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Zuckerrohr und Peitschenhiebe #

Heute locken sie als Urlaubsparadiese, damals bedeuteten sie Profit für die einen, Sklaverei für die anderen. Zu Besuch auf den Virgin Islands und in ihrer Geschichte. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, Donnerstag, 21. Dezember 2017

Von

Martin Zähringer


Fort Frederik
Fort Frederik. Benannt nach Frederik dem Fünften, diente das dänische Fort auf St. Croix als Wehranlage zum Schutz der weißen Kolonialgesellschaft. 1917 wurden die Virgin Islands (von 1672 bis 1917 Dänisch- Westindien) an die USA verkauft.
Foto: Martin Zähringer

Heuer ist eine Karibikreise für die ganze Familie erschwinglich, Kreuzfahrtschiffe bringen uns an die schönsten Strände, Tauch- und Schnorchel-Spots der exotischen Archipele: Auf die Bahamas, nach Kuba und Jamaica, nach Porto Rico, auf die Kleinen und Großen Antillen und wie die Naturparadiese alle heißen. Mit bis zu 6500 Plätzen kreuzen die Megaliner wie Bettenburgen auf See, am Ende müssen selbst Naturhäfen wie der von St. Thomas (U.S. Virgin Islands) ihre harmonischen Proportionen opfern, weil man vertiefte Anlegestellen für die Giganten benötigt. Die lokalen Betreiber der touristischen Infrastruktur machen trotzdem ihren Schnitt; für die afrokaribische Bevölkerung dagegen – das ist der größte Teil der über 40 Millionen Einwohner der Karibik – sind Kreuzfahrtschiffe meist nur vorbeieilende Boten eines großen Geschäftes, das ohne sie läuft. Kritiker nennen es Neokolonialismus, weil die globalisierte Tourismusindustrie – wie zuvor der imperiale Kolonialismus – im großen Stil lokale Ressourcen ausbeutet und nichts in nachhaltige Infrastruktur investiert.

Ketten, Halseisen, Kellerverließe #

Lokal orientierte Anbieter versuchen das Beste daraus zu machen, sie verbinden die Schönheit der Natur mit der Erinnerung an afrokaribische Geschichte: „Heritage Tourism“ will an die Zeit erinnern, als die europäischen Schiffe noch mit oder gegen den Wind segelten, weniger zuverlässig im Zeitplan wie die schwerölbetriebenen Kreuzfahrtschiffe, aber ebenso zielstrebig und mit einer menschlichen Fracht, die nicht freiwillig und zur Erholung kam.

In Frederiksted auf St. Croix (U.S. Virgin Islands, von 1672 bis 1917 Dänisch-Westindien) kommen nur wenige Kreuzfahrtschiffe an den Kai. Als wir uns eines frühen Morgens dort umsehen, hat gerade eines aus Miami angelegt, es bringt im Lauf des Tages reichlich Betrieb in das sonst eher träge Hafennest. Aber kaum jemand besucht das dänische Fort Frederik, das direkt neben dem Kai liegt. Es wurde 1760 zu Ehren von Frederik dem Fünften eingeweiht, diente als Wehranlage zum Schutz der weißen Kolonialgesellschaft und ist heute ein Museum. Schautafeln berichten vom Gesetz der Kolonialherren und den Verfahren des Zuckerrohranbaus, historische Exponate veranschaulichen das dänische System der Sklaverei: Ketten, Halseisen, Kellerverließe. Dazu die Hauptwerkzeuge eines höchst einträglichen Geschäftes: Äxte zum Roden von Wald und Busch, Macheten zum Zuckerrohrschneiden, Peitschen für einen unterbrechungsfreien Arbeitsablauf.

Das Fort der Dänen wirkt authentisch brutal, niederträchtig flach erstrecken sich die Mauern bis zum Wasser, die blutrote Farbe blättert ab, schwarze Kanonen zielen auf das karibische Meer. Aber auf dem Gelände ist es schon zur frühen Morgenstunde brütend heiß, so liegt es wohl auf der Hand, sich direkt vom Schiff zum Strand neben dem Fort zu verziehen. Eine Gruppe hat doch das Angebot des örtlichen Touristikbüros CHANT gebucht, „Crucian Heritage and Nature Tourism“. Sie fährt zunächst einige Kilometer an fabelhaften Stränden entlang und erreicht Maroon-Ridge. Gut ausgebildete Guides führen zu Fuß in ein steiles Berggelände, in dem sich die entlaufenen Versklavten verborgen hielten, die Maroons, die jahrelang dort im Buschgelände überlebten. Man erfährt im Detail, welche Pflanzen sie wie genutzt haben und wie Bluthunde und professionelle Sklavenjäger abgewehrt werden, aber vor allem lernt man hier oben über dem türkisblauen Meer Geschichte von unten, hört Geschichten von der Kraft zum Überleben und vom Mut zum Widerstand.

