" in Favoriten, wo das "wahrscheinlich älteste Holzkarussell der Welt" mit seinen geschnitzten Pferden unter Denkmalschutz steht und sich trotzdem weiter dreht. Freunde des Pferdesports kamen in der Krieau und Freudenau auf ihre Rechnung - oder auch nicht. "Setzen muss man unbedingt, denn wenn man nicht einmal verliert, macht einem das Ganze keinen Spaß", meinte der Journalist Ludwig Hirschfeld, der mehrmals in der Neuen Freien Presse über das Derby schrieb. Die Rundbahn im Prater wurde 1878 nächst der Rotunde errichtet. Ein Jahrhundert früher - 1720 bis 1847 - konnte man auf der Hauptallee auf menschliche Rennläufer Wetten abschließen. Die Sieger erhielten Geld- und Ehrenpreise. Am 1. Mai mussten sich die herrschaftlichen Läufer, die sonst ihren adeligen Herrschaften den Weg freimachten und bei Nacht deren Kutschen mit Fackeln voraneilten, dieser Konkurrenz stellen. Die jungen Männer trugen Uniformen in den Wappenfarben ihrer Dienstgeber, einen mit Federn gezierten Hut und einen Stab. Die auf den Tribünen zuschauenden Besucher feuerten ihre Favoriten an: "Hoppauf, Pálffy!" oder "Hühott, Kinsky!". In den letzten Jahren siegte der für Schwarzenberg laufende Franz Wandrusch. Er benötigte 40 Minuten für die Strecke vom Praterstern zum Lusthaus und retour, fünf Minuten weniger als üblich.

Sportliche Veranstaltungen findet man im Kapitel "Von Sportsmen und Kickern" noch einige weitere. Die Radfahrer mit ihren Kuriositäten wären hier etwa zu nennen. Bei den Fortbewegungsmitteln unterschied man zwischen "Ordinaires" (Hochrädern) und "Safeties" (Niederrädern). Um 1870 konstituierten sich Vélocipede-Vereine, zehn Jahre später waren es schon 300, gegliedert nach Berufsgruppen. Gegen Ende des Jahrhunderts waren auch Damen mit von der Partie, für die Hosenröcke erfunden wurden. Adele Sandrock gehörte der Radlergruppe des Burgtheaters an. Andere prominente Bicyclisten waren Alexander Girardi, Arthur Schnitzler und Viktor Adler. Hingegen sind bekannte Namen wie Karl Schäfer oder Eduard Engelmann untrennbar mit dem Eislaufen verbunden. War das "Schleifen" auf der glatten Fläche anfangs ein Vergnügen der oberen Schichten, so fanden Arbeiter beim Schwimmen und Fußballspiel ihre Unterhaltung.

Es wäre kein Wien-Buch, würden nicht auch Klischeevorstellungen bedient. "Zum Wohl von Leib und Seel" trug der Naschmarkt ebenso bei wie unterirdische Weinstuben, zum Beispiel der Esterházykeller im Haarhof oder der 1899 eröffnete Rathauskeller. Zum Essen, Trinken und Unterhaltung musste man aber, bei aller Attraktivität, nicht unbedingt unter die Erde. Vergnügungspaläste wie Schwenders Kolosseum in Fünfhaus oder das Etablissement Gschwandner in Hernals waren im 19. Jahrhundert für Tanzveranstaltungen groß in Mode. Weniger nobel ging es in den Wirtshäusern der Vororte mit Schildern wie "Rote Bretze" oder "Blaue Flasche" zu. Dieses Lokal erlangte im 19. Jahrhundert durch den Dichter Ferdinand Sauter Bekanntheit, später als "Tanzschule Thumser", die Gerhard Bronner im "G'schupften Ferdl" verewigte.

"Im Takt der Musik" geht es weiter zu Burgmusik, Volkssängern und Walzerstars. Eduard Guschlbauer kreierte den "alten Drahrer", ursprünglich die Schlussnummer eines erfolglosen Theaterstückes. Der 1839 im Findelhaus in der Alservorstadt geborene Sänger trat während vier Jahrzehnten 8730-mal in 550 Gasthäusern auf. Er soll als reicher Mann gestorben sein. 1852 regelte die niederösterreichsche Statthalterei das Volkssängerwesen. Zur Erlangung einer - nur einjährigen - Lizenz waren Unbescholtenheit, musikalische und sonstige Bildung Voraussetzung. Das Mindestalter für den Leiter eines Ensembles war 30, für Mitglieder 20 Jahre. Es durften nicht mehr als vier Personen und (offiziell bis 1871) keine Frauen mitwirken. Dann jedoch wurden Emilie Turecek als "Fiaker-Milli" und die Jodlerin Fanny Hornischer populär. Einen ganz anderen Publikumsgeschmack bedienten Joseph Lanner und Johann Strauß. Ihre Walzer eroberten die Hofbälle und gutbürgerlichen Tanzveranstaltungen.

"Spectacle müssen sein", betiteln die Autoren das letzte Kapitel. Es beginnt mit imperialen Illuminationen, beschreibt die Sensationslust der Wiener und endet, erwartungsgemäß, mit der "schönen Leich". Mit ihren "Wiener Vergnügungen" ist den Autoren wieder ein abwechslungsreicher und unterhaltsamer Blick in "die Stadt von gestern" gelungen. Auf kommende Einblicke - die sicher folgen werden - darf man sich schon freuen.

hmw