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DER KAMPF DER ZAHLEN#

Wilfried Daim

Schon um das Jahr 400 n.Chr. tauchte die Zahl 0 und der Stellenwert in indischen Schriften auf. 733 kam ein indischer Astronom namens Kaukal an den Hof des Kalifen al-Manßur (754-775) im Bagdad. Von da aus breitet sich der Stellenwert rasch unter den Arabern aus. Im 10. Jahrhundert kommt der Stellenwert zum ersten Mal ins "christliche Abendland". Und dann beginnt ein erbitterter Kampf zwishen den konservativen "Abanisten", den Anhängern des Rechenbrettes und des römischen Rechensystems und den progressiven "Alogrithmikern", den Vertretern des arabischen Ziffernrechnens. Dieser Kampf dauerte Jahrhunderte, in denen es den Konservativen gelang, den Fortschritt zu bremsen. Ihre Argumente erhielten sich bis heute, werden jedoch auf andere Gegenstände bezogen. Wie sich die Bilder gleichen, zeigen die folgenden Ausführungen aus dem Buch von Sigrid Hunke "Allahs Sonne über dem Abendland - Unser arabisches Erbe", Stuttgart 1960 (S. 63 bis 68, Hervorhebungen von mir W.D). "Zuerst in Italien, dann mit der im ganzen Europa bald als Vorbild geltenden italienischen Buchführung hält die von Reisenden gerühmte Kunst in den Handelshäusern und Kaufmannsstuben jenseits der Alpen ihren Einzug. Oft nur zögernd und mit Misstrauen betrachtet, denn wie einfach lässt sich eine 0 in eine 6 ändern oder eine Ziffer zu einer Zahl hinzufügen ! Kann nicht jedermann leicht einen Wechsel auf solche Weise fälschen ? Sind dem Betrug nicht Tür und Tor geöffnet ? Freilich, für die Kaufleute ist diese Rechenart nützlich. Aber muss das Abfassen von Verträgen mit den neumodischen Ziffern nicht verboten werden ?

Hie und da behaupten sie sich schon. An kirchlichen und weltlichen Bauten nennen vier ungewöhnliche Zeichen das Erbauungsjahr. Auf Grabsteine werden sie gemeisselt, auf Münzen, auf Rechenpfennige der staatlichen und städtischen Rechnungsämter geprägt. In den Büchern verdrängen sie die wurmlangen alten Seitenzahlen, denn dass 998 knapper und übersichtlicher ist als DCCCCLXXXXVIII muss auch der Hartnäckigste einsehen - sofern er ihre "figur und bedeutnus" kennt!" Aber bis sie sich gegen die römische Zahlschrift durchsetzen, vergehen Jahrhunderte. Ein langer erbitterter Kampf entbrennt zwischen den alteingesessenen Zahlen und den Eindringlingen. Die römische Zahlschrift war die "amtliche" gewesen, so lange man denken konnte. Die römische Besätzungsarmee und römische Händler hatten auf ihren Denkmälern und Münzen den Germanen den ersten Anschauungsunterricht erteilt. Mit den Klöstern waren sie erneut über die Alpen gelangt und hatten sich an die Stelle der einfacheren, aber in dem System der Reihung und Bündelung wesensverwandten Volkszahlen gesetzt. Wo Zahlenwerte nicht, wie es am häufigsten geschah, wörtlich ausgeschrieben wurden, hatte sich die römische Zahlschrift eingebürgert, so dass sie gar nicht mehr als fremde Anleihe empfunden wurde. Ja, das Bewusstsein, dass die alteingewurzelten Kräutchen nicht im eigenen Garten gewachsen waren, war den Deutschen so völlig abhanden gekommen, dass sie die römische Zahl als "gemein Teütsch zale" wütend gegen die "Zyffernzale" verteidigten.

Es war schon schwer genug, die zehn merkwürdigen Zifferngestalten schreiben zu lernen und sich einzuprägen. Zur Gedächtnisstütze diente ein Vers, der lateinische und deutsche Wörter wild durcheinanderwürfelnd, die damalige Ziffernform durch Bilder veranschaulichte : Die Eins gibt dir das Zünglein, die Krücke die Zwei, der Sauschwanz die Drei, die Wurst gibt dir die Vier, der Reffstab die Fünf, das Horn des Widders die Sechs, das Gesperr bezeichnet die Sieben, die Kette die Acht, der Kolben die Neun. Das Ringlein mit dem Zünglein bezeichnet die Zehn, Wenn das Zünglein fehlt, bedeutet das Ringlein nichts.

Doch mit dem Auswendiglernen und Schreibenkönnen war es ja nicht getan. Die Ziffern konnten nicht einfach die römischen Zahlen ersetzen. Wer mit ihnen umgehen wollte, musste gänzlich umdenken! Denn hatte er vordem nur mit Rangschwellen - IVXLCDM - und ihren Kombinationen zu tun gehabt, so standen ihm jetzt nur Einer zur Verfügung, die allein durch ihre Stellung ihren Wert verzehnfachen, verhundertfachen konnten. Aber in den Köpfen wirbelt bisweilen alles noch kunterbunt durcheinander. Da mischt einer alte Zahlen mit neuen und Stellenwert mit römischer Aneinanderreihung und schreibt die Jahreszahl 1482 als MCCCC8II. Die Jahreszahl 1515 erscheint als 15X5 und 1504 gar als 15IIII.

Der Verfasser einer Handschrift aus dem Jahre 1220 hat von dem System des Stellenwerts schon etwas läuten hören und versucht, es auf die römischen Zahlen anzuwenden; aber gänzlich kann er von der römischen Reihung doch nicht lassen, und so schreibt er die Zahl 2814 als II.DCCC.XIIII.

Ja, die Stellenschrift konnte man sich noch gefallen lassen, aber die "gewenlich teutsch zal"- für solch fremdmodisches Zeug aufzugeben, das mochten die Affen aller Neuheit tun. So schrieb denn jemand an eine Kirche für die Jahreszahl 1505- indem er verschämt an Stelle der nicht gesprochenen und wohl auch gar nicht verstandenen Null das kleine Zeichen für 100 einfügte: IV2V.

Denn dieses Teufelszeichen, die 0, war ein weiteres Hemmnis für das Verständnis der Ziffernschrift. Musste diese 'Zyffer", die "nichts" war und doch die Macht besaß, Einfaches zu verzehnfachen, verhundertfachen, vertausendfachen, nicht etwas Unheimliches, zumindest Unbegreifliches sein?

Gut, sie war eine Zahl, und doch war sie keine. "Wie die Puppe ein Adler sein wollte, der Esel ein Löwe, die Äffin eine Königin", so spottete ein Franzose noch in 15. Jahrhundert, "so wollte die cifra eine Zahl sein !" Auf Jeden Fall, so meint ein deutscher Schriftsteller, ist sie eine Zahl "außerhalb" der neun anderen -"wirt genannt nulla - 0 -, die nichts für sich, selbs bedeutet, aber dye anderen bey ir mer bedeuten macht". Und zu allen hält sie sich auch noch stumm im Hintergrund und übt von dort aus ihre rätselhafte Macht - denn sie selbst wird nie-nals ausgesprochen. Und überhaupt diese Null, die es vorher gar nicht gegeben hatte, die plötzlich da ist und eine so wichtige Rolle spielen will ! Verdächtig ist sie, anderen ein Spott, auf jeden Fall nicht geheuer. Sogar zu metaphysischen Spekulationen regt ihre zwielichtige Existenz an. In der in Kloster Salem aufgefundenen lateinischen Übersetzung von al-Chwarismis Rechenbuch aus der Zeit um 1200 hat der Schreiber sich seine eigenen Gedanken über sie gemacht: "Jede Zahl entsteht aus der Eins, diese aber aus der Null", urteilt er logisch und rechnerisch nicht richtig, um dann fortzufahren: "Zu wissen ist, dass in ihr ein großes Heiligtum liegt, durch das, was ohne Anfang und ohne Ende ist, wird ER versinnbildlicht; und wie die Null sich weder vermehrt noch vermindert, so erhält ER weder Zufluss noch Abgang. Und wie sie alle Zahlen verzehnfacht, so verzehnfacht ER nicht nur, sondern vertausendfacht, ja, dass ich richtig sage, ER schafft alles aus dem Nichts, erhält es und lenkt es."

Die einen machen noch lange einen großen Bogen um sie herum. Mit CC2 versuchen sie die Null in 202 zu umgehen. Sebastian Frank behilft sich bei der 300, indem er die römische III vor der Hunderter-Rangschwelle setzt, mit IIIC. Dieser Ausweg ist uns nicht unbekannt: es ist derselbe, den die Chinesen beschritten, weil sie keinen Begriff von der Null hatten.

Andere befreunden sich mit der Null sogar schneller als mit ihren eitleren Schwestern. Die zähen Anhänger des Althergebrachten, die sich immerhin in der modernen Stellenschrift versuchen wollten, stellen dies fremde Zahlenkind unbekümmert zwischen die ihnen vertrauten römischen Zahlen. Dabei kommt es zu so kuriosen Zwittergebilden, vor denen ein Römer ratlos gestanden wäre, wie IVOII für 1502 und für 1089 IOVIIIIX.

Fast will es angesichts aller Widerstände und Mißverständnisse wie ein Wunder erscheinen, dass die arabischen Ziffern den Kampf gegen die "düdesche tal" so überlegen gewinnen konnten. Wenn anfangs die arabischen Ziffern von dunklen Geheimnissen umgeben sind und noch dem einfachen Gemüt der Trödlerin Unbehagen einflößen, so mutet das abgelegte Gerümpel der römischen Zahlschrift die Späteren nun schon wie Zauberwerk an. Ja, beißender Spott ergießt sich jetzt über jene "gelehrten Männer, die heute noch lächerliche Rechensteine setzen und, nachdem längst anständige Mahlzeiten erfunden sind, sich von Eicheln nähren." Die "arabischen Ziffern" haben das Abendland erobert und ihre tragende Rolle in Naturwissenschaft, Technik, Wirtschaft und Verkehr sämtlicher Kulturvölker der Erde für alle Zeiten übernommen. Auf die Dauer läßt sich der Geist also doch nicht auslöschen.

Quelle: Kontakt, 9/10 1969 (Zeitschrift der K.Ö.St.V. Rudolfina)