Fritz Dittlbacher: Österreich geschwindelt#
Fritz Dittlbacher: Österreich geschwindelt. Ein etwas anderes Geschichtsbuch. Verlag Ueberreuter Wien. 208 S., ill., € 26,-
Fritz Dittelbacher hat eine Trilogie abgeschlossen. Nach Warum in Wien das Römische Reich unterging und Vorarlberg nicht hinterm Arlberg liegt und Warum Wein einst gesünder als Wasser war und wie Kartoffeln die Welt verändert haben bahnt sich mit Österreich geschwindelt ein neuer Bestseller an.
Der Autor ist Chefreporter der "Zeit im Bild" im ORF und dem Publikum auch aus der Vorabend-Infotainment-Sendung "Studio 2" bestens bekannt. Als promovierter Historiker und diplomierter Kommunikationswissenschaftler versteht er es, geschichtliche Zusammenhänge ebenso seriös wie unterhaltsam zu erklären. In diesem Buch sollen ein paar Korrekturen dazu stattfinden. Ergänzungen zu dem, was wir eh alle immer schon geglaubt und gewusst haben. Diesem kollektiven Geschichtsbild, unseren lieb gewonnenen Mythen, sollen ein paar zusätzliche Informationen hinzugefügt werden. Nicht mit dem Anspruch auf die letztgültige, allumfassende Wahrheit, aber als ad notam, als Zusatzinformation zur herrschenden Meinung, schreibt der Politikjournalist.
Glaubt man einer der "gefühlten Wahrheiten", dann würde Österreich heuer seinen 1030. Geburtstag feiern. Dies ergibt sich aus einer Schenkungsurkunde des Jahres 996, die Kaiser Otto III. ausgestellt haben dürfte. In einer regione vulgari vocabulo ostarrichi sollte der Bischof von Freising 30 große Bauernwirtschaften im Ort Neuhofen an der Ybbs (Niederösterreich) erhalten. Fast ein Jahrtausend blieb die Urkunde im Bayerischen Hauptstaatsarchiv unbeachtet oder galt als "Diplom zweifelhafter Geltung". Politisch interessant wurde sie erst 1946, zwecks Stärkung des Österreichbewusstseins. Es traf sich gut, dass das Jubiläum "950 Jahre Österreich" anstand - und prominent gefeiert wurde. Der Autor zeigt verschiedene Ungereimtheiten auf - was aber den damals zuständigen Minister Felix Hurdes und die provisorische Staatsregierung nicht weiter störte: Ein eigenes Volk in einem eigenen Land sollte aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs entstehen.
Womöglich noch populärer ist der Mythos von den Farben "Rot-Weiß-Rot". Herzog Leopold der Tugendhafte habe sich im Jahr 1191 so sehr ins Getümmel gestürzt, dass sein Waffenrock, sein "Hemd", nach der siegreichen Schlacht blutrot gewesen sei. Doch dort, wo sein Schwertgürtel lag, die Binde, wie man damals sagte, sei der Stoff blütenweiß geblieben. … Der deutsche Kaiser Heinrich verlieh dem heimischen Helden noch am Schlachtfeld das rot-weiß-rote Banner als Ehrenzeichen. Hingegen zeigt schon eine Federzeichnung aus dem 12. Jahrhundert Leopold den Heiligen, bei einer Schlacht 1105, also fast 90 Jahre vor jener von Akkon, mit einem dreigeteilten rot-weiß-roten Bindenschild. Auch andere Adelsgeschlechter aus dem Umfeld der Babenberger trugen schon Jahrhunderte zuvor den weißen Balken auf rotem Grund.
Der Zeitrahmen des etwas anderen Geschichtsbuchs reicht vom Jahr 996 bis 1995. Genau genommen sogar bis 2001. Man erinnert sich, dass die Politiker der Koalition ÖVP-FPÖ wegen lautstarker Proteste den Weg zur Angelobung in einem geheimen Gang unter dem Ballhausplatz zurücklegten. Für eine TV-Dokumentation bot das Kanzleramt dem Fernsehteam später an, einen Blick in den legendär gewordenen unterirdischen Flur zu werfen. Es war ein hell erleuchteter Korridor mit Marmorboden, den man daraufhin zu sehen bekam. … Einen solchen Durchgang gibt es im Kanzleramt - er führt in die Kantine. Ein Vierteljahrhundert danach erhielt der Chefreporter die seltene Gelegenheit, die Unterquerung des Ballhausplatzes persönlich in Augenschein zu nehmen. Es war höchst aufschlussreich. Ein kleiner Lift führt (seit dem Zweiten Weltkrieg) von den Prunkräumen des Bundespräsidenten durch riesige Barockkeller zum Bundeskanzleramt. Diesen Schleichweg benutzte die damalige Regierung, durch dunkle Ecken in muffiger Luft am Gerümpel von Jahrhunderten vorbei. Ein Bild, das man dem Staatsvolk nicht bieten wollte. Dann lieber schwindeln. In Italien heißt das "bella figura", aber auch bei uns ist die möglichst perfekte Inszenierung allerhöchstes Anliegen. Wenn sie gelingt, ist jeder Aufwand dafür legitimiert, jede Schwindelei dafür verziehen. Aber wehe, es geht schief. - wie bei der Silberstein-Affäre um gefälschte Social-Media-Accounts.
18 Österreich-Mythen stellt Fritz Dittlbacher kenntnisreich, mit manchen persönlichen Erinnerungen und nicht ohne Humor auf den Prüfstand. Jedes Kapitel beginnt mit dem Satz Was wir zu wissen glauben, und findet seine Auflösung mit Was man sonst noch dazu wissen könnte. Einige der Themen sind "Die Habsburger, eine schrecklich glamouröse Familie", "Du, glückliches Österreich, heirate!", "Von erfundenen Hieroglyphen, neu erbauten Ruinen und geschwindelten Burgen", "Der Staat, den keiner wollte, der sich aber trotzdem durchschlug", "Von letzten Russen, Tagen der Fahne und Fit mach mit", "Wir waren nicht dabei, wir haben nichts gewusst", "Wie Hans Krankl in Cordoba eine Nation geformt hat" und schließlich Wir Parade-Europäer sind endlich dort, wo wir hingehören.
Der Autor zieht auch ein Resümee: Wir Journalistinnen und Journalisten sitzen genau betrachtet nicht im Zuseherraum der Politbühne, sondern in der Bühnenloge, wie Waldorf und Statler in der Muppet Show. Wir sind mit unseren Kommentaren Teil der Inszenierung und des ganzen Schauspiels. … Jene, die Verantwortung übernommen haben, stehen vor diesem ganzen Scherbenhaufen und wissen: Wir können es nicht richtig machen. Wir können uns nur durchschwindeln. Aber: Damit haben wir Erfahrung.
