Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht vollkommen anonym nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. ACHTUNG: Wir können an Sie nur eine Antwort senden, wenn Sie ihre Mail Adresse mitschicken, die wir sonst nicht kennen!
unbekannter Gast

Thomas Hofmann: Es geschah in Wien 1918-1955#

Bild 'Hofmann'

Thomas Hofmann: Es geschah in Wien 1918-1955. Untergang und Neubeginn. Mit einem Vorwort von Peter Payer. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach. 136 S., ill., € 28,90

Thomas Hofmann ist nicht nur Leiter von Bibliothek, Verlag und Archiv der GeoSphere Austria in Wien, sondern auch ein Erfolgsautor der Edition Winkler-Hermaden. Fast ein Dutzend Bücher sind von ihm, manche mit Co-Autoren, in dem Niederösterreichischen Verlag erschienen, zuletzt "Es geschah in Transdanubien" (2020) und "Es geschah im alten Wien. Neuigkeiten und Bilder aus der Kaiserzeit" (2023). Nun sind die Bücher des Kulturpreisträgers fast in der Gegenwart der Bundeshauptstadt angelangt.

Wieder greift er auf verlässliche, leicht zugängliche Quellen zurück, wie ANNO (AustriaN Newspaper Online), den virtuellen Zeitungslesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek und das digitale Bildarchiv des Wien Museums. So findet man, neben unbekannteren, ikonische Bilder, wie Fotos vom Rotundenbrand oder von der Präsentation des Staatsvertrags. Und wieder ist nach dem bewährten Rezept eine informative und teilweise unterhaltsame Melange entstanden. Die Zutaten: Fakten aus den Bereichen Politik, Chronik, Kultur, Unterhaltung, Sport, Religion und Tiere. So liest man auch über Elefanten, die "Praterluft schnuppern" und ein "Nilpferd als D-Zugs-Passagier". Vier große Kapitel umfassen die Jahre 1918 bis 1932 (15 Beiträge), 1933 bis 1937 (18 Beiträge), 1938 bis 1945 (10 Beiträge) und 1946 bis 1955 (12 Beiträge).

Thomas Hofmann schreibt: Die ersten 15 Jahre beginnend mit den Gemeinderatswahlen im Mai 1919, gingen als Ära der Sozialdemokraten, als Rotes Wien, in die Geschichte ein. … 1927 wurde der Justizpalast in Brand gesetzt. 1928 sorgte Josephine Baker für Schlagzeilen. Im Sommer desselben Jahres waren deutschnationale Stimmen beim 10. Deutschen Sängerbundfest unüberhörbar. … So wechselvoll die Geschichte und die politischen Regime waren, so unterschiedlich ist die Berichterstattung in den Medien … Vielfach fallen die Berichte in den Bereich von Propaganda, sie hatten den jeweiligen Regimes zu dienen und sollten deren Botschaften und Inhalte verbreiten. Dies trifft im ersten Kapitel besonders auf "Die Feier auf dem Rathausplatz" zu, wo sich nach dem Bericht der "Arbeiter-Zeitung" Zehntausende beim internationalen Treffen sozialistischer Jugendverbände in der "schönsten Stadt der Welt" versammelten. Im folgenden Jahr nützte die Zeitung die Eröffnungsfeier des Karl-Marx-Hofes zur Propaganda. 1932 lud die Stadt zu einer Pressefahrt, um die Journalisten zu überzeugen, dass die Gemeinde Wien alles daransetzt, um seinen internationalen Ruf als größte Bäderstadt Europas zu wahren und zu behaupten. Damals gab es 59 städtische Bäder, die fast 11000 Personen besuchten.

