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Aberglaube#

Helga Maria Wolf

"Abergläubisch sind immer die anderen", sagt man. Aber was heißt schon abergläubisch?

Der Begriff enthält ein Werturteil, das ihn als abwegig oder gesetzwidrig vom Glauben, wie ihn die Religionen lehren, unterscheidet. Die Silbe "aber" steht im Sinne von verkehrt. Das Urteil, was Glaube und was Aberglaube sei, ist zeitbedingt - und davon abhängig, wer es fällt. Es betrifft immer die "anderen". Jahrhunderte lang war die katholische Kirche die einzige, und wichtigste Instanz für die Unterscheidung der Geister. Die Grenze zur so genannten Volksfrömmigkeit war und ist fließend. Bekanntlich konnte man in Wallfahrtsorten nicht nur Devotionalien, sondern auch offiziell nicht anerkannte Segen und Gebete kaufen. Was für die einen "unchristlicher Aberglaube " ist, sehen die anderen als "Objekte vertrauensvoller Frömmigkeit".

Johann Wolfgang Goethe (1749 -1832), der in seinem "Faust" formulierte: "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind" philosophierte in seinen "Maximen und Reflexionen": "Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt."

Auch heutzutage tritt er hervor, sei es bei den Glückssymbolen zu Neujahr, oder wenn man Angst hat: Da wird "auf Holz geklopft", möglichst von unten, um die viel zitierten "bösen Geister" durch den Lärm zu erschrecken, und weil Holz, in Verbindung mit dem Kreuz Christi, Segen bringen soll. Noch immer kann man hören, dass man zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche aufhängen soll - ein altes Arbeitsverbot, das die Feiertagsruhe betont, aber bedrohlich gedeutet wurde. Leicht erklärlich ist die Empfehlung, einer angelehnten Leiter besser aus dem Weg zu gehen, doch auch hier ist die pseudochristliche Erklärung nicht weit. Weil die Form an ein Dreieck und damit an die heilige Dreifaltigkeit erinnert, sollte man einen Respektsabstand halten.

Vor einigen Jahren veranstalteten das Volkskundemuseum und das Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz ein Symposion unter dem Titel "Superstition – Dingwelten des Irrationalen". Doch bei allem Bemühen, das wertende Vokabel zu vermeiden, kommt die Forschung um den Begriff Aberglauben nicht herum, wenn sie sich verständlich machen will. Auch die Variante "Superstition" sei nicht wertfrei und zudem den wenigsten geläufig, stellte die Organisatorin Eva Kreissl fest. Der seit dem 15. Jahrhundert bekannte Ausdruck entspricht dem lateinischen superstitio (ängstliche Scheu, Wahnglaube).

Unter den Begriff fällt neben dem Alltagsaberglauben (z.B. Freitag, der 13., auf Holz klopfen, nichts verschreien, Glückssymbole zu Neujahr…), der Glaube an unsichtbare Sphären und Kräfte, das Vertrauen auf nicht belegbare Naturgesetze oder Dämonologie. Solche Gedanken waren auch der Kirche nicht fremd. 1709 sollte ein gegen Unwetter errichtetes Kreuz mit Beschwörungen errichtet werden. Ebenso waren Segnungen bzw. Exorzismen zum Nutzen von Tieren, gegen Schaden und Schadenszauber bei Milch und Butter vorgesehen. Auch Rituale, um verzauberte Menschen zu befreien, wurde in dem liturgischen Buch beschrieben. Anno 1685 finden sich Segnungen von Gold, Weihrauch und Myrrhe gegen Zauberei zum Fest der heiligen Drei Könige. Ihr an die Türen angekreidetes Kürzel "C+M+B" wird als "Christus mansionem benedicat" als kirchlicher Segen gedeutet. Gedruckte Dreikönigszettel dürften für die meisten Gläubigen jedoch eher amulettartigen Charakter gehabt haben.

