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Ölrausch im ganz nahen Osten #

Österreich gehörte um 1900 zu den größten Erdölproduzenten der Welt. Doch die Ausbeutung der Lagerstätten in Galizien forderte einen hohen Preis.#


Von der Wiener Zeitung (9. Jänner 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Christian Hütterer


Die galizischen Ölfelder wurden auch zum Motiv für Künstler: Vermutlich Reinhold Völkel malte um 1910 die Bohrtürme bei Borislaw, passenderweise als Ölgemälde
Die galizischen Ölfelder wurden auch zum Motiv für Künstler: Vermutlich Reinhold Völkel malte um 1910 die Bohrtürme bei Borislaw, passenderweise als Ölgemälde.
Foto: © Technisches Museum Wien

Galizien- bis heute weckt der Name dieses österreichischen Kronlandes viele Assoziationen. Es war wohl der exotischste Teil der habsburgischen Monarchie, eines "der merkwürdigsten Gebiete" überhaupt, wie der aus der Region stammende Joseph Roth in seinem Roman "Radetzkymarsch" schrieb.

Das Königreich Galizien und Lodomerien, wie das Kronland offiziell hieß, war 1792 in der Folge der ersten Teilung Polens an die Habsburgermonarchie gefallen. Diese Provinz an der nordöstlichen Grenze des Reiches war eine fremde Welt, die ein gehöriges Imageproblem hatte: Armut, Krankheiten, Schmutz und Alkoholismus, das waren die Begriffe, die den meisten Österreichern dieser Zeit einfielen, wenn der Name Galizien genannt wurde. Eine Versetzung nach Galizien wurde von vielen österreichischen Beamten und Offizieren als eine Strafe gesehen. Um es noch einmal mit den Worten von Joseph Roth zu sagen: "In der weltfremden, sumpfigen Öde verfiel der und jener Offizier der Verzweiflung, dem Hasardspiel, den Schulden und finsteren Menschen."

Zugleich war die Provinz auch, oder vielleicht gerade wegen ihres schlechten Rufes eine faszinierende Region, die vor allem von der Vielzahl ihrer Völker geprägt wurde. Die Polen stellten die größte Bevölkerungsgruppe, an zweiter Stelle standen die Ruthenen, wie man die Ukrainer in der österreichischen Monarchie nannte. Dazu kamen Deutsche, Juden und Roma, aber auch kleine und weniger bekannte Nationen wie die Huzulen, die Boiken und die Lipowaner.

Ethnische Spannungen#

Das Verhältnis dieser Völker zueinander war alles andere als einfach: Die Polen hatten sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht das Sagen, die überwiegend ruthenische Landbevölkerung lebte hingegen in bitterer Armut. Dazu kam der grassierende Antisemitismus, der immer wieder - etwa bei den Pogromen des Jahres 1898 - in Gewaltexzessen zu Tage trat.

Doch am Ende des 19. Jahrhunderts sorgte Galizien aus einem anderen Grund für Schlagzeilen. An den nördlichen Ausläufern der Karpaten wurde in der Nähe der Städte Drohobitsch und Borislaw - beide liegen heute in der Ukraine - Erdöl gefunden. Schon 1792 hatte ein Professor aus Lemberg in einem Bericht über eine Reise durch Galizien das "schwarze Erdpech" erwähnt, das an zahlreichen Stellen aus dem Boden trat und sich in Löchern sammelte, aber nur zum Schmieren von Wagenachsen genutzt wurde.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wollten die zwei Unternehmer Josef Hecker und Johann Mitis diesen Bodenschatz erstmals im großen Stil nutzen und destillierten sogenanntes Leuchtöl aus dem Rohstoff. Das Geschäft ließ sich gut an, die beiden konnten die Behörden in Prag überzeugen, ihr neues Produkt für die nächtliche Beleuchtung der Stadt zu verwenden. Das Vorhaben schlief aber bald wieder ein, denn es fanden sich keine weiteren Abnehmer und die Verkehrsanbindung Galiziens an den Rest der Monarchie war dermaßen schlecht, dass keine regelmäßigen Lieferungen garantiert werden konnten.

