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Stephan Wahle: Die stillste Nacht #

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Stephan Wahle: Die stillste Nacht. Das Fest der Geburt Jesu von den Anfängen bis heute. Verlag Herder Freiburg Basel Wien. 224 S., ill., € 25,80

" Alle Jahre wieder, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, dann ist es wieder da: das „Festivitätsgefühl“ von Weihnachten. Zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahresverlauf wandelt sich die Öffentlichkeit in einen großen Festraum, dem sich kaum jemand entziehen kann. Kindheitserinnerungen werden wach, nicht selten in melancholischer Stimmung. Die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben paart sich mit dem skeptischen Staunen über die kommerzielle Welt. Weihnachten ist ein äußerst populäres Fest – eine kulturelle Institution. Ist es aber auch noch ein religiöses Fest? " So beginnt Stephan Wahle, Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i.Br., sein Buch über Weihnachten zwischen Kultur und Glaube.

Aus der Fülle der "alle Jahre wieder" erscheinenden Saisonware hebt es sich positiv ab. Der Verfasser kombiniert Theologie und Kulturgeschichte, von den biblischen Ursprüngen bis zur modernen Feierpraxis. Fundiert und angenehm zu lesen, gut gegliedert und 4-farbig illustriert, erörtert das Werk Details und Zusammenhänge. Der erste Teil behandelt die Weihnachtsgeschichte nach Lukas, den wohl bekanntesten und beliebtesten Text des Neuen Testaments: "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren" - geschrieben erst um das Jahr 90, "also zwei, bald drei Generationen nach dem Tod Jesu." Der Evangelist verstand seine Kindheitsgeschichte nicht als historischen Tatsachenbericht, sondern als österlichen Bekenntnistext für die Verkündigung. Der Autor stellt ihn in den Kontext anderer biblischer Überlieferungen.

Dem Vergleich und Überblick der Evangelien folgt ein Kapitel "über die Entstehung der Geburtsfeste Jesu Christi in der Spätantike." (Doppelfest Weihnachten/Epiphanie: 25. Dezember - 6. Jänner). Niemand weiß, wann Jesus geboren wurde - und die Christen feierten in den ersten drei Jahrhunderten auch keinen Geburtstag ihres Herrn. Über die Terminwahl am 25. Dezember gibt es mehrere Theorien. Die Feier an diesem Tag lässt sich im Rom der konstantinschen Zeit, im ersten Drittel des 4. Jahrhunderts, feststellen. Damals war der Sonnenkult ein "religiöses Modephänomen". Kaiser ließen sich mit einem Strahlenkranz als Sonnengott Helios abbilden. Christus wurde in der Spätantike als aufgehende Sonne dargestellt. Der Autor spricht von einem wechselseitigen Konkurrenzverhältnis der Feste um die Wintersonnenwende.

Weihnachten begeht man nicht nur an einem Tag oder in einer Nacht. Ähnlich wie bei Ostern haben die Theologen einen Festkreis entwickelt, der vom Advent bis zum Dreikönigstag reicht und eine Reihe von "Folgefesten" hat. Seit dem hohen Mittelalter kommen zu den Feiern im Kirchenraum vielfältige Bräuche. Geistliche Spiele, Umzüge und Lieder sind bis heute populär. Als sie entstanden, zelebrierten Kleriker die Liturgie in lateinischer Sprache, die Gläubigen blieben Zuschauer. So entstand das Bedürfnis nach Bewegungen, Prozessionen und dramaturgischer Inszenierung im Gottesdienst. Der Autor spricht von einer "visuelle(n) Frömmigkeitspraxis, die dem Sehen einer Krippe, einer Christkindfigur oder anderer Bilder eine quasi-sakramentale Funktion zuschreibt." In dieses Kapitel fallen das Kindelwiegen, die legendäre Krippenfeier des heiligen Franziskus, Hirten- und Weihnachtsspiele in und außerhalb der Kirche. Besondere Bedeutung erlangten sie zur Zeit der Gegenreformation. Die Jesuiten stellten die ersten Krippen auf: 1560 im Kolleg in Coimbra (Portugal), 1561 in Prag (CR), aber auch in Missionsgebieten wie Japan (1595) und Ostindien (1599). Altötting und München (Deutschland) folgten zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass viele der so genannten "Volksbräuche" nicht vom Himmel fallen, sondern von geistlichen und weltlichen Obrigkeiten erfunden und gefördert wurden. Stephan Wahle tut dies in dankenswerter Weise. Er zeigt, dass Innovationen rund um die Krippe bis in die jüngste Zeit entstehen. Das Ritual der Krippenlegung am Beginn der Christmette ging um 1930 von Passau aus und wird nun auch vom Papst durchgeführt. Krippenwege und moderne künstlerische Interpretationen haben sich vom Rheinland aus verbreitet.

