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Die Fuggerei#

Augsburgs Stolz auf die älteste Sozialsiedlung der Welt#


Von

Günther Jontes

Die Photos wurden vom Autor in den Jahren 1988, 1990, 1998 aufgenommen. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“


Die Stadt Augsburg kann mit Fug und Recht darauf hinweisen, in ihren Mauern die älteste Sozialsiedlung der Welt zu beherbergen. Es ist die sogenannte Fuggerei, eine eigene kleine Stadt mit Mauern und Toren, Gassen und Plätzen und einer eigenen Kirche.

Wie der Name sagt, ist diese Siedlung in der Siedlung ganz eng mit der Familie der Fugger verbunden, einem Geschlecht, das durch seine Geldgeschäfte und Kredite mit dem Kaiser des römisch-deutschen Reichs nicht nur zu ungeheurem Reichtum gelangte, sondern in Südamerikas Amazonien sogar einen eigenen Staat zu Lehen bekam.

Aber ihr striktes Festhalten am katholischen Bekenntnis trug ein Übriges dazu bei, dass sie ihre Stellung beim streng katholischen Hof ausbauen konnten und letztendlich sogar gefürstet wurden.

Sein Vorhaben hat Jakob Fugger in einer programmatischen Inschrift über dem Eingang zur Fuggerei formuliert.

Eingang zur Fuggerei
Eingang zur Fuggerei
Eingang zur Fuggerei

Diese Fuggerei als Siedlung für arme Leute entsprang dem ethischen Empfinden Jakob Fuggers, den man den Reichen nannte. Am 23. August 1521 setzte er diese einmalige Idee durch eine Stiftung um. Im Stiftungsbrief, der rechtsgültigen Urkunde, heißt es im Originalton u. a.:

Namlich so sollen soliche Hewser fromen, armen Taglönern und Handtwerckern und Burgern und Inwonern dieser Stadt Augsburg, die es notturftigt sein und am besten angelegt ist, umb Gottes Willen gelichen und darin in weder Schankung Muet und Gab nit angesehen.

Das will besagen, dass in dieser Siedlung arme Taglöhner und Handwerker ihr Wohnrecht haben mögen, wenn sie keinen eigenen Haushalt mehr führen konnten. Sie durften jedoch auch außerhalb ihrem Metier nachgehen, wenn sie sie sich wirtschaftlich wieder erholt haben sollten. Dann wurde ihnen geboten, wieder auszuziehen und anderen Platz zu machen.

Als Bedingungen waren gestellt, und das gilt noch heute, dass es sich um arme, fromme, katholische Augsburger Bürger handle. Sie wurden verpflichtet, für den Stifter und seine Familie täglich ein Vaterunser, ein Ave Maria und ein Glaubensbekenntnis zu beten.

Opferstock

Ein Opferstock hilft mit, die Erhaltung zu stützen. Eine Inschrift sagt:

Ein Anliegen an jeden Besucher der Fuggerei: Bitte helfen Sie durch eine Spende mit zur Erhaltung der ältesten Sozialsiedlung der Welt. Es danken Ihnen: Die Fuggerei Bewohner und die Stiftungs-Administration

Ihre Gebete verrichten die Bewohner seit 1581/82 in der von Markus und Philipp Eduard Fugger gestifteten Kirche St. Markus mit ihrer kunsthistorisch wertvollen Innenausstattung.

Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei

Das Wappen der Fugger als zwei farbgewechselte heraldische Lilien in Silber und Gold

Noch heute gilt, dass die Bewohner jährlich eine symbolische Miete von einem einstigen Rheinischen Gulden zu leisten haben. Und das sind heute nur mehr 88 Cent, aber sie werden noch heute eingehoben.

1516 wurde mit dem Bau begonnen und 1523 abgeschlossen. Damals gruppierten sich 52 Häuser um die ersten sechs Gassen. Der Name tauchte 1531 bereits als Fuckerei auf. Man hatte auch geistliche Berater, deren erster der Jesuit Petrus Canisius (1521-1597, 1925 als Kirchenlehrer heiliggesprochen) war, der als gewiegter Vertreter der Gegenreformation den ersten katholischen Katechismus verfasste.

Die heute sechs Gassen sind durch drei Mauerdurchlasse erschlossen. Man könnte fast sagen, dass es sich um Stadttore handle.

