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Martina Griesser-Stermscheg, Sebastian Hackenschmidt, Stefan Oláh (Hg.): Bunt, sozial, brutal#

Bild 'Olah'

Martina Griesser-Stermscheg, Sebastian Hackenschmidt, Stefan Oláh (Hg.): Bunt, sozial, brutal. Architektur der 1970er Jahre in Österreich. Fotografiert von Stefan Oláh. Mit Texten von Friedrich Achleitner, Martina Griesser-Stermscheg, Sebastian Hackenschmidt und Christian Reder. Verlag Pustet Salzburg 2019. 240 S., ill., € 35,-

Der Architekturkritiker Friedrich Achleitner meinte, dass ein Bauwerk fünfzig Jahre überdauern muss, um kollektive Wertschätzung zu erfahren und eine Chance auf langfristige Erhaltung zu bekommen. Bald ist es für die Bauten der 1970er-Jahre so weit. Einige stehen inzwischen unter Denkmalschutz, andere wurden demoliert. Als sich der Zeitgeist zwischen Popkultur und Weltpolitik, Sozialutopie und Umweltkrise bewegte, war vieles möglich, stellt das Herausgeberteam fest. Es hat die Auswahl der rund drei Dutzend im Buch vorgestellten Beispiele im Kollektiv erarbeitet. Darunter sind Wohnhäuser, Bauten für kulturelle, kirchliche, verkehrstechnische und wirtschaftliche Zwecke. Das wichtigste Kriterium war, dass sich ein Gebäude in seiner ursprünglichen künstlerischen Intention abbilden ließ: Dies übernahm in bewährter Weise der Architekturfotograf Stefan Oláh, von dem mehrere bemerkenswerte Bücher dieser Art stammen, wie über Architektur der 50er Jahre, Stadtbahnbogen, Würstelstände oder Wiener Aussichten.

Zwischen 1972 und 1978 ließ die Gemeinde Wien rund 16.500 Wohnungen errichten. Terrassenhäuser prägten das neue Stadtbild der Außenbezirke. Dazu zählen die Anlage in Inzersdorf von Harry Glück und dessen markantestes Projekt, der Wohnpark Alt-Erlaa. In Graz entstand die Terrassenhaussiedlung St. Peter mit 528 Wohnungen unter maßgeblicher Planungsbeteiligung der BewohnerInnen. In Hollabrunn (Niederösterreich) war "Wohnen morgen" ein beispielgebendes partizipatives Projekt.

In der Kategorie "Kulturbauten, Bildungseinrichtungen und Kirchen" ist das Linzer Brucknerhaus ein herausragendes Beispiel. Für die Bildungseinrichtungen wählte das Herausgeberteam das - seit 2014 denkmalgeschützte - WIFI in St. Pölten von Karl Schwanzer und Ernst Hiesmayrs "Juridicum" in Wien. Friedrich Achleitner zählte es „zu den wenigen architektonisch und konstruktiv anspruchsvollen Universitätsbauten in Österreich“. In der Erzdiözese Wien entstanden moderne Gotteshäuser, allen voran die Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Mauer, nach einem Modell des Bildhauers Fritz Wotruba aus wuchtigen Betonblöcken errichtet.

Von den Bankgebäuden, Bürogebäuden und Rechenzentren steht das nach seinem Architekten benannte "Domenig-Haus" in Wien-Favoriten als maßgebliches Beispiel der Grazer Schule unter Denkmalschutz. Hingegen ist das städtische Rechenzentrum in der Josestadt nicht mehr erhalten. Harry Glücks "Glaspalast" wurde 2017 demoliert.

