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Entdeckung einer vorinkaischen Stadt#

El Purgatorio Alto bei Casma in Peru#


Von

Hasso Hohmann


Auf meiner Reise im Sommer 1996 besuchte ich auch Peru. Hier war eines meiner Ziele die archäologische Zone von El Purgatorio bei Casma Peru, Casma . Casma ist eine wachsende Stadt nahe der Küste etwa 320 km Luftlinie nordwestlich von Lima in der Region Ancash. El Purgatorio liegt ca. 11,5 km Luftlinie südöstlich von Casma in der extrem trockenen Küstenwüste zwischen Cordillera und Pazifik. Die archäologische Zone hat eine Ausdehnung von etwa 600 m mal 600 m und besteht aus den Resten riesiger Hofarchitekturen aus der Wari Zeit (ca. 700 bis 1200 n.Chr.).

Schon 2002 wurde unmittelbar westlich dieses Ruinenfeldes illegal eine Siedlung errichtet, deren damaliger Fußballplatz auf einem nivellierten Feld der archäologischen Zone im Süden angelegt war. Außerdem erkennt man im archäologischen Areal ein Gräberfeld am Fuße des Aufganges zu einem steilen Hügel im Süden der Anlage. Ein Weg führt hier zu einer Kapelle hinauf mit einer guten Aussicht. Von hier erkennt man auch am Fuß des Hügels viele kleine trichterförmige Vertiefungen. Das Feld sieht wie nach einem Bombardement aus. Die Trichter sind die Spuren von Plünderern, welche die Gräbern geöffnet haben. Vermutlich habe Bewohner des daneben gelegenen Dorfes sie nach wertvollen Objekten durchsucht.

Die Ruinen bestehen aus zahlreichen langgestreckten rektangulären Schutthügeln. Es sind die Reste von Bauten und von unterschiedlich großen Höfen. In manchen dieser Höfe erkennt man sekundäre kleinere und kleinteiligere Einbauten. Alles ist aber bislang nicht oder kaum archäologisch untersucht und zeigt auch keine Details.

Daher sah ich mir 2008 die Anlage im Google Earth bei mir zu Hause in Graz noch einmal aus großer Höhe an. Von oben erkennt man oft viel deutlicher die rektangulär konzipierten Bauten und Höfe und auch die Wegführungen. Es dürfte sich um planmäßig angelegte Palast- und Tempelanlagen aus der Wari-Zeit handeln. Die Bauwerke dürften durch Witterung und starke Erdstöße zerstört worden sein, wofür die Gleichmäßigkeit des Zerstörungsbildes spricht.

Nach dem Studium der archäologischen Zone schwenkte ich eher durch Zufall mit der stark auflösenden Einstellung von Google Earth etwas nach Osten auf das Massiv des erloschenen und stark erodierten Vulkans Cerro Mucho Malo. Hier sah ich in nur ca. 100 m horizontaler Distanz neben den Ruinen von El Purgatorio auf erhöhtem Terrain dicht nebeneinander die Grundrisse von vielen Bauwerken, die bis dahin in keinem Plan enthalten waren, also von einer wohl bislang unentdeckten, zumindest unpublizierten vorkolumbischen Stadt. So etwas ist irgendwie aufregend. Man sieht vielleicht nach sehr langer Zeit als Erster wieder die Straßen, die kleinen Plätze, eine zentrale kleine Plaza einer lange verlassenen Stadt. Das annähernd runde Zentrum der Stadt ist von einer mächtigen etwa 6 m starken Wehrmauer umgeben. Neben einem der Durchgänge durch die Wehrmauer erkennt man einen Bau mit meterdicken Außenmauern, bei dem es sich um einen Tempel handeln dürfte.

Der westliche Teil der größeren Südstadt der 2008 in Graz im Google Earth entdeckten Stadt El Purgatorio Alto. Das Foto zeigt, wie detailliert die Fundamentstreifen die Grundrisse der Bauten, aber auch die Wegführungen im Siedlungsraum dazwischen wiedergeben sind.