Fuggerei

Heute ist für Besucher nur ein Tor geöffnet. Die beiden anderen werden täglich von 22 h nachts bis 5 h morgens versperrt gehalten. Wer nach der Schließung noch hineinwill, muss dem Nachpförtner ein Extrasalär zahlen, das sich noch erhöht, wenn die Heimkehr nach Mitternacht erfolgt.

Mauerdurchlass
Fuggerei

Die Gassen haben altüberlieferte Namen, die von Tafeln ablesbar sind.

Straßennamen
Straßennamen
Straßennamen
Straßennamen
Straßennamen

Auch Hausnummern waren üblich. Hier erkennt man die Nummer 4, denn die Ziffer ist noch im mittelalterlichen Sinn als halber Achter zu sehen.

Hausnummer

Einen Hinweis verdient auch, dass sich die ursprünglich Augsburger Familie Mozart mit der Fuggerei verbinden lässt. Wolfgang Amadeus’ Vater Leopold war noch in Augsburg geboren worden.

Geburtshaus Wolfgang Amadeus’ Vater Leopold
Hinweisschild

Kriege griffen immer wieder in das Schicksal der Fuggerei ein. So zerstörten sie im Dreißigjährigen Krieg die Schweden fast vollständig. Immer kam es aber zum Wiederaufbau durch die Stifterfamilie.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 flogen britische Bomber einen Angriff auf Augsburg, bei welchem unersetzliche Kunstschätze und historische Gebäude zerstört wurden. Auch der prächtige Stadtpalast der Fugger in der Stadt wurde total zerstört und heute nur durch eine schmucklose Kopie ersetzt, die diese Baulücke schließen soll. Heute stehen wieder 67 Häuser in geordneten Häuserzeilen.

Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei

Die Häuser sind alle zweigeschossig mit einem eigenen Eingang und beherbergen zwei Wohnungen, die je 60 m² haben. Die Wohnung im Erdgeschoß hat ein kleines Gärtlein, die im Obergeschoß hingegen einen Dachbodenraum, der als Speicher für Hab und Gut genutzt werden kann.

Wenn man die drangvolle, lärm- und gestankerfüllte Enge der mittelalterlichen Städte mit dem Milieu der Fuggerei vergleicht, so kann man die Privatheit und Stille der hier Wohnenden nur als paradiesisch bezeichnen.

Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
Fuggerei
So war es um 1930, bevor die britischen Bomben fielen

Der Philosoph, Theologe und Publizist Guido Görres (1776-1846) äußerte sich zur Fuggerei auch als Poet:

Ein Auszug aus seinem vielstrophigen Gedicht „Die Fuggerei“

Drei Brüder waren ihrer,
Die reichten sich die Hand,
Ulrich, Georg und Jakob,
So waren sie genannt.

Sie sprachen zueinander:
Die Güter dieser Zeit
Verrechnen muss ein jeder
Einst Gott in Ewigkeit.

So lasst uns freudig gründen
Ein Werk vereinter Kraft,
Womit wir mögen geben
Ihm einstens Rechenschaft.

Zu Augsburg, bei St. Jakob,
Da hub ein Graben an,
Ein Zimmern und ein Mauern
Von manchem Handwerksmann.

Mit hundert kleinen Häusern
Ein Städtlein stieg empor,
Mit Brunnen und mit Straßen
Und seinem eignen Tor.

Und als das Werk vollendet,
Da weihten es die drei,
Dass armen frommen Bürgern
Es eine Wohnung sei.

Und was die drei gesprochen,
Das schrieben sie auf Stein,
Es soll dem Sohn und Enkel
Zum steten Vorbild sein.

Sie bauten für sich selber
Ein Häuslein auch dazu,
Im Kirchlein bei St. Anna,
Dort ist der Fugger Ruh.

Wohl kamen arge Zeiten,
St. Anna ward zerstört,
Die Messe wird nicht fürder
Auf ihrem Grab gehört.

Doch in der Armen Herzen
Wird ihrer noch gedacht,
Im Städtlein, das sie milde
Dem Herren dargebracht.

Das Glück dreht sich im Kreise,
Es geht und kommt vorbei,
Der Fugger Namen preiset
Noch heut’ die Fuggerei.