Am 4. März 1933 führte die Geschäftsordnungskrise im Parlament zur Handlungsunfähigkeit unter den Parlamentariern. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß nutzte diese Situation, um ab Mai 1934 im Ständestaat autoritär zu regieren. … Am 12. Februar 1934 und an den darauffolgenden Tagen kam es vielerorts zu bürgerkriegsartigen Zuständen mit 133 Toten und 375 Schwerverletzten in Wien, erklärt der Autor. Großzügige Beschäftigungsprogramme sollten der Arbeitslosigkeit entgegenwirken. 1935 eröffnete der Bundespräsident das erste Teilstück der Höhenstraße. Im selben Jahr wurde das Kahlenbergrestaurant seiner Bestimmung übergeben. Dabei integrierte Architekt Boltenstern bestehende Gebäudeteile, um eine möglichst sparsame Bauführung zu gewährleisten. ("Profil" - Österreichische Monatsschrift für bildende Kunst). Ein weiteres wesentliches Projekt des Ständestaates war die Reichsbrücke nach Plänen von Clemens Holzmeister. Die drittgrößte Kettenbrücke Europas entstand in vierjähriger Bauzeit mit einem Aufwand von 31 ¼ Mio. Schilling (ca. 150.000 €). Besonders große Optimisten unserer Wienerstadt sehen sogar in den nächsten Dezennien eine ganz neue Riesenstadt am jenseitigen Donauufer erstehen, sah die "Reichspost - unabhängiges Tageblatt für das christliche Volk" 1937 voraus. Während neue Großprojekte Gestalt annahmen, ging die vor zwei Generationen entstandene Rotunde, einst die weltgrößte Kuppel, in Flammen auf. Die bürgerliche Zeitung "Der Tag" berichtete ausführlich darüber.

Die Zeit vom März 1938 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem "Anschluss" Österreichs an Deutschland bis zum Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs, war die schlimmste Periode des 20. Jahrhunderts. … Kaum hatte Hitler die Macht übernommen, setzten die Gräuel des NS-Regimes ein, deren Ziel die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung war, so Thomas Hofmann. Genau sieben Jahre nach dem "Anschluss" erreichte der Luftkrieg am 12. März 1945 seinen Höhepunkt. Amerikanische Bombenverbände trafen zahlreiche Gebäude im Zentrum, darunter die Staatsoper. Die Oper brennt. Dies ist wohl einer der schwersten Schläge, die dem kulturellen Wien versetzt werden konnten. … Die Wiener Oper war eines der schönsten Opernhäuser der Welt. Sie ist der Zerstörungswut der Feinde zum Opfer gefallen. Was sonst an diesem schwarzen Tag für Wien noch geschah - wir wollen es nicht aufzählen, klagte das "Neue Wiener Tagblatt" in einer seiner letzten Ausgaben.

Nach dem Ende des Krieges in Europa wurde die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) verboten, die Nationalsozialisten in Listen erfasst und nach dem Verbotsgesetz gerichtlich belangt. Die nächsten zehn Jahre, bis zum Staatsvertrag, der am 15. Mai 1955 im Oberen Belvedere unterzeichnet wurde, kontrollierten die alliierten Truppen der Siegermächte den Alltag. (Thomas Hofmann) Die Österreicher sammelten für die Dachdeckung des zerstörten Stephansdoms. Allein Kammersängerin Maria Jeritza spendete 2.000 glasierte Dachziegel. Der Transport der neu gegossenen Pummerin glich 1952 einem Triumphzug. Im "Wiener Kurier" erfuhr man am 28. April: 19 Minuten nach 10 Uhr wurde gestern die Pummerin zum ersten mal geläutet. Acht Männer … zogen die Seile, mit denen der schwere Klöppel in Bewegung gesetzt wurde. Fünfzig dumpfe Schläge verkündeten weithin hörbar, dass die "Königin von Österreich" wieder in Wien weilt. Die "Wiener Zeitung" (1703 bis zu ihrer Einstellung nach 320 Jahren) war die älteste Tagungszeitung der Welt und lange Zeit führend auf dem österreichischen Zeitungsmarkt. 1857 übernahm der österreichische Staat das Blatt, das im Zweiten Weltkrieg eingestellt war. Zum Staatsvertrag erschien eine Sondernummer. Die Begeisterung wollte kein Ende nehmen. Immer wieder mussten die Minister auf den Balkon kommen und immer wieder wurden sie stürmisch begrüßt. … Kurz vor 13 Uhr begann die Abfahrt aus dem Schloss Belvedere … Die Gesamtauffahrt umfasste 67 Wagen, die Polizei meldete, dass die Gesamtlänge des Zuges 2,5 km betrug.

Der Stadthistoriker Peter Payer erinnert im Vorwort, dass in der behandelten Zeitspanne 1918 bis 1955 zwei Weltkriege stattfanden, ließ die Distanz zu heute lange Zeit größer erscheinen, als sie womöglich ist. Denn die Krisen der Gegenwart verändern unser Zeitgefühl, verlangen eine sensible Überprüfung unserer Einstellung zu Frieden und Krieg. Dass Frieden und Krieg so nah beieinander existieren können und trotzdem ein immer wieder auch freudvoller Alltag in der Stadt gelebt werden kann, auch diese Erkenntnis lässt sich durch das vorliegende Buch gewinnen.

hmw