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Einholung der k.u.k. Flagge#

Die Seemacht Österreich-Ungarn trennte sich am 31. Oktober 1918 von ihrer Flotte. Stunden später wurde das Schlachtschiff Viribus Unitis versenkt.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 5. August 2018

Von

Leo Leitner


Viribus Unitis
"Viribus Unitis" (mit vereinten Kräften) war die Devise von Kaiser Franz Josef.
Foto: © Archiv

Die Depesche, die am 30. Oktober 1918 um 20 Uhr beim Flottenkommandanten in Pola (Pula) eintraf, bestätigte das, was erwartet wurde: Österreich-Ungarn trennte sich von seiner Flotte.

Mit "Allerhöchstem Befehl" wurde verfügt, die Flotte, die Marineanstalten und sonstiges Marineeigentum dem südslawischen Nationalrat (Slowenen, Kroaten, Serben) in Agram (Zagreb) zu übergeben. Die Übergabe erfolgte am 31. Oktober 1918 durch Kontreadmiral Miklós Horthy de Nagybanya an die Delegierten des neuen Staates der Südslawen. Neuer Flottenkommandant wurde der bisherige Kommandant des Flaggenschiffes Viribus Unitis, Janko Vuković-Podkapelski. Symbolträchtig sollte das Flaggenschiff den Namen Jugoslavija erhalten.

Im Spätsommer 1918 war die Situation der k.u.k. Flotte in Pola nahezu trostlos geworden. Die Schiffe waren nicht mehr aktionsfähig; Kommandanten und Offiziere hatten keine Befehlsgewalt mehr; Matrosenräte hatten das Kommando übernommen. Radikale Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung - einige Monate zuvor konnte noch durch öffentliche Hinrichtung einiger Aufwiegler die Disziplin gesichert werden - waren inakzeptabel. Aufgrund der zunehmenden Abwanderung aus den Personalständen der Schiffe und diverser Aktivitäten der slawischen Besatzungen war die Übergabe an den südslawischen Nationalrat der einzige Weg zur Erhaltung der Flotte überhaupt.

Ein Versenken der Schiffe, um zu verhindern, dass sie vom Feind gekapert werden könnten, war in dieser Situation völlig ausgeschlossen. Nur die deutschen U-Boote konnten zur rechten Zeit ihre Heimreise antreten; fahruntüchtige Boote blieben zurück und wurden gesprengt.

Politische Neuordnung#

Weder das "Kaiserliche Manifest" vom 16. Oktober 1918, das freie Nationen in einen "Bundesstaat Österreich" einbinden wollte, noch der "Armee- und Flottenbefehl" des Kaisers vom 17. Oktober 1918 (". . . in euren Reihen haben Treue und Einigkeit alle Nationen untereinander und mit Mir stets unlösbar verbunden") vermochten an der kompromisslosen Rasanz der politischen und militärischen Umstürze und der sich abzeichnenden Neuordnungen irgendetwas zu ändern. Die Appelle des Obersten Befehlshabers wirkten sich eher noch verstärkend, beschleunigend auf diesen Prozess der Zerstörung des Alten und der Orientierung auf politische Neuordnung aus.

Die österreichisch-ungarische Kriegsmarine hatte bisher die ihr gestellten wichtigen Aufgaben in vorbildlicher Weise erfüllt: Unterstützung der Operationen des Landheeres, Schutz der binnen-adriatischen Verkehrs- und Handelswege, Bekämpfung eindringender feindlicher Schiffe. Nur die Versuche zum Ausbruch aus der "Verkorkung" der Adria blieben letzten Endes ohne Erfolg. Otranto (Blockade der Durchfahrt von der Adria in das Ionische Meer, Anm.) ist dafür ein Beispiel.

Am 15. Mai 1917 konnte eine von Linienschiffskapitän Horthy geführte kleine Eskader von Leichten Kreuzern und Zerstörern einen deutlichen Erfolg über einen wesentlich stärkeren Flottenverband der Alliierten erzielen. Die berüchtigte Otranto-Sperre, die sich über die 40 Seemeilen (rund 74 Kilometer) der Meerenge zog, erlitt schwere Schäden. Für die deutschen und österreichischen U-Boote war die Passage in das Mittelmeer nun wesentlich erleichtert, sie konnten sich erfolgreich in den Handelskrieg einschalten. Allerdings waren diese Aspekte nur wenige Wochen gegeben. Repariert und durchgehend verstärkt war die Sperre ein fast unüberwindbares Hindernis geworden. Außerdem wurde ihre Bewachung durch Kriegsschiffe (darunter auch solche aus Australien und Japan) ausgebaut.

