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Wie Graz zur „offenen“ Stadt wurde#

Reform-Kaiser Josef II. stellte 1782 für Graz die Weichen für die moderne Stadtentwicklung, indem er die Landeshauptstadt zur „offenen Stadt“ erklärte.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Jakominiplatz 1843, links von der Mariensäule standen damals schon Verkaufsstände, rechts der 'Neuhof' von Caspar Jakomini
Jakominiplatz 1843, links von der Mariensäule standen damals schon Verkaufsstände, rechts der "Neuhof" von Caspar Jakomini.
Foto: Conrad Kreuzer
'Prospect' der neuen 'Jacomini-Vorstadt' aus dem Jahr 1796
"Prospect" der neuen "Jacomini-Vorstadt" aus dem Jahr 1796 (KK)

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Bis zum Jahr 1740 war das stark befestigte Graz eine geschlossene Stadt, deren mächtige Stadttore nach einer sehr strengen Sperrordnung geöffnet und geschlossen wurden. Im Winter war die Sperrstunde bereits für 16 Uhr angesetzt, fand sozusagen mit der ersten Dämmerstunde statt. Die kleinen Tore neben den großen Tordurchfahrten, wie man sie heute noch bei Burg- und Paulustor sehen kann, blieben für die Fußgänger aber länger geöffnet.

Festung und Stadt Graz waren ja im 16. Jahrhundert von norditalienischen Baumeistern wie Domenico dell'Allio, die sich auf Wehrbauten spezialisiert hatten, mit Dutzenden vorspringenden Basteien, Kurtinen und sieben Stadttoren im damals modernen Renaissance-Stil errichtet worden, um anstürmende Feinde aus dem Osten abwehren zu können. Und wirklich, Graz wurde nie erobert, ja nicht einmal richtig angegriffen, weil die Wehranlage so beeindruckend war, dass man dies gar nicht erst versuchen wollte. Aber nun gegen Ende des 18. Jahrhunderts beengten die Wehranlagen die Stadt und behinderten jede Form von Ausbau, Vergrößerung und Verkehr. Das erkannte auch der Reform-Kaiser Josef II. auf einer seiner Graz-Reisen und stellte am 11. Jänner 1782 die Weichen für eine neuzeitliche Stadtentwicklung, indem er per Dekret Graz zur „offenen Stadt“ erklärte.

Nun konnten Festungsmauern, Basteien und die mächtigen Tore, die ganz besonders ein Nadelöhr für den Verkehr darstellten, abgetragen bzw. geschliffen werden. Das geschah natürlich nicht an allen Stellen gleichzeitig und sofort, sondern dauerte Jahrzehnte. Die Wehrbauten ließ man allmählich verfallen, ihre Bausteine wurden für Neubauten wiederverwendet, der breite Gürtel des Glacis, der vor dem Mauerring lag und als freies Schussfeld für die Verteidigung gedient hatte, wurde begrünt und mit Alleen bepflanzt – das war der Anfang des späteren Stadtparks.

Gegen Süden hin erstreckte sich vor dem Eisernen Tor die alte Kühtratte, flaches, fast unbebautes Land, auf dem die Bürger ursprünglich ihr Vieh zur Weide geführt hatten. Das war die ideale Fläche für eine erste geplante Stadterweiterung. Am 8. November 1784 ersteigerte der aus Görz stammende Caspar Edler von Jakomini, Postmeister von Cilli und reich gewordener Spekulant, das Land zwischen dem Eisernen Tor und dem damals noch offen fließenden Grazbach, dazu die große Wiese des alten Dominikanergrundes (die „Klosterwies“), ließ alles parzellieren und verkaufte die Einzelteile mit der Auflage, darauf Häuser zu bauen. So gründete er gewinnträchtig die Jakomini-Vorstadt, die er anfangs nach dem Kaiser „Josefstadt“ benannte. Eigentlich war Jakomini aber nach Graz gekommen, um hier in Ruhe seinen Lebensabend zu verbringen, doch hatte er rasch die Möglichkeiten erkannt, die sich hier einem Grundstückspekulanten boten.

Gegenüber dem Eisernen Tor ließ er sich 1786 von Benedikt Withalm dem Älteren ein mächtiges Palais errichten, den „Neuhof“, der durch seine Dreiecksgiebel über der Mittelachse die moderne josephinisch-klassizistische Form zeigte und später als Hauptpostamt am Jakominiplatz Verwendung fand. Nach dem Tod Kaiser Josefs II. wurde die neue Vorstadt mit seinen sechs sternförmig auseinanderführenden Straßenzügen nach ihrem Gründer Caspar Andreas Jakomini umbenannt. 1787 wurde auch das Burgtor wieder geöffnet, das 300 Jahre lang aus Angst vor Angriffen aus dem Osten vermauert war, und eine hölzerne Brücke über den Stadtgraben gebaut. Die Bastionen und Kurtinen waren nun zu Spazierwegen geworden, die Stadtgräben wurden zugeschüttet - und der weitere Ausbau der Stadt konnte ungehemmt beginnen.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele