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Ein „Pickerl“ für den autolosen Tag#

Der arabisch-israelische Krieg 1973 hatte auch für uns Folgen: Der Ölpreis explodierte, Benzin und Heizöl wurden teuer, die Energiewoche und der autofreie Tag samt „Pickerl“ wurden eingeführt.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


So sah damals ein 'Pickerl' auf der Windschutzscheibe aus
So sah damals ein "Pickerl" auf der Windschutzscheibe aus. (KK)

Am 6. Oktober 1973, dem Tag des jüdischen Versöhnungsfestes Jom Kippur, griffen Ägypten und Syrien ihren Gegner Israel überraschend von Norden und Süden an und verzeichneten nicht erwartete Anfangserfolge. Um die westliche Welt wegen ihrer Unterstützung für Israel unter Druck zu setzen, setzte die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) ihren wichtigsten Rohstoff als Waffe ein und drosselte gezielt die Ölfördermengen. Die USA und die Niederlande wurden total boykottiert, der Rest der Welt erhielt weniger Öl, das dafür aber viel teurer. Am 17. Oktober stieg der Ölpreis von rund 3 US-Dollar pro Barrel auf über 5 Dollar, in der Folge explodierte er weltweit gar auf 12 Dollar pro Barrel. Diese Preissteigerung ging als „Ölpreisschock“ in die Geschichte ein, seine Folgen spürte in den westlichen Industrieländern jeder hautnah. Vor allem in Europa, jetzt mussten die Regierungen reagieren. Tempolimits und autofreie Tage waren die Maßnahmen der ersten Stunde.

Die Titelseite der Kleinen Zeitung am 6. Jänner 1974 war dem autolosen Tag gewidmet
Die Titelseite der Kleinen Zeitung am 6. Jänner 1974 war dem autolosen Tag gewidmet

Ab 14. Jänner 1974, also vor fast exakt 45 Jahren, musste in Österreich ein „Pickerl“ an die vordere Windschutzscheibe jedes Pkw geklebt werden, um selbst festzulegen, wann man jede Woche seinen „autofreien“ Tag haben wollte, das Auto also zu Hause ließ. Ab sofort schmückte jedes Auto ein Zettel im Format von 6 x 10 cm mit dem entsprechenden Kürzel MO, DI, MI, DO, FR, SA oder SO – und der zuständige Handelsminister und „Erfinder“ des Pickerls Josef Staribacher erhielt seinen Spitznamen „Pickerl-Pepi“. Aber das störte den Politiker nicht, er zeigte Humor und stellte sich bei offiziellen Deutschland-Besuchen selbst immer wieder als „Etiketten-Josef“ vor. Die Kleber selbst erhielten die Autofahrer von ihren Versicherungen, den Autofahrerklubs oder aus den Zeitungen. Und dennoch herrschte vor allem in Graz vorab Chaos um den autolosen Tag, da die Behörden nicht gerüstet waren, vermeldete die Kleine Zeitung am 6. Jänner 1974. Der Grund waren die vielen Ansuchen um Ausnahmegenehmigungen (Pickerl mit „S“ für Sondergenehmigung), denn rund ein Drittel der Autofahrer meinte, an keinem Tag auf das Kraftfahrzeug verzichten zu können. Und in Graz wusste man in den Ämtern eine Woche vor Aktionsbeginn noch immer nicht, wie man bei der Erteilung solcher Bewilligungen vorgehen musste. Bestens gerüstet auf einen Antragsansturm hingegen war man zu dieser Zeit schon in Leibnitz und den meisten anderen Bezirken. „Wenn das Benzin teurer werden würde, wären die Ersparnisse größer als beim autolosen Tag“ erklärte damals Johann Peischl aus Graz im Rahmen einer Zeitungsumfrage. „Viel wird durch den autolosen Tag in dieser Form nicht zu ersparen sein“, meinte auch Helmut Kosseg. Und wirklich: Die Pickerln verschwanden nach fünf Wochen schon wieder, die dramatischen Auswirkungen des Ölschocks blieben aber. Die Inflation stieg, es kam zur Rezession, der Begriff „Stagflation“ kam damals auf - Inflation bei gleichzeitiger Stagnation. Es kam zu Kurzarbeit und auch die Arbeitslosigkeit stieg an. Natürlich stieg auch der Preis für Heizöl rasant an, von 2,80 Schilling auf 7 Schilling pro Liter, also umgerechnet von 20 Cent auf 51 Cent. Um Energie zu sparen wurden zusätztlich im Februar die sogenannten „Energieferien“ eingeführt. Durch die Schließung der Schulen im ganzen Land hoffte man, Heizkosten zu sparen. Die Tourismusbranche erkannte dabei schnell ihre große Chance, nun als Mehrwert im besucherärmeren Winter ihre Hotelbetten zu füllen. Sogar der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky wollte einen persönlichen Beitrag zum Energiesparen leisten und riet den österreichischen Männern zur Nassrasur statt elektrische Rasierapparate zu verwenden. Eine Spätfolge dieser ersten Ölkrise erleben wir aber heute noch, auch wenn sie derzeit vor der Abschaffung steht – die europaweite Einführung der Sommerzeit.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele