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Der Piefke#

Militärmusiker Johann Gottfried Piefke verkörperte alle Klischees des Preußentums.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 17. Oktober 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Die Schlacht bei Königgrätz endete mit einem Sieg der Preußen. Als sie in Wien paradierten, führte Johann Gottfried Piefke die Militärmusik an. Georg Bleibtreu (1828–1892), Foto: Name. Aus: Wikicommons
Die Schlacht bei Königgrätz endete mit einem Sieg der Preußen. Als sie in Wien paradierten, führte Johann Gottfried Piefke die Militärmusik an. Georg Bleibtreu (1828–1892)
Foto: Name. Aus: Wikicommons, unter PD

"Dadatrimtata datadada Dadatrrimtata datradada - schaut’s, Kinda, do kumman s’, de Piefke!"

Ja, sicher, das könnte heute irgendwo in Österreich sein, die Gfrastl Mitzi könnt’ es sagen im Moment, da Hans Ulrich Schwiemel mit Familie in ihrer Pension eintrifft, um Urlaub im schönen Kaffnitz am Wald zu machen. Doch eher hat den Satz die Rosi Muhr gesagt, damals, am 31. Juli 1866, als die Preußische Armee auf dem Marchfeld bei Gänserndorf eine große Parade abhielt. Da also marschierte Johann Gottfried Piefke an der Spitze des Musikcorps und neben ihm sein Bruder Rudolf, 1,90 Meter groß, in betont aufrechter Haltung wie das ganze preußische Heer: der Schritt wie als Ballett einstudiert, eine gewaltige Maschine aus Menschen.

Der Militärmusiker dirigiert mit dem Degen#

Das war ihnen neu, den Wienern. Das machte Eindruck. Die Piefkes - ein Schimpfwort? Ach was, Bewunderung war es!

Nun gut, die Schlacht bei Königgrätz: Verloren, wie beinahe alle Schlachten und alle Kriege des Hauses Habsburg-Lothringen. Es gab gute Gründe, weshalb man, solange es ging, lieber auf Heiratspolitik setzte als auf Strategie.

Aber die Preußen waren ja auch unfair gewesen. Das Zündnadelgewehr einzusetzen! So was macht man nicht in einem anständigen Krieg. Das war kein schöner Sieg, das war, flüstern wir’s unter vorgehaltener Hand, ein durch überlegene Technik ergaunerter Triumph.

Ganz von der Hand weisen kann man das nicht. Schon gar nicht in einer Zeit, als noch die ritterliche Kriegsführung in den Köpfen der Menschen war, der anständige Kampf, bei dem die Ehre eine große Rolle spielte, und welche Ehre hat schon einer, der solch einen Kampf nur dank der Waffentechnik gewinnt? Nur, dass halt das österreichische Heer eine Chance gehabt hätte, wäre es nicht finanziell und personell ausgehungert und in Sachen präziser Befehlsausführung nicht zu nachlässig gewesen. Die Bewunderung der Österreicher für die Preußische Armee kam nicht von ungefähr.

Und für dieses Heer stand jener Johann Gottfried Piefke, der am 9. September seinen - ja, was nun? - feiert. So ganz klar ist das nämlich nicht. Einige Quellen geben den 9. September 1815 als Geburtsdatum an, andere den 9. September 1817. Halten wir uns an letztgenannte, ist es der 200. Geburtstag jenes Mannes, der den Österreichern ihr liebstes xenophobes Schimpfwort beschert hat.

Über Piefke selbst gibt es gar nicht viel zu berichten. Geboren in Schwerin, macht er eine richtige Militärmusikerkarriere. Am 23. Juni 1859 erhält er den Titel Königlicher Musikdirektor und am 20. März 1865 den eigens für ihn geschaffenen und ausführlichen Titel "Director der gesamten Musikchöre des III. Armeekorps durch Wilhelm I." Draufgängertum wird ihm nachgesagt, bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen soll er das Signal zum Angriff mit dem Degen dirigiert haben. Man kann von Glück sagen, dass sich bei den Dirigenten doch eher der Taktstock aus Holz durchgesetzt hat.

Fanden die Schlachten jener Zeit tatsächlich zu Musikbegleitung statt? - Tatsächlich: Irgendwie musste man ja den Soldaten die Kommandos vermitteln. Die menschliche Stimme trägt im offenen Feld nicht weit genug, und der Lärm der Schlacht mit dem Knallen der Gewehre, dem Krachen der Kanonen und den Schreien der Verwundeten ist ein Inferno der Geräusche, in dem sich allein Blasinstrumente behaupten. Ihnen waren die Kommandos anvertraut. Dass die Musik dadurch ihre Unschuld verlor, kümmerte allenfalls Ästheten und Philosophen, deren Stimmen in allen Kriegen ohnedies immer ungehört bleiben.

Johann Gottfried Piefke
Johann Gottfried Piefke war für die Wiener die Verkörperung des Preußentums.
Quelle: Wiener Zeitung

Piefke jedenfalls nimmt dann 1866 am Krieg zwischen Preußen und Österreich teil, den Preußen durch den Sieg von Königgrätz für sich entscheidet. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erkrankt er während der Belagerung von Metz. Nach seiner Gesundung kehrt er zur Truppe zurück, bald aber nimmt er den Abschied und widmet sich seinen Konzerten mit klassischer Musik, die er in Frankfurt und auf Konzertreisen dirigiert. Am 25. Januar 1884 stirbt Piefke im Alter von 68 Jahren in Frankfurt an der Oder.

Der Klang verbindet alle Klischees#

Nirgendwo freilich wird Piefkes Name öfter genannt als in Österreich, wenngleich man damit kaum je den preußischen Militärkapellmeister meint. Es liegt zweifellos am Klang dieses Namens. Die -ke-Endung deutet im Land der -el- und -erl-Endungen auf genau jene Ungemütlichkeit, die man den Deutschen nachsagt. In Franke, Schunke oder Lincke spiegelt sich doch förmlich der Stechschritt, während ein Beidl, ein Schrammel oder ein Wunderl beim Heurigen in Nussdorf "Mei Muatterl woar a Weanarin" anzustimmen scheinen.

Piefke - der Klang dieses Wortes scheint alle Klischees in sich zu vereinigen, die der Österreicher den Deutschen andichtet. Zum Beispiel: Klingt Piefke nach Humor? Nach dem sehr wienerischen Verharren im Ungefähren, wie es sich äußert in "schau ma amoe" oder "glei" in der Bedeutung von "am Tag nach St. Nimmerlein"? Die Bayern nennen unsere "Piefkes" "Saupreißn" - das ist einfach nur eine Kombination aus Schimpfwort und Herkunftsbezeichnung und hat eigentlich, ganz unbayerisch, gar keinen Charme. Während Piefke...

Im Grunde ist diese Bezeichnung eine ewige Kapitulationserklärung, eine Erinnerung an Königgrätz. Und der Schmäh macht aus dem speziell Wiener Weltunterlegenheitsgefühl ein Schimpfwort für die Siegertypen. Der eine geht auf seinen Zenträu, der andere marschiert im preußischen Paradeschritt. Und, ganz ehrlich: Füreinander hegen sie selbst dann Bewunderung, wenn sie es am wenigsten zugeben mögen.

Übrigens hat es zwei Fernsehskandale wegen der "Piefkes" gesetzt: Den ersten produzierte Joachim Fuchsberger in der ARD-Show "Auf Los geht’s los", als 1982 ein Großteil des Studiopublikums bekannte, Deutsche als Piefkes zu bezeichnen. Den zweiten gab es mit der ORF-Serie "Die Piefke-Saga", geschrieben von Felix Mitterer. Dabei war die ohnedies selbstironisch gemeint und zeigte auf hohem satirischen Niveau, dass die einen nicht von den anderen lassen mögen. Wie es ja der Wirklichkeit entspricht. Daran ändert kein Schimpfwort irgendetwas.

Nur eines sei noch angemerkt: Piefke komponierte unter anderem den Marsch "Preußens Gloria". Verglichen mit dem "Radetzky-Marsch" ist er bestenfalls ein Märschlein. Da nützt kein Zündnadelgewehr: Bei der Marschmusik waren wir besser als der Piefke...

Wiener Zeitung, Dienstag, 17. Oktober 2017