An Bord der Viribus Unitis: Kaiser Karl I. beim Besuch der Marineeinheiten in Pola
An Bord der Viribus Unitis: Kaiser Karl I. beim Besuch der Marineeinheiten in Pola.
Aus: Wikicommons, unter PD

Die psychologische Wirkung des Sieges der k.u.k. Marine im Seegefecht von Otranto, dem einzigen größeren Gefecht in der Adria während des Ersten Weltkrieges, war außerordentlich stark, nicht nur bei den Mannschaften der Schiffe, sondern auch in der Heimat. Die Medien der Zeit feierten gebührend den im Kampf verwundeten "Seehelden von Otranto", dem eine solche Prägung nicht unwillkommen war.

Am 10. Dezember 1917 drang ein MAS in den Hafen von Triest ein und versenkte dort durch Torpedoschuss das ältere Schlachtschiff Wien. Die in der italienischen Marine hochentwickelte Technik des Motorenbaues war die Grundlage für die Entwicklung kleiner, aber sehr leistungsfähiger Bootstypen. Das MAS (motoscafo anti sommergibili - Motorboot gegen Unterseeboot) wurde zu jenem Typus von Kleinstbooten (Besatzung sechs bis acht Personen), das wie ein Jäger aus versteckter Position auf die Beute lauerte. Oder wie ein Zwerg, der durch seine Unsichtbarkeit und Schnelligkeit gegen Riesen kämpft (David gegen Goliath). Ein solches MAS führte denn auch den schwersten Schlag gegen die Flotte Österreich-Ungarns.

Mit geballtem Einsatz der gesamten Flotte wollte Kontreadmiral Horthy, seit März 1918 Flottenkommandant, noch einmal einen Vorstoß gegen die Sperre von Otranto wagen. In zwei Staffeln formiert, mit je zwei Dreadnoughts (Großkampfschiff, Anm.) als Kernstücke des Angriffs, sollte zugeschlagen werden. Als "dashing spirit" bezeichneten seine Gegner diesen Führungsstil, worin auch Horthys große Popularität als Seeheld begründet ist. Angriff und Sieg waren sein Ziel, wofür er entsprechende Medienwirksamkeit anstrebte. Eine größere Gruppe von Kriegsberichterstattern (darunter der berühmte "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch) und Kameraleuten wurde auf der Tegethoff eingesetzt, um den Verlauf des bevorstehenden Gefechts zu dokumentieren.

Rückholung der Riesen#

Bei Szent István traten nach relativ kurzer Fahrt Probleme mit dem warmgelaufenen Lager einer Turbine auf, die eine drastische Verringerung der Marschgeschwindigkeit verlangten. Der vorgegebene Zeitplan konnte nicht eingehalten werden. Zur gleichen Zeit musste ein aus seinem Operationsfeld in der dalmatinischen Inselwelt zurückkehrendes MAS zwecks Behebung einer Havarie seine Fahrt unterbrechen. Jagdglück für das MAS, das seine Torpedos auf den Riesen abschoss und ihn tödlich verwundete: Nach einem fast drei Stunden dauernden Todeskampf versank Szent István.

Horthy unterbrach die Aktion; die Schiffe wurden in ihre Heimathäfen zurückgeschickt. Statt der erhofften Siegesmeldung entstand ein kurzer, vielfach ausgewerteter Film über den Untergang eines Schlachtschiffes. Die Mannschaften auf den Schiffen, die aus ihrer Lethargie herausgerissen werden sollten, verfielen in Depression. In Italien wurde der 10. Juni zur "Festa della marina".

Die Großkampfschiffe blieben ab nun auf ihren Liegeplätzen im Hafen von Pola; an ihrer Inaktivität hatte sich praktisch nichts geändert. Kreuzer, Zerstörer, Torpedoboote und U-Boote versahen weiterhin ihren Dienst, wenn auch deutlich eingeschränkt.

