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Helga Maria Wolf

Kirtag, Kürbis, Halloween#

Foto: H.M. Wolf

Kaiser Josef II. (1741-1790) war kein Freund des Feierns. Unter seinen zahlreichen Reformen, für die er vom Volk nicht geliebt wurde, war der „Kaiserkirtag“, der die üblichen Feste ablösen sollte. Nur noch am dritten Oktobersonntag, wenn die Ernte eingebracht und der Wein gelesen war, sollte der „Allerweltskirtag“ gefeiert werden. Der Kaiserkirtag konnte die angestammten Termine aber nicht verdrängen, im Gegenteil, manche Orte feierten sogar doppelt.

Im Weinviertel entwickelte sich eine eigene Kirtagkultur, getragen von den Burschenvereinen, die als Veranstalter auftraten. Zu ihren Aufgaben zählte das Aufnehmen der Musik, die Herstellung des Tanzbodens, das Einladen der Gäste. Der Kirtagbaum als Festzeichen, wurde wie der Maibaum erklettert. Hingegen mussten sich die Frauen um den Hausputz, neue Kirtagkleider und die Bäckereien kümmern. Am Kirtagsonntag (und oft auch -montag) ging die Feier nach überliefertem Zeremoniell vor sich. Das Hochamt war der erste Programmpunkt. Zu Mittag gingen die Burschen mit der Musik zu den dörflichen Honoratioren und ließen ihnen "Tafelstückeln" aufspielen. Geld, Speise und Trank waren ihr Lohn. Beim Umzug durch den Ort mit dem geschmückten Kirtagskranz wurden sie von den Bauern mit Wein bewirtet. Am Nachmittag begann der Tanz, der bis Mitternacht dauerte.

Der Volkskundler Werner Galler hat vor einem Vierteljahrhundert die Bräuche rund um den "Kirtag in Niederösterreich" genau beschrieben. Vieles ist inzwischen Geschichte, andererseits ist Neues entstanden, wie 1994 das Kürbisfest mit wechselnden Austragungsorten im Retzerland. „Bring einen Kürbis zum Leuchten“ lautet die Devise, der immer mehr Gäste folgen. Unzählige Kürbispuppen und Tausende leuchtende Plutzerköpfe erwarten sie. Man wählt eine Kürbisprinzessin, veranstaltet Fackeltänze und Laternenumzüge, Kinderdisco und Open-Air-Konzerte. Entlang der Kürbisstraße öffnen die Bauern ihre Höfe und laden zu Köstlichkeiten ein. Eine romantische Kürbispromenade führt durch die Weingärten zur Kellergasse.

Hingegen ist das seit mehr als einem Jahrzehnt übliche Halloween ein Fest, an dem sich "die Geister scheiden“. In den USA wird es mit Kürbis-Dekorationen, Parties und maskierten Heischegängen gefeiert. Um 1900 war Halloween eine gefürchtete Nacht der Zerstörung, in der Personen und Tiere verletzt wurden. Die Pfadfinder und andere Organisationen versuchten, dies einzudämmen. Um 1930 war die „beggars night" und der Spruch „Trick or treat" allgemein bekannt. In der Wohlstandsgesellschaft ist ein Wirtschaftsfaktor daraus geworden. Kostüme und Masken, Kürbisschnitzwettbewerbe und Partyveranstalter haben im "Herbstfasching" Hochsaison.

Durch massenmediale Vermittlung eroberte Halloween auch Österreich. Allerdings kannte schon die Urgroßeltern-Generation um diese Jahreszeit das Aushöhlen von Rüben oder Kürbissen, in die man eine Kerze stellte. 1957 kündigte die Programmzeitschrift „Radio Österreich" eine Bastelsendung zu Halloween an. Anfang der neunziger Jahre fand eine Tiroler Schokoladenfirma noch keinen Markt für Halloween-Näschereien. Inzwischen kennt auch hierzulande jedes Kind den Spruch „Trick or treat”: Wer keine Süßigkeiten schenkt, muss mit Streichen rechnen. Die österreichische Variante nennt sich „Süßes oder Saures" bzw. „Schokolade oder Schabernack.

