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Im Rausch der Vergangenheit #

Vom Ende der Judenburger Bierbarone und aktuellen historischen „Streifzügen“. Das Joanneumsprojekt „Landesaufnahme“ ist auf den Spuren steirischer Unternehmen. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung

Von

Robert Preis


Die Führungsetage der Brauerei Köle/Grünhübl
Die entspannte Führungsetage der Brauerei Köle/Grünhübl. 1897 wurde die Situation der Arbeiter jedoch medial scharf kritisiert, 1910 wurde der Betrieb verkauft
Foto: UMJ

Im Jahr 1462 erhielten die Judenburger Bürger das Recht, Bier zu brauen und auszuschenken. Doch hat ihre weit zurückliegende Vergangenheit nicht bis in die Gegenwart gereicht. Um die vorletzte Jahrhundertwende zeichnete sich das Ende für die Traditionshäuser Paulus und Grünhübl ab.

Die Judenburger Brauereifamilie Paulus etwa hatte sich zwischen 1881 und 1919 im Haus Kaserngasse 7 eingemietet, das bereits seit 1650 mit einer realen „Brauereigerechtsame“, also einem Brau-Vorrecht, verbunden war. Die Gebrüder Franz und Eduard renovierten das Gebäude 1895, ab 1899 zeichnet Franz als Alleineigentümer, doch lange hat er in dem Gewerbe nicht überlebt. Der neue Bier-Trend hatte sich längst abgezeichnet, die Gastbetriebe begannen die Erzeugung zu industrialisieren, und auch wenn Paulus um 1900 zum Marktführer der Region zählte, musste er nur zehn Jahre später den Krug abstellen. Am 29. Juni 1910 wurde in der Zeitung „Arbeiterwille“ bekannt gegeben, „dass die Brauerei Paulus am 27. Juni ihr letztes Faßl ausgestoßen hat“. Die Konkurrenz war erdrückend geworden, große Fusionen waren im Gange – Paulus war von der Großbrauerei Göss übernommen worden.

Wie hart die Arbeit als Brauer einst war, gibt ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1897 wieder, der die Situation am Grünhübl beschreibt. „Die Löhne der Brauer im Verhältnis zur Arbeitsdauer spotten der Gerechtigkeit, denn für Sonntagsarbeit und Überstunden wird überhaupt nichts bezahlt.“ Vom beschaulichen Familienbetrieb hatte man sich dort also auch weitgehend entfernt. 1910 wurde die Brauerei Grünhübl samt der Gastwirtschaft an die Brauerei-Aktiengesellschaft Brüder Reininghaus in Graz verkauft.

Das restaurierte Brauhaus der Gebrüder Paulus
Das restaurierte Brauhaus der Gebrüder Paulus
Foto: UMJ

In einem einzigen Jahr endete also die große Brauerei-Tradition in Judenburg.

Dass Geschichten wie diese bis heute erhalten bleiben und wieder ins Gedächtnis gerufen werden, ist der Initiative von Walter Feldbacher und Max Wegscheidler und deren Projekt Landesaufnahme zu verdanken. Als Mitarbeiter der Multimedialen Sammlungen im Haus der Geschichte sind sie seit Jahren auf der Suche nach Bild- und Tondokumenten im ganzen Land, versuchen lokale Historiker zu vernetzen und in einem Blog auf die Themen aufmerksam zu machen (https://www.museum-joanneum.at/museum-fuer-geschichte/multimediale-sammlungen).

Ganz aktuell sind Feldbacher und Wegscheidler mit der ehemaligen Grünen-Politikerin Edith Zitz unterwegs. Das Projekt Landesaufnahme II führt die drei heuer in die Bezirke Deutschlandsberg und Voitsberg. Mit fünf Themenspaziergängen wollen sie die Leute animieren, über Zeitgeschichte zu plaudern, vor allem über die Unternehmen der Vergangenheit. Die Gespräche werden dokumentiert und 2019 im Rahmen einer Ausstellung im Museum für Geschichte in der Grazer Sackstraße präsentiert. Zitz, die mit ihrem Verein „Inspire thinking“ bereits ähnliche Streifzüge in Graz durchführt, freut sich: „Es ist eine höchst sensible, fast zärtliche Art, mit Geschichte umzugehen.“ Walter Feldbacher betont, dass auch diesmal wieder örtliche Historiker mit eingebunden werden. „Deren Wissen ist unfassbar wertvoll. Wir wollen auch die Leute vernetzen und gemeinsam einen Gedächtnisspeicher des Landes füllen.“ Denn es ist kein Geheimnis: Die Zeit rieselt uns zwischen den Fingern davon. Geschehenes gerät schneller in Vergessenheit, als uns lieb ist.

Den ersten dieser Themen-Rundgänge wird es im März in Deutschlandsberg geben.

Walter Feldbacher und Edith Zitz
Walter Feldbacher und Edith Zitz (re.) in Köflach
Foto: JJ KUCEK
Glasmacher in Bärnbach im Jahr 1925
Glasmacher in Bärnbach im Jahr 1925
Foto: ARCHIV STEIRISCHES GLASKUNSTZENTRUM
Heilmittelwerke im Lannach der 50er-Jahre
Heilmittelwerke im Lannach der 50er-Jahre
Foto: MULTIMEDIALE SAMMLUNGEN/UMJ

© "Damals in Graz", Robert Preis