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Bettlerjagden im Barock#

Nichts ist neu: Fremde wurden schon vor 300 Jahren als verdächtig und bedrohlich empfunden, vor allem wenn sie auch noch arm waren und in Massen auftraten.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Bettlerstudie von Jacques Callot (1592-1635)
Bettlerstudie von Jacques Callot (1592-1635) (KK)
Bettlerstudie von Jacques Callot (1592-1635)
Bettlerstudie von Jacques Callot (1592-1635) (KK)
Kaiser Karl VI., Gemälde von Joh. Gottfried Auerbach
Kaiser Karl VI., Gemälde von Joh. Gottfried Auerbach (KK)

In der Barockzeit waren auch in der Steiermark Elend, Verfolgung und bitterste Not allgegenwärtig, berichtet der Grazer Rechtshistoriker Helfried Valentinitsch in seinem Artikel „Fremd und arm im Zeitalter des Barock“. Das war die Kehrseite zum üppigen Barockleben einer schmalen Oberschicht, das uns in schönen Bildern überliefert wird. In der Steiermark lebte die breite Masse so, wie man es heute in sogenannten Entwicklungsländern sieht: fast ohne Infrastruktur und Krankenversorgung, ohne Ausbildungsmöglichkeit, dafür aber ausgebeutet. Dazu kamen gegen Ende des 30-jährigen Krieges (1618-1648) immer mehr fremde Obdachlose in die vom Krieg verschonte Steiermark. Und wie immer war es die Unterschicht, die besonders betroffen war. Das waren damals Gesellen ohne Aussicht auf eine Meisterstelle, Dienstboten und Tagelöhner sowie Keuschler, Nebenerwerbsbauern, Witwen und entlassene Soldaten, die verroht und bettelnd herumzogen. Weiters Zigeuner, Hausierer, Arbeitslose, Prostituierte und fahrendes Volk wie Gaukler, Zahnbrecher und Komödianten - sie alle hatten keinen festen Wohnsitz und konnten fast nicht ohne fremde Hilfe leben.

Krankensaal der Barmherzigen Brüder in Graz um 1770
Krankensaal der Barmherzigen Brüder in Graz um 1770 (KK)

Die Möglichkeiten, diesen Armen wirksam zu helfen, waren in der Steiermark sehr beschränkt, schreibt Valentinitsch. So gab es hier um 1700 etwa 100 Spitäler, in denen arme, kranke und behinderte Personen verpflegt werden konnten. Das waren aber keine Krankenhäuser im heutigen Sinn, sie sind eher Altersheimen vergleichbar, deren Aufnahmekapazität sehr beschränkt war - meist fanden nur zehn Personen dort Platz. Ihre Erhaltung wurde durch fromme Stiftungen von Privatpersonen finanziert oder von Klöstern, Grundherren oder Gemeinden. Als Gegenleistung beteten die Spitalsinsassen für das Seelenheil des Stifters. Beispiele für solche Einrichtungen sind die Krankenhäuser der Barmherzigen Brüder und der Elisabethinen in Graz sowie das Grazer Waisenhaus mit fast 220 Pflegeplätzen, das von einem reichen Heereslieferanten gestiftet wurde. Im Spital zu Gleisdorf, das im 17. Jahrhundert von den Grafen Kollonitsch gegründet worden war, wurde sogar jeder Untergebrachte neu eingekleidet - in die Uniform der gräflichen Lakaien, also in weißes Hemd, blaue Kniehose, weiße Wollstrümpfe und blauen Rock.

Zwischen 1650 und 1720 versuchte die Regierung die verdächtige Mobilität der Randgruppen brutal in den Griff zu bekommen. Das bekamen vor allem Zigeuner (Roma), einzelne fremde Bettler und kriminelle Banden zu spüren. Zigeuner waren praktisch vogelfrei und konnten von jedem straflos getötet werden, schreibt Valentinitsch. 1724/25 ließ Kaiser Karl VI, der Vater Maria Theresias, in Graz eine eigene „Hofkommission für Landessicherheitssachen und zur Besorgung der weltlichen Stiftungen“ einrichten, wodurch es zu tiefgreifenden Veränderungen kam, denn sie übernahm die Oberaufsicht über den Großteil der steirischen Armenanstalten. 1731 erließ die Regierung eine Ordnung, in der die Aufnahme in private Spitäler nur aufgrund unverschuldeter Armut, mit ehrbarem Lebenswandel und Ortsansässigkeit gestattet war. Gleichzeitig wurden „Fürsorgeanstalten“ mit Zwangscharakter gegründet. So ließ Karl VI. 1724 am Gries in Graz ein Armenhaus bauen, in das Invalide, Witwen, Waisen und andere Arme von Amts wegen eingewiesen wurden. 1732/34 wurde gleich daneben ein Zucht- und Arbeitshaus für 40 Männer und Frauen errichtet, die durch Arbeit „gebessert“ werden sollten. Aber die Resozialisierungsabsichten scheiterten und ab 1750 war das Grazer Arbeitshaus nur noch eine normale Strafvollzugsanstalt. Gegen fremde Arme ging die Regierung nun immer rigoroser vor und veranstaltete regelrechte Treibjagden („Bettlerjagden“) auf sie, die das Militär - unterstützt von bewaffneten Bauern - durchführte, um sie dann in ihre Heimatorte abzuschieben. „Durch die Verwaltungsreformen der Kaiserin Maria Theresia und die Schubordnung von 1750 wurde in der Steiermark das Überwachungssystem der fremden Armen so perfektioniert, dass praktisch nur mehr Einzelpersonen durch dieses Netz schlüpfen konnten.“

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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele