Christine Haiden: 365 Frauen #
Christine Haiden: 365 Frauen. Eine Geschichte Österreichs. Anton Pustet Verlag Salzburg. 416 S., ill., € 30,-
Im Winter 2026/27 holen prominente Sammlungen die jahrhundertelang ignorierten Frauen vor den Vorhang, etwa die Albertina mit "Her Story", das Belvedere 21 mit "Feminist Futures forever" oder die Landesgalerie Niederösterreich mit "Wiener Moderne - weiblich - widerständig". In jüngster Zeit erschienen Bücher wie We are Austria von Nina Pavicsits oder Wie wir es erleben von Barbara Sternthal. Jetzt hat dieses Genre interessanten Zuwachs erhalten. Die von Christine Haiden vorgestellten 365 Frauen spiegeln die Geschichte Österreichs.
Die Autorin, promovierte Juristin, entschied sich für die journalistische Berufslaufbahn. 1993 bis 2021 war Christine Haiden Chefredakteurin der Zeitschrift "Welt der Frau(en)", sie wirkte bei sozialen Initiativen mit - u.a. als Leiterin der Oberösterreichischen Caritas - ist Kolumnistin einer Tageszeitung und schrieb mehrere Bücher. Auch beim jüngsten legt sie Wert auf Ausgewogenheit. Lebenszeit, Herkunft, Familiäres sind für die Viten ebenso von Belang wie Religion und Weltanschauung. So findet man Pionierinnen, Frauenrechtlerinnen, Herrscherinnen, Arbeiterinnen, Politikerinnen, Salonnieren, Künstlerinnen, Wirtschaftstreibende und viele andere. In der Auswahl zeigen sich aber auch subjektive Einschätzungen und die Freude an erzählenswerten Geschichten, schreibt die Autorin. Kreativ ist die Gestaltung als "immerwährender Kalender", ebenso das Design von Michaela Landwehr. Jeder der Gewürdigten ist eine Seite zugedacht, neben der Biographie mit einem (künstlerisch verfremdeten) Portrait und einer Kurzcharakteristik.
Von der Venus von Willendorf (gestaltet vor rund 27.000 Jahren) bis zur Profifußballerin Viktoria Sophie Schnaderbeck (geb. 4.1.1991) reicht der Zeitrahmen. Beide sind im ersten Kapitel vertreten. Ebenfalls im Jänner haben u. a. die Hotelbesitzerin Anna Sacher (1859-1930), die Freifrau von Brandhofen und Gräfin von Meran, Anna Plochl (1804-1885), Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (1954-2014), die erste Ärztin Österreichs, Gabriele Possanner (1860-1940), Maria Leopoldine Josepha Caroline von Österreich, Kaiserin von Brasilien und Königin von Portugal (1797-1826) und Franziska Faifalik (1842-1911), charakterisiert als Kaiserin Sisis Friseurin, Vertraute und Double das Licht der Welt erblickt.
Zu den Geburtstagskindern des Monats Februar zählen Ava, im 12. Jahrhundert die erste namentlich bekannte deutschsprachige Autorin, Adelheid Popp (1869-1939), die Ikone der Arbeiterbewegung, Cissy Kraner (1918-2012), der Vamp aus Favoriten, Maria Anna Strauss (1801-1870), die Mutter der Walzerdynastie und Katharina Prato (1818-1897), die schriftstellernde Kochkünstlerin.
Aus den im März Geborenen wurden u.a. Franziska Jägerstätter (1913-2013), Ehefrau des selig gesprochenen Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter, die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck (1873-1950) und die von Kronprinz Rudolf erschossene Mary Vetsera (1871-1889) ausgewählt.
Das Beispiel der parteitreuen Übersetzerin in der Sowjetunion, Lilli Beer-Jergitsch (1904-1988) zeigt, wie weltanschaulich offen die Autorin ihre Auswahl getroffen hat. Sie würdigt (im April) auch Vertreterinnen randständiger Berufe wie die Dompteuse Henriette Willardt (1866-1923) oder die Hofzwergin der spanischen Königin, Maria Barbara Haunsin (1609-1662). Nie geht es Christine Haiden um Sensationen oder kuriose "Gschichtln". Ihre kompetenten Informationen sind knapp, was naturgemäß einige Lücken bedingt aber anregt, mehr über die Dargestellten zu erfahren. Störend wirkt nur, dass sie in den Texten - wie so oft in den Medien - beim Vornamen genannt werden. Das degradiert sie zu unmündigen Kindern, was der Autorin sicher fernliegt.
