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Der Tag an dem die Wiener Reichsbrücke einstürzte#

Von Ernst Zentner

Am 10. Juli 1976 wurde Seveso von einer Dioxin-Katastrophe heimgesucht. Am 27. erschütterte eines der schwersten Erdbeben in der damaligen Menschheitsgeschichte die Volksrepublik China. Am Samstag, den 31. gab es im ORF zur Primetime ein traditionelles Löwinger-Theaterstück ("Hochzeit ohne Braut") und als Nachtfilm einen alten Krimi mit Eddie Constantine ("Zum Nachtisch blaue Bohnen"). Auch die Olympia-Berichterstattung durfte nicht fehlen. In den Lichtspieltheatern dominierten belanglose Sommerreprisen. Die Salzburger Festspiele gediehen. Zumindest mit üblichen Neuinszenierungen. Bei den Bayreuther Festspielen wurde der Jahrhundert-Ring gebracht. In Stift Lilienfeld gab es die erfolgreiche Ausstellung "1000 Jahre Babenberger in Österreich". Am Tag darauf, dem 1. August 1976, endeten die XXI. Sommerspiele in Montreal. Für Österreich wurde jener Tag zum dunkelsten in seiner Geschichte. Niki Lauda verunglückte am Nürburgring schwer. In Wien stürzte die alte Reichsbrücke – eine Kettenbrücke – einfach in die Donau. Es gab nur einen Toten (Pkw). Dazu versank ein städtischer Autobus der Linie "26A" ins Wasser. Dessen Chauffeur kam mit dem Schrecken davon. Im Vergleich mit weltgeschichtlichen Begebenheiten noch "harmlos." Eine Zeugin, die nahe der Reichsbrücke wohnte, berichtete, dass sie gegen halb fünf Uhr eine imposante Wasserfontäne gesehen hatte und dort wo die Brücke sein sollte, war nichts mehr.
Die 1. Meldung der APA lautete (leicht gekürzt, folgt dem Originaltext): "reichsbruecke eingestuerzt / bombenanschlag? / wien, 1.8. (apa) - vor 05,00 uhr stuerzte in den heutigen fruehen morgenstunden die wiener reichsbruecke im strombereich vollstaendig ein. die einsturzkatastrophe ereignete sich kurz nach ende der fernsehuebertragung aus montreal. / nach angaben der polizei an ort und stelle befinden sich auf der riechsbruecke (!) mindestens zwei pkw: ein einsatzfahrzeug des oeamtc und ein vw. der pannenhelfer wollte soeben einen reifendefekt beheben, als es zum einsturz kam. die beiden lenker konnten sich jedoch noch rechtzeitig in sicherheit bringen."[1]
Das Wasser der Donau bahnte sich seinen Weg durch die stählernen Trümmer, umspülte den Bus. Einige riesige Kettenglieder lagen auf einem am Kai geankerten Schiff. Kurz: Wien hatte endlich wieder ein Thema in diesem bislang verregneten Sommer. Ein Jahr zuvor schwappte ein schweres Hochwasser über den Handelskai und über die Baustelle einer geplanten Donauinsel. Die alten Pfeiler des Tragwerks wurden in Augenschein genommen und Monate später mussten ausgespültes Mauerwerk und höhere Gewalt als Unfallursache akzeptiert werden: Die Pfeiler wurden bisher nie geprüft. Die unbeschreiblich schwere Konstruktion kippte und fiel einfach in sich zusammen. Sogar die Erdbebenstation der Hohen Warte registrierte die heftigen Erschütterungen. Übrigens wenige Monate zuvor gab es in Norditalien ein schweres Erdbeben mit 1.000 Toten.
Schaulustige versammelten sich um der zerborstenen Brücke das letzte Lebewohl zu bieten. Mein Großvater kaufte damals eine angebotene Fotografie im Postkartenformat der alten Reichsbrücke. Diskussionen um Planungsfehler während der Errichtungszeit machten die Runde. Früher wurden Berechnungen noch mit Rechenschieber gemacht und an Baumaterial gespart ... Wie es so in Wien ist, wird aus jedem Normalbürger ein Experte für alles und nichts. Theorien wurden angeboten und gleich in der Luft zerrissen. Tatsache blieb, die Brücke war einfach nicht mehr.
Zu diesem Zeitpunkt waren fatale Brückeneinstürze nichts ungewöhnliches, etwa die wegen Materialversagen eingestürzte Silver Bridge über den Ohio River, West Virginia, USA) im Dezember 1967.
Im Rathaus wurde ein Krisenstab rasch gebildet.
Es war ein typisches österreichisches Wunder, dass das Geschehen an einem Sonntag um 4.40 Uhr passierte. Wäre es an einem Wochentag passiert, hätte es unzählige Tote und Verletzte gegeben. Nun die Verkehrsader Reichsbrücke fehlte plötzlich: Straßenbahnstrecken waren gekappt, Verkehrsverbindungen von West nach Ost unmöglich oder nur durch umständliches Ausweichen über die wenigen Wiener Donaubrücken möglich. Im schlimmsten Fall über die Donaubrücken bei Tulln und Hainburg. Der damalige Bürgermeister Leopold Gratz, seit 1973 im Amt, wurde noch ehest von seinen Parteikollegen an seinem Rücktritt gehindert.
Längst wurden Ersatzrouten entwickelt. Stillgelegte Straßenbahnstrecken über Nacht reaktiviert, die ÖBB-Ostbahnlinie in die Donaustadt völlig verstärkt. Der Güterverkehr über die Donau wurde über den engen Donaukanal umgeleitet. Die Bundesheer-Pioniere zogen Notbrücken für den öffentlichen Verkehr hoch.
Rasch wurden sämtliche Brücken in ganz Österreich überprüft. In Wien wurden Pläne für neue Brückenbauten vorgestellt. Vor allem für die neue Reichsbrücke. Sie soll in das U-Bahn-Konzept eingebunden werden. Realisiert wurde sie 1977 bis 1980 – aber das alte Wahrzeichen – neben Stephansdom, Schönbrunn und Riesenrad -, die dominante Kettenbrücke aus den 1930er Jahren war verloren. Einige ähnliche Brücken, die Széchenyi lánchíd (Széchenyi-Kettenbrücke), die Erzsébet híd (Elisabethbrücke), stehen über der Donau in Budapest …
Die moderne Reichsbrücke ist bereits die dritte. Noch in der Ära Kaiser Franz Josephs wurde sie als "Kronprinz-Rudolph-Brücke" eröffnet (bis 1919). Die zweite wurde im Ständestaat errichtet und nach 1945 wiederhergestellt. In der Besatzungszeit hieß sie "Brücke der Roten Armee". Die gegenwärtige Reichsbrücke wurde 1977 bis 1980 erbaut und inzwischen wieder instandgesetzt. Weitere Erneuerungsarbeiten stehen wieder einmal aus. Im Juni 2004 rammte ein deutsches Donaukreuzfahrtschiff "MS Wiking-Europe" bei einem gewagten Wendemanöver den Mittelpfeiler. Kaum nennenswerter Schaden.
Einmal im Jahr starten hier nahezu 40.000 Sportler zum Vienna City Marathon, sonst verschwindet die Reichsbrücke innerhalb der Skyline der Wolkenkratzer und der UNO-City. Höchstens die Donau schimmert im heißen Sommerlicht.


