Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht vollkommen anonym nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. ACHTUNG: Wir können an Sie nur eine Antwort senden, wenn Sie ihre Mail Adresse mitschicken, die wir sonst nicht kennen!
unbekannter Gast

Agnes Husslein-Arco, Rolf H. Johannsen (Hg.): Wien, Wien, nur du allein#

Bild 'Horten'
Agnes Husslein-Arco, Rolf H. Johannsen (Hg.): Wien, Wien, nur du allein. Wigand/Alt/Oláh. Mit Texten von Véronique Abpurg, Sebastian Hackenschmidt, Agnes Husslein-Arco, Rolf H. Johannsen, Annkathrin Weber. Deutsch/ Englisch. Verlag für moderne Kunst und Heidi Horten Collection Wien. 160 S., ill., € 22,-

Ein spezielles Buch zu einer speziellen Ausstellung: Die Heidi Horten Collection zeigt historische und zeitgenössische Veduten von Balthasar Johann Baptist Wigand (1770-1846), Rudolf von Alt (1797-1905) und Stefan Oláh (*1971). Der Ausstellungstitel ergab sich wie von selbst. "Wien, Wien, nur du allein" ist der Refrain eines bis heute populären Wienerliedes. 1912 schrieb der Jurist Rudolf Sieczynski den Text, zwei Jahre später wurde es gedruckt, bald auch übersetzt. Das Wienerlied klingt romantisch. "… sollst stets die Stadt meiner Träume sein …" Obwohl sie die Stadt lieben, zeichnen die drei Künstler deren Werke präsentiert werden, realistische Bilder Wiens. Die Gegenüberstellung bestätigt: "keiner bleibt kalt, ob jung oder alt, der Wien, wie es wirklich ist, kennt." Balthasar Wigand, Rudolf von Alt und Stefan Oláh kannten und kennen Wien, "wie es wirklich ist", besonders gut. Zwischen ihren Bildern liegen zwei Jahrhunderte und die größten Umgestaltungsprozesse der Stadt.

Der Höhepunkt der Karriere von Balthasar Wigand fiel in die Zeit des Wiener Kongresses. Teilnehmer und Zeitgenossen erfreuten sich an künstlerisch gestalteten Gebrauchsgegenständen. Stichwort: Biedermeierkultur. Bei den Diplomaten, die über die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen diskutierten, waren wertvolle Souvenirs gefragt. Wigand erkannte die Nachfrage und nützte sie. Er produzierte kostbare Kassetten mit Perlmuttintarsien und integrierte Aquarelle im Miniaturformat. Bevorzugte Motive waren Kirchen und Palais der Innenstadt - wie Stephansdom und Karlskirche - , Ansichten der Vororte und der Umgebung: Schloss Schönbrunn mit der Gloriette, das Panorama von der Spinnerin am Kreuz, Döbling, Dornbach oder die Burg Liechtenstein. Winzige Staffagefiguren beleben die Veduten: Fuhrwerke, Passanten, Wanderer, Rinder, Schafe und Hirten trafen den Zeitgeschmack punktgenau.

