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Immanuel Kant und die Bildung im Zeitalter der Digitalisierung#

Wie die "Kritik der Urteilskraft" im 21. Jahrhundert in Bezug auf die Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen hilfreich sein kann.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 12. Mai 2019

Von

Wolfgang Schmale


Immanuel Kant (1791)
Immanuel Kant. Gemälde von Gottlieb Doebler (1791).
Foto: http://www.philosovieth.de. Aus: Wikicommons

1945 gründeten Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Raymond Aron, Maurice Merleau-Ponty und andere die Zeitschrift "Les Temps modernes". Der Titel war von Charlie Chaplins Film "Modern Times" ("Moderne Zeiten"; 1936) inspiriert. Die Zeitschrift errang eine weltweite Bedeutung, es gab kein wichtiges Thema, das nicht dort debattiert worden wäre. Bildung beruhte - damals - auf dem kompetenten Gebrauch der kritischen Urteilskraft. Dafür stand die Zeitschrift.

Zuletzt war Claude Lanzmann Herausgeber, er starb im Juli 2018. Wenig später teilte der Verlag Gallimard mit, dass die Zeitschrift nicht mehr wie bisher erscheinen werde. Mit der Zeitschrift verschwindet ein Instrument der kritischen Urteilskraft aus unserer jüngeren Vergangenheit. Die Gründe sind vielfältig. Der Eintritt ins digitale Zeitalter wurde verpasst, die Anhänglichkeit des Publikums schwand dahin. Braucht es diese Art kritischer Urteilskraft nicht mehr? Es geht, wohlgemerkt, nicht schlicht um Urteilskraft, sondern konkret um "kritische Urteilskraft", wie sie schon Immanuel Kant ins Spiel gebracht hatte.

Historisch befand sich das Interesse an "kritischer Urteilskraft" 1940 an einem Tiefpunkt, Anfang der 1950er Jahre dann auf einem Höhepunkt. Im Zusammenhang von "1968" steigerte sich das Interesse daran erneut. Doch heute? Befragt man Google Trends, gibt es keine Antwort, weil zu selten nach "kritische Urteilskraft" gesucht wird. Zu wenige Daten konnten gesammelt werden - was keine Daten produziert, ist inexistent. Kein Wunder, dass die Zeiten für "Moderne Zeiten" vorbei sind.

Die Befreiung aus den Ketten der Daten-Sklaverei#

Tatsächlich droht der Wert von "kritischer Urteilskraft" nicht zuletzt in Diskussionen über die "Bildung von morgen" aus den Augen verloren zu werden. Speziell im digitalen Zeitalter, in das wir Mitte der 1990er Jahre eingetreten sind - es löste das sogenannte Computerzeitalter ab -, verkommt der Erwerb von Kompetenzen immer mehr zum Erwerb von Anwenderkompetenzen. Diese sind wichtig, und je mehr die Digitalisierung voranschreitet, umso breiter wird die Palette an Situationen, in denen digitale Anwenderkompetenz gefragt ist.

Doch wo ist die Anwenderkompetenz, wenn man sich anschaut, mit welcher Nonchalance gut zwei Milliarden Nutzerinnen und Nutzer (das Wort Nutzer beziehungsweise User sagt eigentlich alles!) die Datenskandale bei Facebook & Co. wegstecken oder gar ignorieren? Umfassende Gesichtserkennung an immer mehr Plätzen im öffentlichen Raum? Kein großes Thema. Nutzung von Alternativen zu den Angeboten der digitalen Weltkonzerne? Das bleiben Insidertipps von Freaks für Freaks. Wer mag sich schon mit Aral Balkans "Building the people’s internet" befassen? Zwar könnte sich jeder aus den Ketten der Daten-Sklaverei befreien, aber fast niemand tut es. Hier fehlt kritische Urteilskraft, und zwar die, die einen dazu bringt, aus dem bequemen Sessel aufzustehen und Energie in die eigene Freiheit zu investieren.

Kritische Urteilskraft und Freiheit im digitalen Zeitalter#

Und das ist der Punkt: Kritische Urteilskraft und Freiheit gehören zusammen. Wenn ich nur Anwenderkompetenzen besitze beziehungsweise mich damit begnüge, bin ich nicht mehr frei. Ich kann zwar vieles tun, auch zu meinem Vorteil, aber ich habe es nicht in der Hand. Dazu brauche ich kritische Urteilskraft, die mich anleitet, wie und wo ich mich selber zum Akteur machen kann und muss.

Bildung, in der Schule, an der Universität, die Erwachsenenbildung im Rahmen des lebenslangen Lernens, muss eine Gesellschaft mit jener kritischen Urteilskraft ausstatten, die es braucht, um die Folgen der umfassenden Digitalisierung erkennen, überschauen und kritisch diskutieren zu können.

In den 1960er Jahren veröffentlichten die Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann das Buch "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit". Das Buch wurde berühmt. Doch müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die "gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" inzwischen durch die "digitale Konstruktion der Wirklichkeit" abgelöst wurde und dies nicht auf dasselbe hinausläuft.

Ein Immanuel Kant des 21. Jahrhunderts#

Zwischen uns als unmittelbare soziale Konstrukteure der Wirklichkeit schiebt sich der digitale Filter, durch den Wirklichkeiten errechnet oder aus Beobachtungsdaten visualisierbare Muster erarbeitet werden, die für Menschen eigentlich nicht sichtbare Wirklichkeiten visualisieren, sprich ‚sichtbar‘ machen. Immer mehr Wirklichkeit, die der Mensch mit seinen Sinnen nicht erfassen kann, wird aus Daten errechnet und visualisiert. Bald wird die digitale Wirklichkeit die reale, sinnliche Wirklichkeit überwiegen.

Um sich der weitreichenden Bedeutung dieses digitalen Wandels bewusst zu werden und sich nicht in dessen Abhängigkeit zu begeben, das heißt, sich nicht vollständig in die Abhängigkeit der letztlich von Algorithmen und nicht mehr von der Gesellschaft konstruierten Wirklichkeit zu begeben, braucht es kritische Urteilskraft. Wo man klicken muss, um den Algorithmus ans Arbeiten zu bringen, ist schnell gelernt; aber aus den Ergebnissen die richtigen Schlüsse zu ziehen und diese kritisch bewerten zu können, ist nicht schnell gelernt, sondern muss Teil der (Aus-)Bildung sein. Dabei geht es um die Übertragung kritischer wissenschaftlicher Methoden in den allgemeinen gesellschaftlichen Bestand an Kompetenzen. Als Lehrer brauchen wir nun einen Immanuel Kant des 21. Jahrhunderts, der unter den Prämissen der heutigen "digitalen Konstruktion der Wirklichkeit" eine neue "Kritik der Urteilskraft" schreibt.


Wolfgang Schmale
Wolfgang Schmale
Foto: © privat

Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien und Mitglied im Board der Forschungsplattform "Data Science"

Wiener Zeitung, 12. Mai 2019