
An solchen Tagen: Der Moment mit Gross#
(Die Vorleistungen anderer Kräfte)#
von Martin KruscheIch habe in letzter Zeit wieder einige Gespräche zu einem meiner Lieblingsthemen geführt: Was immer uns gelingt, beruht auf den Vorleistungen anderer Kräfte. Mir mißfällt nämlich diese Spießer-Phantasie vom Genie, das in seiner singulären Exzellenz etwas aus sich heraus erschaffen könnte, als hätte es da vorher nichts gegeben.
Jedes Neugeborene würde einem unter den Händen wegsterben, wenn es von dem, was an Geist und Zuwendung schon da ist, abgeschnitten wäre. Die Vorstellung einer „Creatio ex nihilo“ überlasse ich neidlos den Fachkräften der Philosophie und Theologie. (So weit ich sehe, sind auch die Quantenphysiker nicht derart lustig, sich solchen Flausen hinzugeben.)
Der Mensch steht als ein Zoon politikon mit anderen Menschen im Austausch und bezieht von daher laufend Impulse, bekommt Anregungen, erlebt fallweise auch Übergriffe, wodurch Ansichten, Haltungen und Handlungspläne entstehen; keineswegs ex nihilo.
Die Begegnung#
Nun habe ich einen Altmeister der kollektiven Wissens- und Kulturarbeit getroffen. Bei unserer Dezember-Session im Verlagshaus der Edition Keiper fand ich Gelegenheit, eine Weile mit dem Architekten Eugen Gross zu plaudern. Der Mann, Jahrgang 1933, spielt eine exponierte Rolle, wenn man sich über das steirische Kulturgeschehen nach 1945 Gedanken macht.Er war in sehr unterschiedliche künstlerische Vorhaben verstrickt, hat außerdem 1959 - gemeinsam mit Friedrich Groß-Rannsbach, Werner Hollomey und Hermann Pichler - die „Werkgruppe Graz“ gegründet. Das ergibt einen nächsten Knotenpunkt in meinem Gedankennetz, weist nach Weiz.
Der Maler Hannes Schwarz war mit jenen Kräftespielen, in denen das Grazer Forum Stadtpark entstanden ist, gut vertraut. Er hatte mir in einem unserer Gespräche erzählt, die Gründungsphase dieser kulturellen Instanz habe Weizer Momente gehabt.
Aus einem einfachen Grund. Er und seine Friedl besaßen damals schon ein eigenes Haus, in dem lebhafte Zusammenkünfte möglich waren. Dieses Haus ist eine architektonische Arbeit der Werkgruppe Graz. (Genau! Da war Gross im Spiel.)


Hier besteht für mich noch eine andere Verknüpfung. Durch einen Freund meines Vaters, dem „Loisl“, habe ich schon als Kind einen Eindruck bekommen, was man sich unter einem Dichter vorstellen darf. Das meint den Autor Alois Hergouth, der bezüglich Forum Stadtpark eine prägnante Rolle gespielt hat.
Von diesem Zusammenhang her besitze ich zwei signierte Lyrikbände aus jenen Tagen, die wiederum etwas mit Eugen Gross zu haben. Wie er mir nun erzählte, hätte man es in der Werkgruppe Graz banal gefunden, der Kundschaft als Aufmerksamkeiten die eine oder andere Flasche Wein zu überreichen. Daher entstand eine Privatedition schmaler Bändchen aus Packpapier. (Wie das Impressum verrät, damals in einer Auflage von 600 Exemplaren, was für Lyrik auch heute noch als zufriedenstellend gelten darf.)


Nächste Überraschung#
Auf dem Weg zu unserem Buch („An solchen Tagen“) kam ich vor einer Weile drauf, daß bei Keiper etliche dieser Bände, einstmals Erstveröffentlichungen, als „Werkgruppe Lyrik Neuauflage“ wieder verfügbar sind. Zitat:„Die Werkgruppe Graz hat über einen Zeitraum von 30 Jahren, von 1966 bis 1996, neben der architektonischen Tätigkeit insgesamt 25 Lyrikbände in der Reihe 'Werkgruppe Lyrik' herausgegeben. Diese Büchl, aus gängigem braunem Packpapier und einfachem Kartondeckel hergestellt, waren als Gruß an Freunde gedacht, pro Jahr ist max. ein Band erschienen.“
- An solchen Tagen (Die Übersicht)
Weiterführend#
- Siehe dazu auch: „Späte Fahrten“ (2008: Einige Momente mit Hannes Schwarz | Mit Videoclip)
- Werkgruppe Lyrik Neuauflage (Edition Keiper)
- Werkgruppe Graz