Eine Generation jünger als der Meister der angewandten Kunst war Rudolf von Alt, der einer Malerfamilie entstammte. Sein Vater Jakob Alt war 1810 aus Frankfurt am Main nach Wien gekommen. Er arbeitete für den Verlag Artaria, wo er sich rasch etablieren konnte. Auch Balthasar Wigand war für diese Kunsthandlung tätig. Eine Konkurrenz dürfte zwischen den beiden Künstlern nicht bestanden haben. Zu unterschiedlich waren ihre Arbeitsfelder. Jakob und in dessen Nachfolge Rudolf von Alt konzentrierten sich auf repräsentative Aquarell-Ansichten aus Österreich, den Kronländern und Italien, während Wigands zumeist kleinformatige, nur wenige Quadratzentimeter große Aquarellveduten fast ausschließlich Wien und dessen Umgebung zum Thema haben, stellt der Ausstellungskurator Rolf H. Johannsen fest. Jakob Alt schuf in kaiserlichem Auftrag zahlreiche großformatige Aquarelle. Er war der erste Lehrer seiner Söhne Rudolf und Franz, mit denen er bei den "Guckkastenbildern" zusammenarbeitete. Rudolf (seit 1897 "Ritter von") Alt war einer der verlässlichsten Schilderer Wiens. Er widmete der Stadt den überwiegenden Teil seiner 1000 Aquarelle. Allein die schwierige Architektur des Stephansdoms malte er - seit 1831 - mehr als 100 Mal. Kunsthistoriker urteilen: "Die Architekturveduten sind deshalb von so überragender Bedeutung, weil sie außer künstlerischer Qualität auch topographischen Wert besitzen. Das von Alt bevorzugte Aquarell kommt der Wiedergabe von Atmosphäre sehr entgegen (er war ein Meister in der Wiedergabe von Licht- und Luftstimmungen). Er ging immer mit der Zeit und gehörte deshalb (trotz eines Generationsabstands) 1897 zu den Gründungsmitgliedern der Secession, deren Ehrenpräsident er im selben Jahr wurde." Rudolf von Alt erlebte die Biedermeierzeit ebenso wie die Ringstraßenära (Schleifung der Stadtmauer 1858, letztes Bauwerk 1913) und das moderne Wien der Jahrhundertwende. Im Begleitbuch zur Ausstellung Wien, Wien, nur du allein heißt es, Alt enthielt sich bis auf wenigen Ausnahmen der Darstellung der sich im Wandel befindlichen Stadt, den er allerorts beobachten konnte.

Den Wandel des Stadtbilds beobachtet der Fotograf Stefan Oláh sehr bewusst. 2017 hat er in seinem Bildband "Alt-Wien neu" historische Sehenswürdigkeiten - vom möglichst selben Standort - neu ins Bild gesetzt. Für die aktuelle Ausstellung kamen weitere Parallelen dazu: Stephansdom, Neuer Markt, Karlskirche, Sophien- (heute Rotundenbrücke), Ferdinands- (heute Schwedenbrücke), Äußeres Burgtor, Spinnerin am Kreuz, Schönbrunn, Burg Liechtenstein, die Franzensburg in Laxenburg und Bad Gastein. Sebastian Hackenschmidt, der gemeinsam mit Stefan Oláh mehrere Bildbände veröffentlicht hat, schreibt: Mit großem Gespür für Atmosphäre, Licht, Details, den richtigen Standpunkt und den passenden Moment erfasst er die Eigenart von Bauwerken ohne den urbanen Kontext außer Acht zu lassen. Er zeigt architektonische Sachverhalte so, wie sie sind und wie sie dem unvoreingenommenen Blick erscheinen - ganz "ungeschminkt" und ohne Effekthascherei oder technische Spielereien.

Im dritten Teil des Buches gibt der Fotograf der Horten-Collection ein Interview. Obwohl er mit einer Ausrüstung unterwegs ist, wie es sie schon Generationen vor digitaler Fotografie und Bearbeitung gab, geht es ihm nicht um Nostalgie. Er erzählt, wie er per Vespa mit seiner Linhof-Laufbodenkamera unterwegs ist. Dabei faszinieren ihn die einzigartigen Möglichkeiten der perspektivischen Verstellung, die genau das widerspiegeln, was ich erreichen möchte. … Mein Ziel ist es immer, nur eine Belichtung zu machen. So habe ich zum Beispiel auch so gut wie nie mehr Filmmaterial als für zehn Belichtungen im Rucksack. Stephan Oláhs Bilder sind authentisch, umfangreiche Recherchen gehen ihnen voraus. Wenn sich bei Wigand eine Ulmer Schachtel dekorativ der Ferdinandsbrücke nähert, dann wartet Oláh, bis ein Twin City Liner die Schwedenbrücke quert, ehe er in der richtigen Sekunde den Auslöser betätigt. Wenn ich sehe, dass … in den Darstellungen von Balthasar Wigand die Hofdamen mit dem Sonnenschirm vor dem Burgtor flanieren, versuche ich das in die heutige Zeit zu übersetzen. Aber ich greife nicht ein, habe keine Komparsen, verwende keine Requisiten. Zentral ist das Finden des richtigen Zeit- und Standpunkts. … Ein Guide mit eng hintereinander laufenden Menschen lässt sich unweigerlich als Zeichen des Übertourismus unserer Zeit lesen. Solche Dinge möchte ich fotografieren. Der Sprung in Dimension und Technik ist gar nicht ausschlaggebend, sondern vielmehr die Erzählung.

hmw