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„Belgier“ an der Ostfront #

1914: Um Przemyśl im Osten Polens kämpfte auch das Grazer Hausregiment „König der Belgier“ gegen eine russische Übermacht. #


Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Sonntag, 4.Dezember 2016)

Von

Robert Preis


Przemyśl
Einst kämpfte in Przemyśl fast eine halbe Million Menschen
Foto: REPRO/PREIS
Przemyśl
Einst kämpfte in Przemyśl fast eine halbe Million Menschen
Foto: REPRO/PREIS
Noch heute sind Fragmente der kilometerlangen Wehranlage zu sehen.
Noch heute sind Fragmente der kilometerlangen Wehranlage zu sehen.
Foto: PREIS

Heute ist Przemyśl ein unbeachteter „Außenposten“ der EU. Im Jahre 1914 rückte es aber in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das Grazer Hausregiment, das Infanterieregiment Nr. 27 „König der Belgier“, war gleich zu Kriegsbeginn bei den von der k. u. k. Armee verlorenen Schlachten von Lemberg eingesetzt. Die Festung Przemyśl, die von der österreichisch-ungarischen Armee 70 Jahre lang zur (nach Verdun) zweitgrößten Festung Europas ausgebaut worden war, deckte den Rückzug der k. u. k. Armee. Und das Bollwerk war auch bestens dafür gerüstet: Allein der äußere von zwei Befestigungsringen umfasste 45 Kilometer Mauerwerk mit 16 Forts. Selbst in Friedenszeiten waren hier 100.000 Mann stationiert.

Auf dem Rückzug kämpften die „Belgier“ rund um Przemyśl. Am 17. September 1914 wurde die Festung durch russische Truppen eingeschlossen. Die erste Attacke erfolgte an diesem Tag auf das Fort 1 und dauerte 72 Stunden. Hier kämpften 500 Soldaten mit 18 Kanonen und vier Mörsern gegen Zehntausende Russen. Der k. u. k. Armee gelang die Befreiung der Festung. Am 8. November begann eine neue Belagerung mit einer neuen Taktik. Die Belagerer verhielten sich weitgehend passiv, konnten aber alle Ausfallsversuche der k. u. k. Truppen, die ausgehungert wurden, verhindern. Nachdem alle Pferde geschlachtet und angeblich sogar Leichen verzehrt worden waren, musste die Festungsführung kapitulieren. 119.000 k. u. k. Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Es gibt kaum eine Grazer Familie, die keinen Urahn hat, der nicht in Przemyśl gedient hätte. Nach Aussagen des polnischen Honorarkonsuls Gerold Ortner gibt es keine exakten Opferzahlen. Unter den Vorfahren, die Ortner angesprochen hat, war auch sein Stiefgroßvater Oberstleutnant Oskar Konnja. Er selbst ist in Gefangenschaft geraten, das Schicksal vieler anderer ist aber ungewiss. Das Österreichische Schwarze Kreuz betreut mit der Stadt Przemyśl die vielen Soldatenfriedhöfe. Przemyśl wurde später von den k. u. k. Truppen rückerobert.

Unter Historikern zählen die Kämpfe um die Stadt dennoch zu den größten des 20. Jahrhunderts. Übrigens: Von den 4295 Mann, die für die „Belgier“ 1914 an die Front gingen, kehrten nur 117 zurück. Insgesamt verloren 20 Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg ihr Leben.



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© "Damals in der Steiermark", Robert Preis