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Philipp Reichel-Neuwirth: Herrschaft und Protest in Wiener Sagen#

Bild 'Reichel'

Philipp Reichel-Neuwirth: Herrschaft und Protest in Wiener Sagen. Wahrzeichen und ihre religionspolitische Propagandafunktion. Böhlau Verlag Wien - Köln - Weimar. 149 S., ill. € 30.-

Ein kleines Buch mit großer Zielsetzung: Es entlarvt kulturgeschichtliche Täuschungen und ruft zur demokratischen Pflicht, sagenhafte "G'schichtln" im Dienste von Machtinteressen zu hinterfragen - denn diese sind nicht harmlos… Das Buch will eine Ent-Täuschung sein und wählt als Exempel fünf bekannte Wiener Sagen. Dabei konzentriert sich Philipp Reichel-Neuwirth auf das konfessionelle Zeitalter. Der Austria Guide, Kunst- und Geschichtsvermittler hat vieles über Sagen zu sagen. Er stellt mündliche Traditionen und Wahrzeichen in größere Zusammenhängeund zieht seine (oft unkonventionellen) Schlüsse daraus Die Einführung erläutert den Forschungsstand, "deutsche" und "österreichische" Sagen, den historischen und politischen Kontext. Nach der Lektüre sollte niemand mehr glauben, dass Wiener Sagen aus dem Mittelalter stammen oder der "Volksphantasie" entsprungen wären. Ein interessanter Aspekt ist, "wie der Teufel in die Sagen kam" und wo man auf seine literarischen und propagandistischen "Hufspuren" trifft.

Der "Stock im Eisen" auf dem gleichnamigen Platz Nr. 3 ist eines der bedeutendsten Wiener Wahrzeichen, und mit unterschiedlichen Erklärungen verbunden. Es wird erzählt, dass ein Schlossergeselle einen Teufelspakt eingeht, um ein Schloss zu schmieden, das nur er öffnen kann. Der Autor bietet neue Deutungsansätze an: Der Stock im Eisen wurde in den 1520er -Jahren als herrschaftskritisches Symbol von täuferischen Handwerkern aufgestellt. Er entspricht wortwörtlich den biblischen "Traum vom großen Baum" des Nebukadnezar (Daniel 4). Die biblische Geschichte richtet sich gegen den Stolz der Regierenden, da nur Gott über die Menschen herrscht. Philipp Reichel-Neuwirth hat gut recherchiert und argumentiert seine These mit vielen Details. Der Stand der Handwerker, eine der drei Säulen des mittelalterlichen Wirtschaftslebens, büßte um 1520 seine zuvor wichtige Position ein. Er wurde aus den obersten Stadtgremien ausgeschlossen und die Selbstbestimmung weitgehend abgeschafft. Nicht zuletzt deshalb schlossen sich viele der religiös-sozialrevolutionären Bewegung der (Wieder-)Täufer an. Ihre Anhänger lehnten u. a. die weltliche Obrigkeit und die Kindertaufe ab. Ihr Glaube beruhte auf Bibelkenntnis und persönlicher Spiritualität. Die Täufer lebten in Gruppen, die sich meist zur Gewaltlosigkeit bekannten. Trotzdem verfolgte man sie. Jakob Hutter (um 1500-1536) erlitt in Anwesenheit Erzherzog Ferdinands den Feuertod. Davor soll sich der Märtyrer auf das Buch Daniel bezogen haben. Der Stock im Eisen trägt einige Merkmale, die im "Traum vom Baum" angesprochen werden.

Auch bei der Basiliskenfigur am Haus Schönlaterngasse 7 sieht der Autor einen Zusammenhang mit konfessionellen Spaltungen. Sie könnte wie der Stock im Eisen erst als reformatorisches Protestsymbol und Hauszeichen im 16. Jahrhundert etabliert worden sein, bevor sie viel später zu einer Sage verwandelt und somit entpolitisiert wurde. In den 1570er- Jahren besaß der Buchhändler Hans Spanring das Basiliken-Haus. Er musste wegen des Verdachts "sectische Bücher" zu verkaufen, sein Geschäft schließen. Der Basilisk galt schon in der Antike als tödlich giftige Kreuzung aus Kröte und Hahn. In der reformatorischen Propaganda wurde das Fabelwesen, das eine Krone trägt (griech. Basiliskos - kleiner König) zur Allegorie des verhassten Papsttums.

Das Hauszeichen "Kuh am Brett", Bäckerstraße 12, nächst der Alten Universität, stammt ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert: Eine Kuh spielt mit einem Wolf (oder Fuchs) Backgammon. Ungewiss bleibt, ob die "dumme Kuh" oder der "böse Wolf" die verfeindete Konfession symbolisiert, oder ob man "eine Kritik an der Spaltung der Wiener Gesellschaft oder der polarisierten Belegschaft der theologischen Fakultät" darstellen wollte.

Die ätiologische Sage von Hans Puchsbaum soll erklären, warum der Nordturm des Stephansdoms unvollendet blieb. Der Baumeister hätte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der ihm Hilfe bei der Fertigstellung versprach. Er durfte nur nicht den Namen Maria aussprechen. Als Puchsbaum vom hohen Gerüst seine Frau, Maria, vorbeigehen sah und sie rief, hatte er gegen die Bedingung verstoßen und wurde hinuntergestürzt. Es gibt - wie üblich - mehrere Fassungen der Sage, mit und ohne Teufel. Der Autor referiert sie ausführlich und fand einen Beleg der Teufelsvariante erst aus 1820. Er verweist darauf, dass die katholische Kirche im Vormärz die Marienverehrung forcierte, und es sich auch bei dieser Sage um religionspolitische Propaganda handelte.

Überhaupt war man damals sehr sagenfreudig. Der Goethesche Mephistopheles war in der 1 Hälfte des 19. Jahrhunderts Vorbild für zahlreiche literarische Teufelserscheinungen. die Brüder Grimm und andere sammelten mündlich überlieferte Erzählungen. Im Zeitgeist der Romantik wurden Märchen und Sagen nicht nur ge- sondern auch erfunden. Ein Beispiel ist der "Zahnwehherrgott". Das Original einer Christusfigur aus dem 15. Jahrhundert befand sich auf dem Stephansfriedhof, nach dessen Auflassung in der "Allerseelennische" an der Ostwand des Domes. Ein Schmerzensmann auf einem Friedhof ist ein passendes Zeichen, auch die Verbindung zu den "Armen Seelen", denen die Besucher Gebete und Ablässe widmen sollten, liegt auf der Hand. Die Sage ist weit jüngeren Datums. Der produktive Schriftsteller Moritz Bermann (1823-1895) hat sie 1878 veröffentlicht.

Im Schlusswort schreibt Philipp Reichel-Neuwirth: Das Buch will keine finalen Ergebnisse liefern. sondern anhand einer Auswahl von Quellen und mit neuen Deutungsansätzen Pionierarbeit für einen Perspektivenwechsel in der Wiener Sagen- und somit Kulturgeschichte leisten. Dieses Anliegen ist berechtigt, aber nicht neu. Im Vorjahr veröffentlichte Helge Gerndt, em. Professor für deutsche und vergleichende Volkskunde an der Universität München und Mitherausgeber der "Enzyklopädie des Märchens" sein Buch Sagen – Fakt, Fiktion oder Fake? . Man kann nicht oft genug betonen, dass Sagen phantastische Erzählungen sind - egal ob es sich um Überlieferungen oder moderne "urban legends" handelt, die als Fake News Verschwörungstheorien Vorschub leisten.

hmw