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Wir ratschen, wir ratschen …#

Helga Maria Wolf

Seit 2015 steht der vorösterliche Lärmbrauch auf der UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Genau 40 Jahre vorher hatte der Volkskundler Werner Galler geschrieben: "Zumeist von Gründonnerstag abend bis Karsamstag abend ziehen die Ratscherbuben durch die Gemeinden, und wohl kaum irgendwo ist ihr Treiben so bunt, sind ihre Bräuche so vielfältig wie bei uns in Niederösterreich."

Die Aufnahme in die Liste soll, ähnlich wie bei der bekannteren Weltkulturerbe-Liste die Erhaltung, Bekanntmachung, Weitergabe und Weiterentwicklung von Traditionen fördern. Das Österreichische Verzeichnis zählt derzeit 86 Eintragungen in fünf Kategorien. Das Ratschen fällt in drei davon: Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen; Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste; Traditionelle Handwerkstechniken. Es findet sich in allen neun Bundesländern, der Antrag kam aus der Steiermark. Der Initiator, Tischlermeister Franz Ederer aus St. Kathrein am Offenegg, ist einer der letzten Ratschenbauer Österreichs. Er stellt mehr als 30 verschiedene Modelle her, wobei die Anregungen von einer Diplomarbeit aus Niederösterreich stammten.

Werner Galler nennt eine Reihe verschiedener Typen der "Friktionsinstrumente, welche durch Gleiten eines Schallbrettes, der Flauder, über eine Zahnradwalze, die Rifel, schnarrende und knatternde Geräusche erzeugen. Vorläufer der Ratsche dürfte das hölzerne Klangbrett gewesen sein, das heute sowohl beim Gottesdienst der Kartage als auch vereinzelt neben den Ratschen … verwendet wird." Zunächst waren wohl Hammerklappern in Gebrauch. Drehklappern - hölzerne Ratschen mit Drehwalzen und federnden Aufschlagbrettchen - werden als Ganzes mit der Hand oder mithilfe einer Kurbel gedreht. Neben den kleinen Fahnenratschen gibt es fahrbare Schubkarrenratschen.

Im Mittelalter riefen in den Kirchtürmen große hölzerne Schallgeräte mit Hämmern ("Karfreitagsglocken"), zu den Karwochen-Litugien. Die Turmratsche in der Wiener Michaelerkirche ist 1,81 Meter lang, 69 Zentimeter breit, 32 Zentimeter hoch und verfügt über 20 Hämmer. 2007 wurde das Lärminstrument aus dem Jahr 1910 revitalisiert. Leopold Schmidt meinte in seiner "Volkskunde von Niederösterreich", dass die Turmratschen möglicherweise nach dem Konzil von Trient (1545-1563) durch die kleinen Geräte abgelöst wurden, mit denen die Ministranten umherzogen: "Mit abnehmender Frömmigkeit wuchs die Freude am Lärm, an der Gruppe … ein auch auf anderen Gebieten immer wiederkehrender Vorgang."

Die Ratscherkinder erinnern an die Gebetszeiten für den "Engel des Herrn", auch Englischer Gruß oder Angelus genannt, um 6, 12 und 18 Uhr. Normalerweise riefen die Kirchenglocken dazu auf. Wenn diese wie man sagt, in den Kartagen "nach Rom fliegen", um sich den Segen des Papstes zu holen, übernahmen die Ratschen ihre Funktion. Erst anno 1571 erfand Papst Pius V. die heute übliche Form des Angelus, der aus mehreren Gebeten besteht. Darauf nehmen die Sprüche Bezug, welche die Ratscherkinder in einer Art Sprechgesang rufen: “Wir ratschen, wir ratschen den Englischen Gruß, den jeder katholische Christ beten muss. Kniet's nieder, kniet's nieder, fallt's auf die Knie, bet's ein Vater Unser und drei Ave Marie”. Oft variierten die Sprüche nach dem Zeitpunkt. So lauteten sie mancherorts am Gründonnerstag "Wir ratschen die Todesangst Christi", am Karfreitag "Wir ratschen das bittere Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi". Die Geräte, die am Donnerstag mit Heiligenbildern, Buchszweigen und Bändern aus buntem Krepppapier geschmückt waren, erhielten am Todestag schwarze Schleifen. Besonders eindrucksvoll war das noch in den 1990er Jahren in Hohenau an der March, wo ein Schuldirektor mit mehr als 160 Kindern trainierte und diese dann in wohlgeordneten Gruppen durch die Straßen zogen.

Meist dreimal täglich gingen die Gruppen mit ihren Lärmgeräten auf bestimmten Routen durch die Orte. Vor manchen Häusern blieben sie stehen, um ihren Spruch zu 'schreien'. Es galt es als Ehre, wenn vor einem Haus der "Kreis" gemacht und gerufen wurde: "Der Kroas, der Kroas der gehört unserem…" , zum Beispiel Pfarrer, Bürgermeister oder Direktor. Auch bei Kreuzen und Bildstöcken machten die Ratscher Station. Als solche fungierten früher nur die Ministranten und andere Buben. In ihre temporäre Gemeinschaft musste man sich, so Werner Galler, "wie bei Burschenverbänden manchesmal regelrecht mit Alkoholika und Rauchwaren einkaufen, es gab auch verschiedentlich Ausscheidungskämpfe im Laufen, 'Schreien' oder Spruchaufsagen und Raufen." Ihr Anführer war der Natter (von lat. Gubernator). Der Obernatter oder Meister teilte die Gruppen ein und gab den Einsatz indem er sein Gerät oder einen Stab hob. Die Subkultur der Buben sah gemeinsames Nächtigen und eine Hierarchie vor. Je nach dem Alter gliederten sie sich in "kleine", "mittlere" und "große" Ratscher, dann stiegen zum "Nachsteher" (Unternatter) und Obernatter auf. Der Dienst begann mit 14 und endete mit 16 Jahren, wenn sie in die Gruppe der Burschen wechselten. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert üben auch Mädchen den Brauch aus, wodurch sich alte Elemente verändert haben. Galler schrieb 1975: "Die Ratscherbuben sind eine exklusive Organisation. Sie besitzen Aufenthaltsorte, in welche sie andere Kinder nicht hineinlassen … Der offizielle Grund fürs (gemeinsame) Übernachten liegt darin, dass der Vorratscher beim Frühratschen die Buben beisammen hat, andererseits handelt es sich um einen Mordsspaß mit heimlichem Rauchen und Trinken …"

Ein weiteres Brauchelement war zu Ostern das Abklappern der Häuser. Mit einem geschmückten Korb heischten die Buben Lebensmittel, die sie aufteilten, gemeinsam verkochten und aßen oder einen Teil der Eier beim Händler verkauften. Beim Bitten um den Ratscherlohn gab es eindeutige Aufforderungen, wie "Wir ratschen, wir ratschen zur Pumpermetten, alte Weiber stehts auf und backt's Osterflecken!" oder "Die Ratscherbuben täten bitten um Geld, Eier, Flecken und einen goldenen Wecken". In Neunagelberg im Waldviertel ging die Gruppe am Karsamstag zu einem Teich, wobei die Kleinen die Ratschen trugen. Die großen Buben warfen die Geräte ins Wasser, die jüngeren mussten sie herausholen und für das nächste Jahr aufbewahren.

Erschienen in der Zeitschrift Schaufenster Kultur Region, 2016