Ignacy Łukasiewicz (1822-1882)
Ignacy Łukasiewicz (1822-1882)

Jahrzehnte später unternahmen der Apotheker Ignacy Łukasiewicz und sein Helfer Johann Zeh einen neuen Versuch, um aus dem Rohstoff ein Öl zu destillieren, das zur Beleuchtung verwendet werden konnte. Sie hatten mehr Erfolg als ihre Vorgänger und 1855 wurde das Spital von Lemberg auf Ölbeleuchtung umgestellt. Es war ein enormer Fortschritt, denn der neue Brennstoff war nicht nur viel sicherer als die bis dahin verwendeten Produkte, sondern gab auch ein gleichmäßiges Licht ab. Der endgültige Durchbruch für das neue Produkt gelang, als ab 1858 auch der Wiener Nordbahnhof im Licht der neuen Lampen, die mit galizischem Öl gefüllt waren, erstrahlte.

Nun brach in Galizien ein Erdölfieber aus und es begann die groß angelegte Förderung des Rohstoffes. Das damals geltende Recht sah vor, dass gewonnene Bodenschätze dem Grundbesitzer zustanden. Auf jeder noch so kleinen Parzelle wurde nun mit einfachsten Mitteln gegraben. Ein Geologe berichtete nach einer Inspektionsreise von 12.000 Schächten rund um Borislaw. Das Öl, das sich in ihnen am Boden sammelte, wurde mit Kübeln ans Tageslicht befördert.

Doch bald kamen die ersten Investoren ins Land und pachteten um wenig Geld den Grund der Bauern. Parzellen wurden aufgespalten, zusammengelegt, verpachtet, in Kooperativen gemeinsam bewirtschaftet und die daraus resultierenden Streitigkeiten wurden bald zur Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Anwälten, die sich in der Gegend niederließen. So kam es, dass am Ende der Monarchie das Bezirksgericht in Drohobitsch wegen der vielen Prozesse rund um die Ölförderung das größte der ganzen Monarchie war.

Die Arbeitsbedingungen auf den Ölfeldern können nur mit Worten wie abenteuerlich oder lebensgefährlich beschrieben werden. Man trieb enge Löcher in den Boden und sicherte deren Wände oft nur mit einem dünnen Weidengeflecht ab. Männer wurden mit einem Bein in einem Kübel abgeseilt, um das Öl abzuschöpfen oder das sogenannte Erdwachs, ein Nebenprodukt des Erdöls, von den Schachtwänden abzukratzen.

Gefährliche Arbeit#

Unfälle waren an der Tagesordnung und gingen oft tödlich aus. Ein Menschenleben war in dieser bitterarmen Gegend wenig wert und so gibt es zahlreiche Berichte über zu Tode gekommene Arbeiter, die einfach in aufgelassene Schächte geworfen wurden und deren Spuren sich für immer verloren. Bald sahen sich die Behörden zum Einschreiten gezwungen, was aber höhere Kosten für die Eigentümer der Ölgruben mit sich brachte. Der Besuch der Grubeninspektoren wurde von den Ölbaronen daher nicht gerne gesehen und musste oft unter Polizeischutz stattfinden.

Der rasche Aufstieg der Region hatte natürlich auch Auswirkungen auf ihre Einwohner. Mancher kam durch einen Ölfund zu unerwartetem und immensem Reichtum, statt wie bisher in einer Baracke zu hausen, wohnte man nun in einer Villa. Aber nur den wenigsten ging es so gut: Rund um Drohobitsch entstanden Elendsquartiere für die Arbeiter.

"Nirgends ist bei so schwerer, so gesundheitsschädlicher, ja lebensgefährlicher Arbeit der Lohn so niedrig und darum der Lebensunterhalt so elend", schrieb der Journalist Saul Landau, nachdem er das Erdölgebiet bereist hatte. Andere Journalisten nannten ihre Reportagen treffenderweise "Aus der galizischen Hölle", sie berichteten darin über "Dämpfe des Erdwachses und des Rohöls, die förmlich den Atem abschnüren", und die "knochenbrechende, pausenlose Arbeit der Taglöhner".