Der Mai beginnt mit Einzi Stolz (1912-2004), die von anderen oft zu den gefürchteten Operettenkomponisten-Witwen gezählt wurde. Weitere bekannte Namen sind im 5. Monat Zita Maria delle Grazie Habsburg-Lothringen (1892-1989), die letzte Kaiserin im Habsburgerreich. Conchita Wurst (geb. 1988 als Thomas Neuwirth) und die Frauenrechtlerin Auguste Fickert (1855-1910).
Häufig waren die Dargestellten die ersten Frauen in ihrer Profession, wie im Kapitel Juni die Philharmonikerin Anna Lelkes (geb. 1939), die Präsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler (geb. 1948) oder Bundeskanzlerin Brigitte Theresia Bierlein (1949-2024). Eveline Goodman-Thau (geb. 1934) amtierte als erste Rabbinerin Österreichs, Grete Rehor (1910-1987) , eine "schwarze Kommunistin" , als erste Ministerin des Landes.
Im Juli hatten Anna Maria Mozart (1720-1778), die Mutter von Wolferl und Nannerl, die Pionierin der Reformpädagogik Eugenie Schwarzwald (1872-1940), Hemma von Gurk (um 1000 - 1045), die Stifterin aus Kärnten, die Theaterdirektorin Stella Kadmon (1902-1989) Geburtstag. Riane Eisler (geb. 1911) geht als Forscherin für eine bessere Welt in die Annalen ein.
Das Kapitel August vereint so unterschiedliche Schicksale wie das der Bergbäuerin Barbara Passrugger (1910-2001), die mit ihren Lebenserinnerungen zu einer Pionierin der "Geschichte von unten" wurde, der Theaterprinzipalin Anna Exl (1882-1969), der Hoffotografin Adele Perlmutter (1845-1941) oder der Nobelpreisträgerin Gerty Theresa Cori (1896-1967).
Im September macht man Bekanntschaft mit Franziska Kalmar (1929-2024), der ersten Fernsehansagerin des ORF, der roten Erzherzogin Elisabeth Petznek (1883-1963), der Salzburger Landespatronin Ehrentrudis (7./8. Jahrhundert), Herta Firnberg (1909-1994), Reformerin der österreichischen Hochschulen, Martha Schulz (geb. 1963), erste Präsidentin der Wirtschaftstreibenden oder Irene Harand (1900-1975), die in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt wird.
Im Oktober erblickte Gräfin Margarete von Görz-Tirol (um 1318-1369) das Licht der Welt. Den zweifelhaften Beinamen "Maultasch" verdankte sie wahrscheinlich ihrem Ex-Ehemann. Maria Schaumayer (1931-2013) war weltweit die erste Präsidentin einer Nationalbank. Martha Marek (1897-1938) ging in den 1920 er Jahren als Schwerkriminelle und Serienmörderin in die Kriminalgeschichte ein.
Der November verzeichnet Marie Antoinette von Frankreich (1755-1793), die Königin auf der Guillotine, ebenso wie die Kabarettistin Lore Krainer (1930-2020), die Physikerin Lise Meitner (1878-1968) - der Nobelpreis blieb ihr verwehrt -, Agnes von Waiblingen (um 1072-1143), die Stammmutter zweier Dynastien oder die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858-1938).
Im Dezember findet man Anna Freud (1895-1982), die Pionierin der Psychoanalyse für Kinder, Violetta Becker-Donner (1911-1975), Ethnologin und erste Direktorin eines Bundesmuseums, Gertraud Knoll (geb. 1958), Superintendentin mit politischen Ambitionen Kaiserin Elisabeth (1837-1898), Unsere Kaiserin, die Reiserin. Alma Stephanie Wittlin (1899-1992), die Vordenkerin moderner Museumspädagogik beschließt diesen speziellen "immerwährenden Kalender".