Der Plan zeigt die Wehrmauer um das Zentrum, den Tempel und eine alte Staumauer im Tal
Die südliche Hälfte der Stadt El Purgatorio Alto auf der Basis von Goggle Earth maßstäblich durchgezeichnet. Der Plan zeigt die Wehrmauer um das Zentrum, den Tempel und eine alte Staumauer im Tal.
Zeichnung: Hasso Hohmann 2008

Linker Marker: Position des Tempels. Rechter Marker: Das Zentrum des ummauerten Teiles der Stadt El Purgatorio Alto.

Die Zone der Wohnhäuser umschließt ein kleines Erosionstal, das am unteren Ende durch eine Stauwehranlage gegen das Abfließen von Wasser gesichert war. Die Staumauer konnte nach Regenfällen helfen, Wasser für die Stadt zurückzuhalten, war aber wohl hauptsächlich auch ein Schutz für die großen Hofkomplexe von El Purgatorio, das unterhalb anschließt. Ich nannte die im Google Earth neu entdeckte nahe Stadt der geographischen und zeitlichen Nähe wegen “El Purgatorio Alto“.

2009 besuchte ich zum sechsten Mal Peru. Adele und ich fuhren wegen meines “Schreibtischfundes“ auch wieder in die Region von Casma. Wir hatten ein kleines Hotel in der Stadt bezogen. Inzwischen gab es dort kleine, aus Asien importierte, relativ wendige Dreiradmopeds als Taxis. Sie werden auch als “Tucktuck“ bezeichnet und haben vorne den Sitz für den Fahrer, hinten eine kurze Sitzbank für zwei Mitfahrende. Wir machten uns schon um ca. 6.00 Uhr mit Kamera, Filmrollen, Kompass, Maßband, Wasserflasche, etwas Proviant und den Ausdrucken der Google Earth Luftbilder auf den Weg.

Das flexible Tucktuck kam selbst bei den engsten Passagen und sehr abgewinkelten Kurven des ca. 18 km weiten Weges durch die Wüste und durch die angrenzende Flussoase durch. Es brachte uns zunächst zu den Ruinen von Pampa de Llamas und zu angrenzenden Ruinen. Anschließend fuhr es uns relativ schnell bis zum Fuß des Cerro Mucho Malo. Ich zahlte den vorher vereinbarten Preis und wir verabschiedeten uns vom Fahrer. Von hier aus gingen wir zuerst hinauf zur Kapelle, von der aus man eine faszinierende Aussicht auf El Purgatorio und viele andere Ruinen wie die Pyramide von Moxeke oder auf den riesigen Palast von Pampa de Llamas sowie auf das Observatorio mit seinen 13 Türmen und das Castillo Chankillo auf der anderen Seite des Casma-Tales hat. Die meisten dieser Objekte liegen in einer völlig vegetationsfreien Zone.

Die 160 m auf 170 m große Pyramide von Moxeke hatte die Form einer riesigen Maske des Erdmonsters
Die 160 m auf 170 m große Pyramide von Moxeke hatte die Form einer riesigen Maske des Erdmonsters – ausgestattet mit einer Mundmaske, daneben drei typische Mundmasken, wie sie meist in Gold hergestellt wurden. (siehe H. Hohmann 2008, Göttermaske von Moxeke. Antike Welt Nr.2/2008:71-75; Philipp v. Zabern. Mainz).
Zeichnungen: Hasso Hohmann 2008.

Dieser Ausschnitt von Google Maps zeigt links unten die durch Erdbeben, Witterung und Raubgrabungen weitgehend zerstörte Pyramide von Moxeke, rechts oben den von zwei riesigen Vorplätzen (je 150 m x 150 m) flankierten Palast von Pampa de Llamas und viele weitere Ruinen.
Die Aufnahme von Google Maps zeigt das Castillo Chankillo mit seinen zwei mächtigen Wehrmauern mit fünf, bzw. vier abgewinkelten Durchgängen, mit einer dritten mit drei Eingängen und mit den zwei runden und einer rechteckigen Struktur im Zentrum. Die äußere Wehrmauer hat etwa eine Länge von einem Kilometer.