Für diese Geschichten gibt es den Cariso, der im Freilichtmuseum Whims Estate zu hören ist. Auf der ehemaligen Plantage wird in verständlichem Englisch, nur hin und wieder ins ortstypische Creol gewendet, der Aufstand von 1848 besungen, der in Dänisch-Westindien zur Emanzipation der Versklavten führte. Nicht aber zu einer echten Teilhabe am Wohlstand, weshalb 1878 der nächste große Aufstand in Frederiksted folgte, wiederum gesungen erinnert als Fireburn, bei dem fast die ganze Stadt und zahlreiche Plantagen niedergebrannt wurden. Diese revolutionären Ereignisse sind ein stolzes Echo der Kolonialzeit, von der afrokaribischen Seite und ihrer oralen Tradition her erinnert, schon Kinder lernen diese Lieder.

„Zur Sclaverei geboren“ #

Die beste deutschsprachige Quelle ist eine der frühesten und bis heute ergiebigsten überhaupt, die mehrbändige karibische Missionsgeschichte der Herrnhuter Brüdergemeinde von Christian Georg Andreas Oldendorp, erschienen im Jahr 1777 (4 Bände, Berlin 2002). Oldendorp hat sich von 1767 bis 1768 persönlich umgesehen, sein Auftrag: die Chronik der karibischen Mission seit 1733 mit Blick auf ein größeres Lesepublikum in Europa. Zugleich erfasst der Autor soziologisch akkurat die Struktur der kolonialen Beziehungen und ethnographisch genau das Leben der Versklavten, etwa die Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern im stetigen Takt der Peitschenhiebe. Den nackten ökonomischen Zweck verschweigt er nicht: „Die Neger werden nicht aus Haß und Rache, nicht als Feinde und Überwundene von den Europäern mit der Sklaverei belegt, sondern bloß um ihrer Stärke und Tüchtigkeit willen, in dem heißen Westindien die schwere Arbeit mit dem Zucker und anderen Producenten auszuhalten und ihren Herrn Reichtum zu verschaffen; doch auch zugleich aus der Meinung, daß sie zur Sclaverei geboren, vom Vieh wenig unterschieden und deswegen als solches gebraucht und behandelt werden könnten.“

Aber ein Abolutionist war Oldendorp nicht, die Befreiung der Versklavten lag für ihn allein in der Rettung ihrer Seelen. Dabei waren die jungen, selbsternannten Missionare aus Deutschland ursprünglich derart begeistert von ihrer Berufung, dass sie sich sogar selbst als Sklaven verdingen wollten, um in die Nähe der verlorenen Seelen aus Afrika zu kommen, später wurden sie zeitweise selbst Sklavenhalter. Und doch waren im März 2017, als auf den U.S. Virgin Islands und in Dänemark der 100. Jahrestag des Verkaufs der Inseln an die USA zelebriert wurde, die dänischen Herrnhuter die einzigen, die in der Moravian Church von St. Thomas eine offizielle Entschuldigung vorlesen ließen.

Europäisches Erbe #

Manche sprechen von den Killing Fields der Europäer, für die jahrhundertelange Verschleppung und Versklavung der Afrikaner gibt es den afrikanischen Ausdruck „Maafa“. Auch über Rückgabe gestohlener Kulturgüter und finanzielle Entschädigungen wird diskutiert, ein Thema, bei dem radikalere Afro-Amerikaner den militärischen Begriff Reparation wählen, weil sie die historische Sklaverei als Krieg gegen die Schwarzen begreifen. Die englischsprachige Datenbank slavevoyages. org liefert länderspezifische Zahlen: Von 1501 bis 1875 wurden insgesamt 12.521.337 Menschen aus Afrika verschleppt. Das kleine Land Dänemark nimmt sich mit 111.040 Fällen recht bescheiden aus, das nicht viel größere Portugal dagegen mit 5.848.266 ist der größte Akteur im transatlantischen Menschenhandel.

Es wird niemals eine objektive Arithmetik der Schuld geben können, aber es gibt die Versöhnung durch Erinnerung. Das beweist überzeugend das Buch „Sugar in the Blood“ (Portobello 2012) von Andrea Stuart. Die Autorin stammt selbst von einem englischen Sklavenhalter und dessen schwarzer Geliebten ab, einer seiner vielen sexuell missbrauchten Sklavinnen. Andrea Stuart gelingt das Bravourstück, neben der schonungslosen Rekonstruktion ihrer eigenen Familiengeschichte ein glasklares Bild der Kolonialgesellschaft von Barbados zu liefern, indem sie beide Sphären ihrer kreolischen Identität gleichermaßen mutig und wahrhaftig porträtiert. Wir Reisende aus Europa könnten mitziehen, indem wir bei aller Freude an der Schönheit der Karibik die düstere Seite der Geschichte nicht vergessen.

Der Autor lebt als Literaturkritiker in Berlin.

DIE FURCHE, Donnerstag, 21. Dezember 2017