Erstmals stellt das Buch drei bedeutende Bauten aus den 1970er-Jahren vor, die sich nicht auf österreichischem Gebiet befinden. International und politisch umstritten war die "UNO-City" (Vienna International Centre) auf der Donauplatte. Rund um das zentrale Konferenzgebäude befinden sich sechs unterschiedlich hohe Bürotürme. Im Inneren dominiert Holz und als Farbe Orange. Fünf Jahre nach Baubeginn der Planstadt Brasilia ging Karl Schwanzer als Sieger aus dem Wettbewerb für die Österreichische Botschaft in Brasilien hervor. Sie liegt in einer Parkanlage im Botschaftsviertel, "das einem Architektur-Freiluftmuseum der 1960er- und 1970er-Jahre gleicht ". Die Innengestaltung stammt vom Phantastischen Realisten Wolfgang Hutter. Die Botschaft der 1971 ausgerufenen "Republik Kugelmugel" befand sich ursprünglich in Katzelsdorf (Niederösterreich). Das einzige Gebäude der künstlerisch-politisch motivierten Mikronation steht seit 1982 im Wiener Prater.

Die technischen Bauten der 1970er-Jahre präsentieren sich vielfach als futuristische Gebilde mit konstruktivistischen Elementen. Dies gilt besonders für die Bauwerke von Gustav Peichl, der u. a. die ORF-Landesstudios und die Erdefunkstelle in Aflenz (Steiermark) entworfen hat. Tunnel, Brücken und Fabriken werden in diesem Kapitel ebenso gezeigt wie das Atomkraftwerk Zwentendorf. Nie in Betrieb genommen, hat es heute Kultstatus. Hingegen steht das einst als „baulichen Wahrzeichen der Donaustadt gelobte "Rinterzelt" vor dem Abbruch. Die städtische Abfallbehandlungsanlage war als kegelförmiges Rundzelt mit 170 m Durchmesser als Holzkonstruktion konzipiert, die von einem Betonpfeiler abgehängt ist. Auch die Tage des Franz-Josefs-Bahnhofs in Wien-Alsergrund sind gezählt. Die Autoren bewerten seine gekappte Stufenpyramide als "durchaus reizvoll: Die regelmäßig gegliederte, wabenartige Verglasung deutet einen Kristallkörper an, dessen kompakte Fassade durch Aussparungen interessante Brüche erhält. "

Das Wiener U--Bahn-Netz geht auf die 1970er-Jahre zurück. "Dass sich vieles ändern würde, war zuerst an den Verkehrsbauten miterlebbar“, schreibt Christian Reder in seinem einleitenden Essay. Der geplante Abriss von Otto Wagners Stadtbahnstation Meidlinger Hauptstraße führte zum Protest der Österreichischen Architektenschaft. Die Herausgeber ergänzen: "Während die Denkmalpflege heute meist in ein konservatives Eck gerückt wird, waren es in den 1970er-Jahren progressive Architekturschaffende, die wesentlich zum Erhalt historischer Bausubstanz beitrugen. Die Auseinandersetzung mit historischer Substanz war eine eminent wichtige Bauaufgabe, und das 'Bauen im Bestand' erzielte damals nicht weniger Renommee als die Errichtung eines Neubaus. … Ziel der Architekten waren klare Eingriffe und kein 'oberflächlicher Historismus, der den Bezug zur Geschichte nur über ihr formales Vokabular herstellt', wie Achleitner 1982 schreibt."

Univ. Prof. Friedrich Achleitner ist wenige Wochen vor dem Erscheinen von " Bunt, sozial, brutal" verstorben. Sein Text "Die Widerspiegelung des Abwesenden. Am Beispiel Architektur" schließt den, in jeder Hinsicht repräsentativen, Band ab. Achleitners "hellsichtige Einschätzungen von vor fast vierzig Jahren" wurden vom Herausgeberteam in den Werkbeschreibungen der abgebildeten Bauten ergänzt und aktualisiert. Es war nicht das vordringliche Anliegen der Kunsthistorikerin Martina Griesser-Stermscheg, des MAK-Kustos Sebastian Hackenschmidt, Stefan Oláh, Sprecher der IG Architekturfotografie, und em. Univ. Prof Christian Reder, ein Standardwerk über die Architektur der 1970er-Jahre zu schreiben. Trotzdem ist es ihnen aufs Beste gelungen.

hmw