Das Observatorium mit dem nördlichsten der 13 Türme
Das Observatorium mit dem nördlichsten der 13 Türme. Alle Türme haben Treppenhäuser.
Foto: Hasso Hohmann 2009

Danach hoffte ich auf gleicher Höhe zu der von mir in Graz entdeckten Stadt zu gelangen. Leider lag vor dem Beginn des Vulkankegels aber noch ein Einschnitt, sodass wir nochmals hinunter auf das Niveau von El Purgatorio mussten. Es dürfte sich um einen Durchlass, eine Abkürzung für eine an der Küste bei Las Haldas beginnende, ca. 22 km lange und am Beginn zumindest ca. 55 m breite, weitgehend geradlinig verlaufende Prozessionsstraße zum Moxeke-Komplex bzw. El Purgatorio handeln.

Auf der anderen Seite des Einschnittes ging es steil wieder hinauf. An die Steigung schließt eine gewellte, relativ ebene Zone auf der Flanke des Cerro an, die am Boden von einem hellen feinkörnigen Bodenmaterial und darauf lose liegenden, dunklen vulkanischen Steinen geprägt ist. Grundrisse konnte ich zunächst keine ausmachen. Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich an einer geradlinig verlaufenden Straße am nördlichen Ende der südlichen urbanen Zone orientieren konnte, die ich als eine Straße in den Ausdrucken identifizieren konnte. Ich war in El Purgatorio Alto.

Dies ist die geradlinige Straße, an der ich mich zuerst in den Ruinen von El Purgatorio Alto orientieren konnte. Im Hintergrund wird das Gelände steiler, die Bauten stehen auf Terrassen.
Dies ist die geradlinige Straße, an der ich mich zuerst in den Ruinen von El Purgatorio Alto orientieren konnte. Im Hintergrund wird das Gelände steiler, die Bauten stehen auf Terrassen.
Foto: Hasso Hohmann 2009
Wenn man die Fundamentstreifen im Gelände nicht sehr aufmerksam betrachtet, bemerkt man nicht, dass es sich um Grundrisse handelt.
Wenn man die Fundamentstreifen im Gelände nicht sehr aufmerksam betrachtet, bemerkt man nicht, dass es sich um Grundrisse handelt. Jäger werden hier die Ruinen nicht bemerkt haben.
Foto: Hasso Hohmann 2009

Nun konnte ich gezielt nach den angrenzenden Grundrissen suchen, die in den Steinresten klar erkennbar wurden. Dadurch wusste ich nun genau, wo ich mich in der Stadtanlage befand. Die Schwierigkeit, mich am Beginn zu orientieren, macht es verständlich, dass trotz sehr vieler Archäologen, die dieses Gebiet bereits seit Beginn des 20. Jh. immer wieder aufsuchten, die Stadt oberhalb von El Purgatorio noch nicht entdeckt worden war. Dazu braucht man ein Luftbild.

Bei den grob in Reihe liegenden schwarzen Vulkansteinen handelt es sich offensichtlich nur um die regenfesten Fundamentstreifen der ehemaligen Häuser. Die Lehmmauern darüber wurden inzwischen längst durch die wenigen, aber wenn meist heftigen Regenfälle in dieser Küstenwüste in den vergangenen 800 oder mehr Jahren davon geschwemmt. Die Steine der Fundamentstreifen hingegen sind liegen geblieben. Sie haben auf Grund ihres Gewichtes ihre Position auf dem nur leicht geneigten oder terrassierten Gelände von oben gesehen nicht verändert. Sie verhinderten einst das Aufsteigen von Feuchtigkeit ins Lehmmauerwerk und waren resistent gegen fließendes Oberflächenwasser bei Regen im Freiraum um die Häuser. Das Durchzeichnen der Grundrisse ergab in Graz etwa 2000 Häuser – die einstige Stadt könnte vielleicht 10.000 Einwohner gezählt haben.

Ich musste allerdings feststellen, dass ich nicht der Entdecker der archäologischen Zone war, da an mehreren Stellen Gräber in und um die Bauten bereits geplündert worden waren. Vermutlich waren es Jäger, die immer wieder auf Gräber stießen, die durch Erosion an den steilen Hängen bei Regen freigelegt wurden. Keramikfunde lassen eine früheste Besiedlung um etwa 400 n. und das endgültige Verlassen der Stadt um etwa 1200 n. Chr. vermuten.