"Das" Weihnachtssymbol ist der Christbaum. Auch dazu gab und gibt es zahlreiche Theorien, die der Autor zurecht rückt. Fest steht, dass der (immergrüne) Baum ein kultur-übergreifendes Zeichen des Lebens und der Hoffnung darstellt. Für Christen kam die Verbindung mit dem Paradiesbaum und dem Kreuzesbaum dazu. Die Herleitung des Christbaums "aus einem heidnisch-germanischen Fest zur Sonnenwende im Winter, dem Julfest mit der Jultanne, ist ein typisches Beispiel einer fehlgeleiteten, volkstümlichen Verbreitung populärwissenschaftlicher Publikationen seit 1900", die "jenseits aller wissenschaftlichen Überprüfbarkeit" in der NS-Zeit forciert wurde. Bei spätmittelalterlichen Paradiesspielen war der - mit Äpfeln behängte - "Baum der Erkenntnis" das wichtigste Requisit. Ein Zusammenhang mit Weihnachtsbäumen in Zunft- und Bürgerstuben (wie 1521 im Elsass) kann aber nicht bewiesen werden. Dass Martin Luther am Weihnachtsabend 1536 für seine Familie einen Lichterbaum aufgestellt hätte, ist eine Legende des 19. Jahrhunderts. Der sächsische Hofkupferstecher Carl August Schwerdgeburth schuf 1856 den bekannten Stahlstich mit diesem Motiv. Im ausgehenden 17. Jahrhundert stellten in Hannover adelige und bürgerliche Familien für die Kinder Buchsbäumchen auf, die sie mit Kerzen schmückten. Die Erfindung von Stearin (1818) und Paraffin (1830) machten Kerzen für breitere Kreise erschwinglich. "Seinen Siegeszug hat der Weihnachtsbaum in seinen drei Elementen als Licht-, Schmuck- und Gabenträger erst im 19. Jahrhundert angetreten", betont der Autor. Evangelische Stadtbürger und Beamte etablierten in ihren Familien den neuen Brauch. In katholischen Kirchen und Häusern blieb bis ins 20. Jahrhundert die Krippe das Weihnachtssymbol.

"Weihnachten als Fest der Familie" und "Weihnachten in Glaube, Kultur und Gesellschaft heute" machen das letzte Viertel des Werkes aus. Es beleuchtet zahlreiche Aspekte, wie alte und neue Adventbräuche, Bescherung, Nikolaus und Weihnachtsmann oder "Heiligabend Feiern ohne christliches Bekenntnis". Aus den lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen, die Heinz Blaumeiser und Eva Blimlinger in Österreich gesammelt haben, wird etwa der Wiener Beamte Josef Leb zitiert. In seiner katholischen Familien kamen zu Weihnachten immer viele Gäste. Hingegen freute sich der Waldviertler Michael Bauer schon, wenn es am Heiligen Abend "frische Grammeln" gab. Gegen Mitternacht wurden die Kinder geweckt. "Als wir in die Stube kamen und den beleuchteten Christbaum sahen, waren wir ganz verwirrt. Obwohl ganz bescheiden nur Äpfel und Nüsse am Baum hingen, waren wir überglücklich." Die authentischen, besonders hervorgehobenen Zitate - von den Evangelisten bis zu Zeitzeugen - sind ein wichtiger roter Faden durch das Buch. Es geht auf die 2015 erschienene Monographie "Das Fest der Menschwerdung" zurück. Für die Neuausgabe hat sie der Autor kompakt überarbeitet. Sie versteht sich als Kompendium, das die verschiedenen Facetten von Weihnachten in verständlicher Sprache zusammenstellt. Die in sich geschlossenen Kapitel erlauben die Beschäftigung mit den einzelnen Aspekten des "Festes der Feste". Als Nachschlagewerk wie als Lesebuch ist die Lektüre unbedingt zu empfehlen.

hmw