Trotz dieser miserablen Bedingungen zogen der Boom und die Hoffnung auf raschen Reichtum weiter viele Menschen an, und der vorher so ruhige und landwirtschaftlich geprägte Ort Borislaw wuchs innerhalb kurzer Zeit von 500 auf 12.000 Einwohner. In den Jahren bis 1873 entstanden über 900 Unternehmen in der Ölbranche, die 12.000 Arbeiter beschäftigten. Die Einführung der amerikanischen Bohrtechnik mit Maschinen, die bis zu 200 Meter unter den Grund vordringen konnten, vergrößerte die Erträge. Der nächste Innovationsschub folgte, als die kanadische Stangenbohrmethode es möglich machte, Öl aus einer Tiefe von bis zu 1.000 Meter zu fördern. Die neuen Arbeitsweisen erforderten aber erhebliche Investitionen, und so bedeuteten sie auch das Ende vieler Klein- und Kleinstunternehmer - wenige große Unternehmen und Banken übernahmen nun die Kontrolle.

Die tiefen Bohrungen und die dadurch rasant steigenden Fördermengen hatten aber noch eine andere Folge: Es wurde nun dermaßen viel Öl gewonnen, dass man nicht wusste, wohin damit. Der überschüssige Rohstoff wurde auf die Felder der Umgebung geleitet und es geschah das, was wir heute Umweltkatastrophen nennen.

Zur Speicherung des geförderten Öls wurden Reservoirs - einfache Erdlöcher im Wald - angelegt, die das Öl nicht immer fassen konnten. Die Verschmutzung nahm bedrohliche Ausmaße an und konnte in manchen Situationen zu einer akuten Gefahr werden. So musste etwa im Juli 1908 eine Pionierabteilung der Armee ausrücken, weil ein besonders ergiebiges Bohrloch durch einen Blitzschlag in Brand geraten war. Zeitungen berichteten, dass eine 50 Meter hohe Flamme emporstieg, die Rauchsäule war aus "60 Wegstunden" Entfernung zu sehen. Schlimmeres konnte aber vermieden werden, weil der Einsatz der Armee verhinderte, dass sich das Öl in einen nahen Fluss ergoss und damit zu einer Gefahr für die flussabwärts liegenden Ortschaften wurde.

Häufige Brände#

Mit der Zunahme der Ölförderung unter kaum geregelten Bedingungen stieg auch die Wahrscheinlichkeit solcher Katastrophen. "Die Brände der Erdölschächte und der Reservoirs werden leider eine häufigere Erscheinung", bemerkte die Fachzeitschrift "Feuerwehr-Signale" und warnte, dass neben den wirtschaftlichen Schäden "auch der Verlust an Menschenleben bei solchen Bränden zu beklagen sein kann".

Zu seinen besten Zeiten stand Galizien gleich nach den Vereinigten Staaten und Russland auf der Liste der weltweit bedeutendsten Fördergebiete für Erdöl. Doch die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Erdölfunde wurden, vor allem durch die zersplitterte und unkoordinierte Förderung, nicht ausgeschöpft. Als kurz vor dem Ersten Weltkrieg die Motorisierung im großen Stil begann, hatte die Förderung bereits ihren Höhepunkt überschritten.

Nach dem Ausbruch des Krieges 1914 rollte die Front mehrmals durch die Erdölregion und brachte die Produktion zum Erliegen. Vier Jahre später brachte das Ende des Krieges nicht den erhofften Frieden mit sich, denn der darauffolgende Konflikt zwischen dem kurzlebigen Staat Westukraine und Polen führte zu weiteren Zerstörungen in der Gegend.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Region schließlich an die Sowjetunion und wurde nach deren Zerfall Teil der Ukraine. Die Reserven hatten über all diese Jahre stetig nachgelassen und die politischen Wirren trugen das Ihre dazu bei, dass die Förderung über die Jahrzehnte kontinuierlich sank. Heute wird zwar noch Öl in der Region gefördert, es sind aber nur noch fünf Prozent jener Menge, die zu den Boomzeiten ans Tageslicht gebracht wurden.

Christian Hütterer, geboren 1974, Studium Politikwissenschaft und Geschichte in Wien und Birmingham, schreibt Kulturporträts und Reportagen.

Wiener Zeitung, 9. Jänner 2021