Nach Besichtigung der Stadt, ihrer Wehrmauer, des Tempels und der Stauwehrmauer im Tal zwischen den zwei Stadthälften, nach etlichen Aufzeichnungen und Fotos sowie dem Check der Keramik für die Datierung machten wir uns auf, um südöstlich die Fundamente eines Palastes am Fuß des Cerro zu besuchen. Dann kreuzten wir das Casma Tal und besuchten zuerst den Nord-Süd-gerichteten Granithügel mit seinen 13 Türmen mit je einem Treppenhaus. Die Türme werden als Observatorium gedeutet. Sie haben eine beeindruckende Mauer-Dimension und sind für ihr Alter von geschätzten knapp 3000 Jahren noch relativ gut erhalten. Ob es sich wirklich um ein Observatorium handelt, sollte aber noch einmal genauer untersucht werden. Die nördlichen neun der zusammen 13 Türme liegen in einer geradlinigen etwa Nord-Süd-gerichteten Reihe, die südlichen 4 Türme machen dann aber einen deutlichen Bogen, der nach Westen abweicht. Die 12 Zwischenräume zwischen den Türmen könnten von Westen aus vielleicht als Observatorium genutzt worden sein.

Danach ging es über einen steilen Hang hinauf zum Castillo Chankillo, das ich schon 1996 in einem abendlichen Blitzbesuch kennengelernt hatte. Damals hatte ich auch Fotos von den 13 Türmen des Observatorio von oben aus gemacht.

Der Aufstieg geht über sehr alte grobkörnige Granitfelsen, deren große Kristalle sich an der Oberfläche leicht lösen und eine Art groben Sand ergeben, auf dem man wie auf Rollsplitt ins Rutschen gerät. An mehreren Stellen musste ich Adele aus unsicheren Lagen im Hang befreien. Im Castillo hatte ich diesmal mehr Zeit und konnte mehrere der Tore untersuchen und die Konstruktion der Wehrmauern sowie andere Details messen.

Die Reihe der 13 Türme des Observatoriums verläuft zunächst exakt nach Süden, schwenkt dann aber nach Westen ab. Im Foto zeigt sich daher der 13. Turm seitlich rechts hinten.
Die Reihe der 13 Türme des Observatoriums verläuft zunächst exakt nach Süden, schwenkt dann aber nach Westen ab. Im Foto zeigt sich daher der 13. Turm seitlich rechts hinten.
Foto: Hasso Hohmann 2009
Die mächtige äußere Wehrmauer mit einigen erhaltenen Partien. Im Hintergrund das fruchtbare Casma-Tal.
Die mächtige äußere Wehrmauer mit einigen erhaltenen Partien. Im Hintergrund das fruchtbare Casma-Tal.
Foto: Hasso Hohmann 2009
Einer der Durchgänge durch die Wehrmauern. Die Baumstämme des Sturzes ließen eine genaue Altersbestimmung des Bauwerks zu. Es wurde im 4. Jh. v. Chr. errichtet
Einer der Durchgänge durch die Wehrmauern. Die Baumstämme des Sturzes ließen eine genaue Altersbestimmung des Bauwerks zu. Es wurde im 4. Jh. v. Chr. errichtet
Foto: Hasso Hohmann 2009

Die Sonne stand schon tief am Horizont, als wir uns auf den etwas mehr als drei Kilometer weiten Weg von der Festung zur Panamericana aufmachten. Im Hintergrund sahen wir den Señal Mongon in Wolken gehüllt. Er ist 1144 m hoch und steht direkt an der Küste. 2004 hatte ich den Berg, einen alten Vulkan, bestiegen, als ich meine Kondition nach zwei Krankenhausaufenthalten mit Operationen erproben und zugleich nachsehen wollte, ob ein Bericht aus dem 19. Jh. über eine Oase auf dem Berg in den Wolken zutrifft. Wolken verhüllen diesen Berg fast immer. Oase fand ich keine.

Bald hörten wir bereits Fahrzeuge auf der Panamericana, der Hauptverbindung zwischen dem Norden und dem Süden des Landes und auch ganz Südamerikas. Als wir die zweispurige Asphaltstraße erreichten, wurde es bereits dunkel und ein sehr freundlicher Peruaner nahm uns die 17 km bis Casma mit. Dort besuchten wir ein Restaurant und bestellten eine gutschmeckende Gemüsesuppe mit viel Gemüse und Reis; dazu tranken wir Anis-Tee.