Am 31. Oktober nahm Kontreadmiral Horthy nach einer kurzen Ansprache an die Besatzung der Viribus Unitis von Schiff und Mannschaft Abschied. In dem Augenblick, da er sein Admiralsschiff verlassen hatte und, mit seiner Ehrenflagge unterm Arm, Land betrat, wurde die Flagge des neuen Staates der Slowenen, Kroaten und Serben auf dem Schiff gehisst. Eine Inszenierung, in der sich Untergang und Neubeginn vereinen sollten!

Im Hafen und in der Stadt herrschte ein emotionales Gemisch von Jubel und tiefster Niedergeschlagenheit. Die neue maritime Konstruktion sollte nur von kurzer Dauer sein.

Gegen 22 Uhr stiegen zwei Männer in Gummianzügen aus einem Motorboot in die See; auf einem Gleitgerät führten sie die Haftminen, die sie an der Bordwand der Viribus Unitis anbringen sollten, mit sich. Es waren geübte Kampfschwimmer der italienischen Marine, die durch mehrere Wochen ein hartes Training im Canal Grande von Venedig absolviert hatten. Um 4 Uhr früh erreichten sie die Liegeplätze der Dreadnoughts Prinz Eugen und Tegetthoff; die Viribus Unitis lag am Ende der Reihe.

Sie hatten bereits die Minen mit höllischer Zerstörungskraft fixiert und aktiviert, als sie auf ihrem Rückweg vom Licht eines Suchscheinwerfers erfasst wurden. Die Schwimmer wurden aus dem Wasser geholt und an Bord des Schlachtschiffes Viribus Unitis gebracht. Erst im Gespräch mit dem Schiffskommandanten, den sie über ihre Aktion informierten und dringend zur Räumung des Schiffes aufforderten, erfuhren sie von der geänderten Situation. Panik brach unter den noch an Bord befindlichen Matrosen aus. Viele konnten sich retten, darunter auch die italienischen Kampfschwimmer.

Ende der Viribus Unitis#

Punkt 6.30 Uhr explodierten die Minen; innerhalb einer knappen Viertelstunde versank das Schiff. Kapitän Vuković war an Bord geblieben. Auch 400 Seeleute fanden den Tod. Nach der Versenkung der Viribus Unitis kam es in der Stadt zu wilden Demonstrationen, die auch zu handgreiflichen Ausschreitungen gegen Österreicher führten, da ihnen die Schuld an der Vernichtung des großen Schiffes angelastet wurde.

Die Boote der Donauflottille wurden in Budapest zusammengezogen. Einige Monitore (Schiffstyp, Anm.) hatten zwischen April und September 1918 nach der gewaltigen maritimen Leistung einer Fahrt von der Donaumündung über das Schwarze Meer nach Odessa anstrengende Sicherungsfahrten für die Landarmee auf den Flüssen Dnjepr, Dnjestr und Bug unternommen. Interessant ist, dass ein Monitor im April 1945 im Verband der Roten Armee auf der Donau bis nach Wien kam.

Bei der endgültigen Aufteilung der österreichisch-ungarischen Flotte im November 1918 zerplatzte die trügerische Hoffnung der Südslawen, in den Besitz der größeren Schiffe zu gelangen; sie erhielten mehrere Torpedoboote und einige Monitore. Der große Rest wurde unter den Siegern verteilt.

Miklós Horthy, am 1. November 1918 zum Vizeadmiral befördert, hat in seinen letzten Gesprächen mit Kaiser Karl in Schönbrunn seine bedingungslose Loyalität zum jungen Monarchen wie auch seine Entschlossenheit betont, für diesen den Thron des Königs von Ungarn wieder zu gewinnen. Die ungarische Wirklichkeit hat diesen Schwur allerdings aufgeweicht und den Mann, der weiterhin gerne die Uniform eines österreichisch-ungarischen Vizeadmirals trug, zum Feind des Habsburgers gemacht.

Korvettenkapitän Georg von Trapp, der letzte Kommandant der U-Boot-Station in Cattaro (Kotor), hat am 1. November 1918 zum letzten Mal die k.u.k. Flagge persönlich gehisst und sie nach dem letzten Flaggenschuss eingeholt.

Information#

Leo Leitner, Sektionschef i. R., leitete von 1970 bis 1992 die Allgemeine Pädagogische Sektion im Unterrichtsministerium.

Wiener Zeitung, 5. August 2018