Robert Preis: 111 Orte, die von der Geschichte Österreichs erzählen#
Robert Preis: 111 Orte, die von der Geschichte Österreichs erzählen.
Emons Verlag Köln. 240 S., ill., € 19,50
Die "Engelszahl" 111 gilt als "kraftvolles spirituelles Symbol für Neuanfänge, Intuition und die Verwirklichung der eigenen Gedanken", zudem als gutes Omen für Fülle und Wohlstand. Also rundum positiv, auch wenn der Kölner Emons-Verlag die Zahl nicht deshalb für den Reihentitel gewählt hat. Er hat mit der "kölschen Zahl" zu tun: 11.11. und 11.000 beziehen sich auf Kölner Traditionen. Jedenfalls handelt es sich bei den "111 … die man gesehen haben muss" oder die von der "Geschichte … erzählen" um die Erfolgsgeschichte einer Serie mit inzwischen weit mehr als 300 Büchern. Die jüngsten sind 111 Gärten und Parks in Wien, die man gesehen haben muss von Sabine M. Gruber und 111 Orte, die von der Geschichte Österreichs erzählen von Robert Preis.
Der Sachbuch- und Romanautor, der in Wien Publizistik und Völkerkunde studiert und die Münchener Drehbuchwerkstatt absolviert hat, publizierte bei Emons mehr als ein Dutzend Bücher. Die meisten haben mit seiner Heimat, der Steiermark zu tun. Diesmal blickt er auch über die Grenzen, in andere Bundesländer, in die Schweiz, nach Deutschland, Italien, Ungarn und Slowenien. In bewährter Weise stehen einer Seite Text je ein ganzseitiges Bild und Kurz-Informationen (Adresse, Öffnungszeiten, Literatur) gegenüber. Auch die drei Fragen auf der Umschlagrückseite dürfen nicht fehlen: 'Wo wurde das Jodeln erfunden ? (in Tirol), Wie wurde ein Energydrink weltweit erfolgreich ? (Auf einer Geschäftsreise, die den Wirtschaftsmagnaten Dietrich Mateschitz nach Thailand führte) Und was bedeutet es, wenn Wiener den "71er" nehmen ? (eine Fahrt zum Zentralfriedhof, oft die letzte Reise). Der Zeitrahmen reicht von 3300 v. Chr. bis zum Umbau der Mariahilfer Straße im 21. Jahrhundert.
Zu den "Orten" zählen Hallstatt, Carnuntum, Melk, Enns, Kufstein, Wien, Graz, Eisenstadt, Ischl, Sarajevo, Salzburg, Schladming und viele mehr. Auch großflächige Schauplätze sind darunter, etwa die Großglockner-Hochalpenstraße auf Österreichs höchsten Berg, der erste Nationalpark (Hohe Tauern) oder Die Hainburger Au.
Die Auswahl der geschichtlichen Ereignisse ist breit gestreut: Österreichs erste Erwähnung in der Ostarrichi-Urkunde von 996, die Georgenberger Handfeste (1186), Bedrohungen durch die Osmanen im 16. und 17. Jahrhundert, der Wiener Kongress (1814/15), nach dem Ende der Monarchie der Erste und Zweite Weltkrieg mit den Gräueltaten der NS-Zeit, EU-Mitgliedschaft (1995).
Man begegnet einer Reihe interessanter Personen. Die erste ist Ötzi, die älteste menschliche natürliche Mumie. Margarete von Tirol-Görz, die den diskriminierenden Beinamen "Maultasch" erhielt, wollte man ihren Anspruch auf Tirol streitig machen. Friedrich III. war keineswegs die "Erzschlafmütze", sondern, so Robert Preis, ein Kaiser, der Rekorde brach. Dem Feldherrn Andreas Baumkirchner verdankte der Kaiser sein Leben, dennoch wurde er enthauptet. Wolfgang Amadeus Mozart trat als Wunderkind vor Maria Theresia auf, die u. a. das Schulwesen reformierte. Der Freiheitsheld Andreas Hofer kam ebenso wie der Nähmaschinen-Erfinder Josef Madersperger aus Tirol. Der Habsburger Erzherzog Ferdinand Maximilian erlitt als Kaiser von Mexiko ein trauriges Schicksal, wie eine Generation später die ermordete Kaiserin Elisabeth. Im 20. und 21. Jahrhundert dominieren NobelpreisträgerInnen, Publikumslieblinge, SportlerInnen wie Toni Sailer, Jochen Rindt, Karl Schranz, Franz Klammer, Annemarie Moser-Pröll und Showstars wie die Austro-Popper, Udo Jürgens, Falco oder Arnold Schwarzenegger.
Auch als typisch österreichisch angesehene Institutionen werden gewürdigt. Viele, aber nicht alle, haben mit Kultur zu tun. Stephansdom, Bundesadler, Wiener Sängerknaben, Lipizzaner - Das "Wissen um die Lipizzanerzucht" ist ebenso Immaterielles Kulturerbe wie "Klassische Reitkunst" -, Schönbrunner Tiergarten - ein Teil des Welterbes -, Wiener Schnitzel, Donauwalzer, Staatsoper, Löwinger-Bühne, Simpl, "Jedermann", ORF, Donauinselfest, Sportereignisse …
Weniger allgemein bekannt, aber nicht minder interessant sind steirische Spezialitäten wie Der Bergfriedhof in Johnsbach (1810), Das erste Fußballspiel (1894 im Grazer Stadtpark) oder Der Thalerhof (1914). Bei Superlativen fällt die Entscheidung oft schwer, wer oder was das Prädikat verdient. Der Autor hat einige ausgewählt: Das älteste Weingut (Nikolaihof), das erste Kloster im deutschsprachigen Raum (Erzabtei St. Peter), die älteste Schule Österreichs (Stiftsgymnasium Melk), das älteste originale Waffenarsenal der Welt (Landeszeughaus Graz), der älteste Zoo der Welt (Schönbrunn), das berühmteste Weihnachtslied (Stille Nacht), die Technische Meisterleistung der steilsten elektrisch betriebenen Adhäsionsbahn der Welt (Pöstlingbergbahn), die größte Binnen-Reederei der Welt (DDSG), die erste Hochgebirgsbahn der Welt (Semmeringbahn) oder die erste Zapfsäule (in Graz).
Weit verbreitet ist das Vorurteil, Geschichte(unterricht) bestehe aus Schlachten und Jahreszahlen. Als anderes Extrem gelten "Gschichterln" und Anekdoten, wie man sie vor allem Touristen gerne erzählt. Robert Preis schafft die Balance zwischen Fakten und unterhaltsamen Details, stets um Objektivität bemüht. Nur das Kapitel über einen eigentümlichen Gesang lässt persönliche Vorliebe (oder das Gegenteil) vermuten: Über das Jodeln schreibt der Autor: Man mag es, oder verdreht dabei die Augen. Sinnbefreite Silben werden in sprunghaften Rhythmen, teilweise mit Kopfstimmen, um die hohen Tonlagen zu bewältigen, zum Besten gegeben. … Heute ist es populärer denn je und hält Einzug bei geselligen Wanderungen, und selbst Yoga- und Pilateslehrer kombinieren den "Gesang" mit ihren Übungen. Nur eines hat sich nicht geändert: Man mag es, oder …