[1] Zitat siehe als fotografische Abbildung bei: https://www.derstandard.at/story/2000042021111/der-tag-an-dem-die-reichsbruecke-brach (31.07.2016)

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Reichsbrücke, 1975
Beeindruckendes Bauwerk Reichsbrücke. Blickrichtung von Leopoldstadt nach Kaisermühlen und Kagran, Wien-Donaustadt. Das Bauwerk wurde von den altösterreichischen Architekten Siegfried Theiss (1882-1963) und Hans Jaksch (1879-1970) entworfen und verwirklicht (1934-37). In der Mitte die Gleise der Straßenbahn, Fahrbahn und seitliche Fußwege - Links die Baustelle der UNO-City Wien. 1975 - Foto: Familie Ramirer, Wikimedia Commons - gemeinfrei
Reichsbrücke Donau Hochwasser Juli 1975
Unterhalb der Reichsbrücke. Donau führte im Juli 1975 schweres Hochwasser. Das Überflutungsgebiet ist sowieso "verschwunden". Blick vom Handelskai gegen das damals noch unverbaute Kaisermühlen - Foto: TARS631, Wikimedia Commons - gemeinfrei?
Donau, Donauinsel und Entlastungsgerinne
Heute. Blick vom Kahlenberg auf die Donau, mit der Donauinsel und dem Entlastungsgerinne. Die Reichsbrücke kaum sichtbar (die 5. von links gezählt). Dafür gut sichtbar der DC Tower (2010-2013 erb.) und gegenüber rechts der Millennium Tower (1997-99 erb.; 20. Bezirk). Die "UNO-City"- Vienna International Centre - nicht mehr zu erkennen, und das als Symbol der Völkerverbundenheit! Und wo ist der Donauturm? Jedoch der riesige dunkle Turm erinnert an den Monolithen aus "2001" … (03.07.2016) - Foto: Ernst Zentner

Siehe auch

Anmerkung
Silver Bridge. Deren Einsturz 1967 wurde zum finalen Sujet für den Thriller "Die Mothman Prophezeiungen" (The Mothman Prophecies, mit Richard Gere, USA 2002).
Reichsbrücke. Das noch komplette Bauwerk wurde in der Schlussszene des 70mm-Unterhaltungsfilm "Der Kongress amüsiert sich" (mit Lili Palmer, Curd Jürgens, Walter Slezak u. a., GER/AUT/FRA 1966; DVD) einbezogen. Damals hatte die Donau in Wien noch ein riesiges Überschwemmungsgebiet und die Umgebung war noch nicht so verbaut.
Interessant ist noch, dass fast zeitgleich während der Errichtung der Wiener Reichsbrücke (1934-37) bei San Francisco die gigantische Golden Gate Bridge (1933-37) als Hängebrücke erbaut wurde. Und sie steht heute noch - als modernes Weltwunder. Und was haben wir? In Wien an der Donau: Eine Skyline, bei der nicht einmal die UNO-City mehr zu erkennen ist …
Quellen