Das Wort Amulett (lat. amuletum) für krafterfüllte Gegenstände zum Umhängen fand Anfang des 18. Jahrhunderts Eingang in den deutschen Sprachschatz. Ihre Kraft erhielten sie durch das Material, Worte und Symbole, magische Handlungen oder Segnung. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (HDA) nennt einen vierfachen Zweck: Apotropäisch (Unheil abwehrend), Analogiezauber (man kann damit Zwangshandlungen ausüben), die Kraft des Trägers stärken und göttliche Wesen erfreuen. Manche Forscher unterscheiden Amulett (apotropäisch) und Talisman (Glück bringend). Der Gebrauch war in allen Kulturen verbreitet, Schmuck konnte ebenso amuletthaften Charakter haben, wie natürliche Gegenstände, z.B. Steine oder Teile tierischer oder menschlicher Körper bzw. deren Nachbildungen oder religiöse Symbole wie Kreuze und geweihte Medaillen. Von Kompositamuletten - aus verschiedenen Gegenständen - versprach man sich gesteigerte Wirkung (z.B. Fraisenketten, Rosenkränze mit Anhängern). Solche schätzte man besonders in der Barockzeit. "Ein Objekt konnte mehrere Aufgaben erfüllen, mehrere Objekte die gleiche Aufgabe, je mehr, desto besser. Aberglaube ist der Versuch, die Lebensumstände durch sie zu beherrschen", schrieb der Direktor des Salzburger Dommuseums Peter Keller in einem Ausstellungskatalog zum Thema.

Im populären Glauben spielten auch geschriebene Amulette wie unverständliche Zaubersprüche oder Himmelsbriefe eine Rolle. Diese Schutzbriefe gegen Waffengewalt, Krankheiten, Feuer und Unfälle, denen man magische Kraft zusprach, sind nach der Legende vom Himmel gefallen. Gott selbst habe sie mit goldenen Lettern geschrieben. Die christliche Variante soll bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen. Ähnliche Vorstellungen fanden sich in der Antike in Griechenland und im Orient. Obwohl von der Amtskirche bekämpft, enthalten die Texte oft Gebete und Forderungen der Sonntagsheiligung und der Moral. Die Himmelsbriefe - "Gredoria" oder "Holstein-Briefe" - waren noch im Zweiten Weltkrieg in Oberösterreich verbreitet. Wenn man bedenkt, wie hilflos die Menschen früherer Generationen Krankheiten, Naturkatastrophen, Krieg und Tod ausgeliefert waren, wird verständlich, dass sie zu "abergläubischen Zusatzversicherungen" Zuflucht nahmen.

Dazu zählten auch die Orakel, die sie zu Wendezeiten des Jahres pflegten, ein letzter Rest davon ist das Bleigießen zu Silvester. Als günstigste Stunden galten jene zwischen Sonnenuntergang und -aufgang oder Mitternacht. Zu den bevorzugten Orten zählten Herd, Bett, Haustor, Brunnen, Grenzen, Wegkreuzungen und Kirchen. Als Mittel schien nahezu alles geeignet: Feuer, Wasser, Pflanzen (z.B. Barbarazweige und Luzienweizen), Mineralien, Metalle, Tiere, Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände. Die Bedingungen sollten, wie bei jedem Zauber, vom Alltäglichen abweichen: man musste schweigen, Bewegungen verkehrt oder rückwärts machen, die Handlung dreimal vornehmen, wie überhaupt Zahlen eine gewisse Rolle spielten. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens definiert Orakel als "jeden Brauch, mithilfe eines vom Menschen zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten mit bestimmten Mitteln oder unter bestimmten Bedingungen absichtlich herbeigeführten Vorganges, dessen außerhalb der menschlichen Willenstätigkeit liegendes Ergebnis als Zeichen oder Antwort aufgefasst wird, eine schwebende Angelegenheit zu entscheiden oder noch verhüllte Bezogenheiten und Verflechtungen von Geschehnissen zu enthüllen, um demgemäß sein Verhalten einzurichten."

Das zehnbändige Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens ist das umfangreichste volkskundliche Standardwerk zum Thema. Es wurde von dem Germanisten Eduard Hoffmann-Krayer (1864 -1936) und dessen Schüler, dem Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli (1886 -1941) herausgegeben. Von 1916 bis 1925 erarbeiteten sie eine Materialsammlung mit 600.000 Zetteln, die sie alphabetisch nach Stichworten ordneten. Schließlich sammelten sich 1,5 Millionen Karteikarten mit handschriftlichen Notizen und ausgeschnittenen Belegstellen an. Der erste Band erschien 1927, der zehnte 1942. 60 Jahre danach kam ein Reprint mit einem Vorwort von Christoph Daxelmüller (1948-2013), Volkskunde-Ordinarius in Regensburg, heraus. Er spricht kurz den Aberglauben des 20. Jahrhunderts an, der weit über die traditionelle Magie des Alltags hinausgeht, wie ihn das tausende Spalten umfassende Nachschlagewerk beschreibt. Eine allgemein gültige Definition sei heute ebenso wenig möglich wie damals, nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Frage des Standpunkts sei: "Aller Aberglaube ist alte Wissenschaft, alle Wissenschaft neuer Aberglaube ..." (Franz Strunz, 1909)