unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Eine Chance für periphere Gemeinden und Natur#

Petra Kestler über das Niemandsland zwischen Ost und West, wo heute das Grüne Band verläuft.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 14. Februar 2018


Staatsgrenze
Staatsgrenze
Foto: Naturschutzbund/Christine Phüringer

Jahrzehntelang spaltete der Eiserne Vorhang Europa in Ost und West. Stacheldraht, Minenfelder und Sperrzonen trennten Menschen und Mächte. Seit dem 9. November 1989 ist der Eiserne Vorhang Geschichte. Aus dem ehemaligen menschenleeren Grenzgebiet wurde eine Linie des Lebens, an der sich die Natur ein Rückzugsgebiet geschaffen hat, einen Streifen Wildnis quer durch Europa: das Grüne Band.

Dieser einzigartige Streifen reicht vom Nordkap an der Barentsee bis zum Schwarzen Meer beziehungsweise bis zur Adria und beherbergt eine Fülle an Tier- und Pflanzenarten, die anderswo selten geworden oder längst verschwunden sind. Hier tummeln sich noch Wildkatzen, Fischotter und Braunkehlchen. Auch Urzeitkrebse sind nur mehr in den kaum regulierten tschechischen und slowakischen Grenzflüssen zu Bayern und Österreich zu finden.

Denn in den flachen, wieder austrocknenden Lacken haben ihre Feinde, die Fische, keine Chance. Auch seltene Pflanzen wie der Böhmische Enzian, die Salzaster oder die Krainer-Lilie wachsen am Grünen Band ungestört. Zu verdanken ist diese Vielfalt der größten Naturschutzinitiative Europas, der European Green Belt Initiative. Alle Staaten entlang der einstigen Grenze sind eingebunden und tragen dazu bei, die Vielfalt dieser naturnahen Landschaft zu erhalten. Die wertvollen Lebensräume, die sich im Schatten des Eisernen Vorhangs entwickelt und erhalten haben, bilden heute das größte Biotopverbundsystem Europas. Ihr besonderer Wert liegt darin, dass es ein verwobenes und ganzheitlich funktionierendes Ökosystem verschiedenster Lebensräume ist.

Österreich hat längsten Anteil am Grünen Band#

Österreichs Anteil am Grünen Band ist mit 1218 Kilometern der längste in Zentraleuropa. Zahlreiche Schutzgebiete wie die grenzüberschreitenden Nationalparks Thayatal und Neusiedler See-Seewinkel oder die großflächigen Natura-2000-Gebiete March-Thaya-Auen, Lafnitztal und Böhmerwald liegen am Grünen Band. Viele dieser Gebiete dienen Zugvögeln wie dem Weiß- und Schwarzstorch als Rast- und Brutplätze.

Die Abschnitte des Grünes Bandes haben unterschiedlichen Schutzstatus und sind durch ungeschützte Naturbereiche, die als Verbindungskorridore dienen, miteinander vernetzt. Diese verbindenden Teile zu erhalten, ist eine wichtige Aufgabe des Naturschutzes in Österreich. Der Naturschutzbund Österreich koordiniert als National Focal Point die nationalen Aktivitäten zum Grünen Band und die Vernetzung mit den anderen Staaten.

In einem gemeinsamen Projekt mit dem Umweltbundesamt haben es sich die Expertinnen und Experten zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein für diese naturräumlichen Besonderheiten des Grünes Bandes in Österreich zu stärken und die 137 Anrainergemeinden dabei zu unterstützen, die Potenziale, die das Grüne Band für die Regionalentwicklung und den Tourismus bietet, zu nutzen. Das Projekt wird von der Europäischen Union und hierzulande vom Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus gefördert.

Chance für touristische Nutzung#

Die Regionen entlang des Grünen Bandes haben ihre besondere Lage als ehemalige Grenzgebiete als Vorteil erkannt und setzen attraktive Naturerlebnis-Angebote. Das könnte auch in Zukunft ein wirtschaftspolitischer Ansatz für jene Regionen sein, die sich zwar nicht nur, aber zu einem Großteil in strukturell benachteiligten Gebieten Österreich befinden.

Petra-Kestler
Petra Kestler
Foto: privat

Das Spektrum reicht von organisierten Führungen über Naturerlebnis-Radwege und Wanderwege bis hin zu diversen Veranstaltungen wie einer Kommunalolympiade. Auch zahlreiche Schul- und Gemeindepartnerschaften, die zur Erhaltung und Entwicklung des Grünen Bands als Mahnmal der Geschichte und Ort der Begegnung beitragen, haben sich mittlerweile etabliert.

In Klöch in der Steiermark finden regelmäßig Friedensfeste an der Grenze statt, in Schrattenberg in Niederösterreich werden geführte Wanderungen zum ehemaligen Eisernen Vorhang angeboten, und als Vorreiter gilt die Gemeinde Windhaag in Oberösterreich, in der sich seit 2015 auch das jüngste Besucherinformationszentrum am Grünen Band, das "Green Belt Center", befindet. Die Gemeinde Leopoldschlag im Mühlviertel, die das erste Zentrum zum Grünen Band errichtet hat und seit Jahren "Green Belt Camps" organisiert, wurde im Juli 2017 als Modellgemeinde international ausgezeichnet.

Das Grüne Band#

ist 12.500 km lang und verbindet 24 Staaten. Es ist zwischen 50 und 200 Meter breit und in vier Regionalbereiche unterteilt: Fennoskandien, Ostsee, Zentraleuropa und Südosteuropa. Für den Erhalt des Naturstreifens sorgt der internationale Verein European Green Belt Assoziation, in dem auch das Umweltbundesamt Mitglied ist. Der Verein sichert die grenzübergreifende Zusammenarbeit und das Miteinander von Behörden, Naturschutzverbänden und Gemeinden. Sie spielen eine entscheidende Rolle für die Entwicklung dieses Naturraumes, da sie durch die Flächenwidmung großen Einfluss auf Naturraum und Bodenverbrauch haben. Viele österreichische Gemeinden tragen bereits dazu bei, die Naturräume entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs zu sichern. So auch die Mühlviertler Gemeinde Leopoldschlag, die für ihr Engagement für Schutz und Entwicklung des Natura 2000-Gebietes Maltsch im Sommer 2017 mit dem "Green Belt Award" ausgezeichnet wurde.

Petra Kestler ist Sprecherin des Umweltbundesamtes. Der Artikel erschien bereits im Magazin "Landwelt", einer Publikation des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus.

Wiener Zeitung, 14. Februar 2018