Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Jugendstilausstellung im Wiener Künstlerhaus (1985) – Versuch einer Betrachtung einer Epoche in Wien zwischen 1870 und 1930#

von Ernst Zentner

Das Historische Museum der Stadt Wien[1] richtete im Auftrag des Kulturamtes der Stadt Wien im Künstlerhaus eine Großausstellung, betitelt „Traum und Wirklichkeit – Wien 1870 – 1930“ ein.[2] Inhaltlich rankte sie sich um die Zeit nach der Gründerzeit, der ausklingenden Franzisko-Josephinischen Epoche, des Ersten Weltkrieges und der Zwischenkriegszeit. Der Beginn setzte bei der Weltausstellung in Wien 1873 ein und endete bei den Zwischenkriegsbauten des roten Wiens kurz vor dem Anschluss im März 1938.

Es wurde zwar die Kulturepoche in über 50 Kapiteln, bzw. Kojen dargelegt, in allen Sparten des Geschehen innerhalb von Kunst, Kultur, Alltag, Gesellschaft und Politik, aber dennoch dominiert die Kunst um 1900 in all ihren Ausformungen des Geistes. Gemälde von Künstlern wie der neobarocke Franz Makart, die hochmodernen Jugendstil-Verfechter Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Richard Gerstl zogen die Blicke aller Besucher auf sich. Besonders der exakte Nachbau für das monumentale Beethoven-Fries, der sich ursprünglich in der Sezession befunden hatte, erregte Aufsehen.

Das musikalische Geschehen von damals bekam durch Johann Strauß Sohn, er schrieb 1874 „Die Fledermaus“, seinen Akzent und mündete in die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg. An der Hofoper wirkte Gustav Mahler von 1897 bis 1907 – auch als Leiter der Wiener Philharmoniker und schrieb längst seine bedeutendsten Schöpfungen wie das „Lied von der Erde“. Sigmund Freund entdeckte die Traumdeutung (1899/1900) und machte die Tiefenpsychologie zur Hauptdisziplin in einer Epoche aufkommender Hysterie vor dem ersten Weltkrieg.

Die Philosophie wurde vom exzentrischen Ludwig Wittgenstein, - worüber man nicht sprechen will, darüber schweigt man – mittels seiner Manuskripte umrissen, den „Tractatus logico-philosophicus“, worin er 1922 seine direkte Thesen zur Gleichheit der Struktur von Sprache und Welt hinterfragte.

Ein junger Hitler verfasste damals „Mein Kampf“ (1925/26), das Jahrzehnte später in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges gewiesen hatte. Wiens populärer Bürgermeister Karl Lueger – er sagte einmal: Wer ein Jude ist bestimme ich - bestimmte das weitere Geschehen der Entwicklung Wiens zur Großstadt. Unterstützt wurde er vom unerreichbaren Architekten Otto Wagner, der die Stadtbahnstationen und die Postsparkasse sowie Kirche am Steinhof entworfen und errichtet hatte. Wagner hatte die Vision einer Weltstadt mit vier Millionen Einwohner vor Augen, doch die dramatischen Ereignisse seit 1914 machten dem ein Ende. Adolf Loos provozierte mit der glatten Fassade eines Geschäftshauses gegenüber traditionelle Altbauten am Michaelerplatz. Josef Hoffmann setzte den aufkommenden Stil in Gegenständen des Alltags, Vom Besteck, Möbel bis zum Villenbau kompromisslos ein. Seine Wiener Werkstätte florierte solange bis seine Klientel aus Wien vertrieben wurde. Beachtenswert waren die originellen Vasen und Skulpturen der Firma Loetz als enorme Beispiele der Glaskunst dieser Tage, für die auch Hoffmann, Kolo Moser, Dagobert Peche oder Michael Powolny verantwortlicht zeichnet. Ein J. M. Olbricht schuf das Sezessionsgebäude am Naschmarkt, das von den doch zu strengen Zeitgenossen als „Krauthappel“ sowie „assyrische Bedürfnisanstalt“ angesehen wurde. Diese Gebäude wurde zum Zentrum einer vom traditionellen konservativen abgespaltenen Künstlertruppe, angeführt von Klimt, Schiele, unterstützt durch Rudolf von Alt. Klimts „Der Kuss“ stand im Zentrum. Schieles damals obszön erschienenen Aktdarstellungen dürrer Körper, nahm die Zukunft vorweg, Kokoschkas fahrig-farbiger Stil des Andeutens innerer Zustände kam neuer Betrachtungsweise entgegen. Dem gegenüber stand der konservative Stil Makart und die penible Perfektion der Stadtansichten und Interieurstudien des Sezessionspräsidenten Von Alt, der die Farbe Weiß des Papiers als künstlerisches Element einsetzte. Bei einer Kunstausstellung in den 1910er Jahren wagte der Thronfolger Franz Ferdinand über Kokoschkas Interpretation des menschlichen Körpers, diesem Künstler gehörten sämtliche Knochen im Leib zerbrochen. Der greise Kaiser, dem nichts erspart geblieben war, meinte, es war sehr schön und es hätte ihm gefallen. Künstlerisch gestaltete Feldpostkarten aus dem Weltkrieg mit äußerst befremdlichen Hassparolen gegen die Feinde Österreich-Ungarns und der Militäranzug des ermordeten Thronfolgers deuteten allzu drastisch die Situation kurz vor dem Zerfall der Donaumonarchie an. Merkwürdig auch, dass Klimt und Schiele im gleichen Jahr 1918 verstarben. Der Kontrast der schönen mächtigen Repräsentationsgemälde des Kaisers und der tragischen Kaiserin Elisabeth von Österreich von Franz Xaver Winterhalter steht geradezu zum Widerspruch des Elend der Masse im alten Wien. Ganze Stadtviertel mussten geschliffen werden um neuen Wohnbauten Platz zu machen. Alte gilbe Schwarzweiß-Photographien zeigten das Wien von einst, ein Stadtmodell veranschaulichte die Stadtsituation zwischen Donaukanal und Ringstraße. Die Wiener Moderne, der Wiener Jugendstil wurzelte im geistig-kulturellen Umfeld um 1900.

Allerdings vermittelte die aufwendig gestaltete Schau, auch vom Publikum zahlreich besichtigt, nicht im geringsten, wo die ideellen Wurzeln des Jugendstils lagen. Zumindest die künstlerischen Ursprünge, die in Paris und London lagen … Zumindest war der Wiener Jugendstil eine klassische österreichische Ausprägung der Moderne. Natürlich fehlten auch die Auswirkungen auf Prag und Budapest. Selbstverständlich bei 2.200 Exponate aus dem Aus- und Inland, die das Generalthema überhaupt unüberschaubar machten, verlor sich das Interesse an der Epoche nicht so bald. Jedes Kapitel wäre einer eigenen Einzelausstellung wert gebracht zu werden.

Copyright Ernst Lanz 1985 (2019 bisher unveröffentlicht)

Anmerkungen
[1] Heute als "Wien Museum" bekannt
[2] Im Vorfeld der Ausstellung gab der damalige Direktor des HM, Dr. Robert Waissenberger zwei Sammelbände und einen Katalog heraus, letzterer wurde in einer zweiten Auflage fortgesetzt. Allgemein hatte diese international beachtete Ausstellung im Vorjahr 1984 in Venedig eine auf das Kunstschaffen um 1900 beschränkte Vorgängerausstellung.


Siehe

Otto Wagner