Die kommerziellen Motive des Brauch-Imports zeigte 1997 ein Flugblatt der Kaufleute in Wien-Döbling: „Hallo Wien – Halloween, Wien beleben in toter Zeit”. Die Geschäftsleute wurden eingeladen, sich an einer Aktion zu beteiligen, „die Aufmerksamkeit, Aktivität und Kauflust der Kunden anregen wird.” Lokalbesitzer in der Innenstadt waren die ersten, die Gefallen an dem neuen Brauch fanden. Inzwischen gibt es landauf, landab Halloween mit den entsprechenden Dekorationen und kostümierten Gästen, bevorzugt sind Hexen, Zauberer, Vampire und andere Horrorgestalten, wie man sie aus Filmen kennt. Während sich die einen amüsieren, klagen andere über Halloween. Zu oft wurden Häuser oder Autos von Bürgern beschädigt, die den neuen Heischebrauch nicht mitmachen wollten. Die Problematik beschäftigt alljährlich sogar das Parlament. Aus der Anfragebeantwortung des Innenministeriums kann man schließen, dass der Brauch in Niederösterreich stark verbreitet ist. Mit 125 Anzeigen wegen Sachbeschädigung stand es 2006 (nach Kärnten) an zweiter Stelle, allerdings waren es weniger als in den Vorjahren. 2005 hieß es im Kommentar: „An alle ‚Brauchtumspfleger’ geht der Appell, sich nicht aus Jux und Tollerei strafbar zu machen, da das Delikt ‚Sachbeschädigung’ nicht durch so genanntes ‚Brauchtum’ aufgehoben wird."

Von vielen Betroffenen wird Halloween nicht als Brauch empfunden, sondern als „Unsitte“. Einerseits fehlt das „do ut des“-Prinzip, die Gegenseitigkeit (Reziprozität). Bei traditionellen Heischegängen herrschte Einverständnis über diese spezielle Art des Bettelns, bei der Lieder oder Sprüche dargeboten wurden. Die reichen Bauern wussten, was sie ihrem Status gegenüber den armen Heischenden schuldig waren. Sie gaben vielleicht unwillig, aber weil es eben so Brauch war. Die Umherziehenden hatten daher keinen Grund zu Missfallenskundgebungen. Andererseits erinnern die Beschädigungen an Rügebräuche, die ländliche Burschenschaften denjenigen antaten, mit deren nonkonformem Verhalten sie nicht einverstanden waren. Und ein Blick über die Grenzen zeigt, dass es im Münchner Umland beim Klöpfeln in der Weihnachtszeit ebenfalls unruhig zuging. Um 1800 bemerkten Kritiker, dass junge Leute die ganze Nacht hindurch von Haus zu Haus zogen, mit ihren Stecken an die Fenster klopften und nicht gerade zimperliche Verse sprachen. Diese enthielten eine drastische Strafandrohung bei Gabenverweigerung und wurden auch in die Tat umgesetzt, Fenster einschlagen war das Mindeste.

Die Klage älterer Menschen über die „heutige Jugend“ wiederholt sich von Generation zu Generation: „Leute und Land wo ich von Kind an aufgezogen worden bin, die sind mir fremd geworden, genau so als wäre alles erlogen. Die Welt ist überall voller Undank. Oweh, wie kläglich betragen sich die jungen Leute, welche früher unbeschwert und froh waren Oweh wie sind wir mit süßen Sachen vergiftet! Ich sehe die bittere Galle mitten im Honig schwimmen. Die Welt ist außen schön, weiß, grün und rot, innen aber von schwarzer Farbe, dunkel wie der Tod.“ So klagte schon Walter von der Vogelweide vor 780 Jahren. Bräuche wurden und werden erfunden, ebenso Antibräuche. Warum also nicht einen Antibrauch zu Halloween einführen, wie es ein kleines Mädchen beim Kürbisfest "Am Himmel" an der Wiener Stadtgrenze versucht hat: Statt zu heischen ging sie im Restaurant von Tisch zu Tisch und beschenkte die Erwachsenen mit Süßigkeiten.

Ein Beitrag der Serie BRAUCHbares in: Schaufenster Volkskultur