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Das Ende zweier Weltmächte#

Im Zuge der Suezkrise landeten im Oktober 1956 britische und französische Soldaten in Ägypten. Das Resultat war ein militärischer Erfolg, aber ein politisches Fiasko.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 22. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Hütterer


Herbst 1956. Nur elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spitzt sich die internationale Lage zu, ein neuer Krieg droht. In Europa erheben sich die Ungarn gegen die sowjetische Besatzung (siehe Artikel). Zugleich steigen die Spannungen im Nahen Osten, der für den weltweiten Schiffsverkehr so wichtige Suezkanal steht im Mittelpunkt eines sich anbahnenden Konflikts.

Aber blicken wir zurück: nach zehnjähriger Bauzeit wurde 1869 mit großem Pomp der Suezkanal eröffnet. Der Seeweg zwischen Europa und Asien verkürzte sich mit einem Schlag um 7000 Kilometer - und eine europäische Großmacht war besonders an dieser neuen Schifffahrtsroute interessiert: nämlich Großbritannien.

Für die Briten war der Kanal wegen der Kolonien in Indien von großer Bedeutung - und so setzten sie viel daran, die Kontrolle über diesen Transportweg zu erlangen. 1882 war es soweit: Großbritannien konnte Ägypten besetzen und beherrschte damit auch den Suezkanal. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ägypten zwar ein unabhängiges Königreich, Großbritannien durfte allerdings weiterhin Truppen entlang des Suezkanals stationieren.

Abzug bis 1956#

Der ägyptische Widerstand gegen die britische Präsenz im Land wuchs aber stetig und so musste Großbritannien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen Vertrag schließen, der den Abzug seiner Truppen bis zum Jahr 1956 vorsah. Doch das Militär putschte in Kairo, stürzte König Faruk und in der Folge übernahm General Gamal Abdel Nasser die Macht am Nil. Er schloss sich der Bewegung der Blockfreien an, wollte die Polarität des Kalten Krieges nutzen und den Osten gegen den Westen ausspielen.

Nassers Prestigeprojekt war die Vergrößerung des Staudammes von Assuan; dadurch sollte die Wirtschaft gefördert und Ägypten von Nahrungsimporten unabhängig gemacht werden. Aber weder die Vereinigten Staaten noch Großbritannien gewährten die dafür notwendigen Kredite, und so entschloss sich Nasser zu einem radikalen Schritt - und verstaatlichte den Suezkanal. Die Gebühren für die Durchfahrt sollten nun nicht mehr den überwiegend britischen und französischen Aktionären, sondern dem ägyptischen Staat zugutekommen und den Ausbau des Staudammes in Assuan sicherstellen.

Mit einem Schlag hatte sich Nasser die Feindschaft Großbritanniens und Frankreichs zugezogen. Die beiden europäischen Großmächte sahen durch die Verstaatlichung ihre wirtschaftlichen, aber auch politischen Interessen gefährdet. London fürchtete um die Freiheit der Schifffahrt und um seinen Einfluss im ölreichen Nahen Osten. Paris betrachtete Nasser aus einem ganz anderen Grund als einen großen politischen Gegner: der Ägypter unterstützte nämlich den Aufstand der Algerier gegen Frankreich und bot den Rebellen in Kairo eine Rückzugsmöglichkeit.

Es gab aber noch einen weiteren Staat, der über die Politik Nassers sehr besorgt war: Israel. Ägypten rüstete zu dieser Zeit massiv auf und erlaubte Palästinensern, sein Staatsgebiet für Angriffe auf Israel zu nutzen. Ein Bündnis zwischen Großbritan- nien, Frankreich und Israel gegen Ägypten schien also naheliegend. Nasser sollte durch eine militärische Intervention in seine Schranken gewiesen werden. Die Sicherheit Israels wäre dadurch wieder hergestellt - und die beiden europäischen Staaten könnten mit solch einem Eingriff ihren Status als Großmächte festigen.

Bald darauf begannen Verhandlungen zwischen den drei Staaten, und dabei wurde folgendes Szenario entworfen: Israel sollte am Sinai angreifen und in Ägypten eindringen. Großbritannien und Frankreich würden danach beide Kriegsparteien auffordern, die Kämpfe zu beenden und zur Sicherung des Waffenstillstandes Truppen entlang des Suezkanals stationieren, um die israelische und ägyptische Armee voneinander zu trennen. Der Kanal wäre damit wieder unter europäischer Kontrolle.

Zeitgleich mit diesen Planungen wurde auch die Öffentlichkeit auf einen militärischen Einsatz eingestimmt. Nasser wurde von britischen und französischen Politikern mit Hitler und Mussolini verglichen, dem nur mit einem entschlossenen Vorgehen entgegengetreten werden könne. Auch die internationale Konstellation im Herbst 1956 erschien den Briten und Franzosen besonders günstig, um im Nahen Osten zu intervenieren. In den USA sollten Anfang November Präsidentschaftswahlen stattfinden und in London und Paris ging man davon aus, dass Washington während des Wahlkampfes mit sich selbst beschäftigt sein würde. Zur gleichen Zeit musste die Sowjetunion die eigene Herrschaft in Ungarn sichern und so erwartete man auch von dieser Seite keine vehementen Reaktionen. Schließlich unterzeichneten Großbritannien, Frankreich und Israel im Pariser Vorort Sèvres ein Protokoll, in dem der detaillierte Ablauf der Kämpfe festgehalten wurde.

Beginn des Angriffs#

Am 29. Oktober 1956 war es soweit, der Angriff auf Ägypten begann. Israelische Truppen drangen auf die Halbinsel Sinai vor. Wie geplant riefen Großbritan-nien und Frankreich die beiden Konfliktparteien auf, die Kämpfe einzustellen und eine zehn Meilen breite Zone zu beiden Seiten des Kanals freizumachen, in der britische und französische Truppen stationiert werden sollten.

Israel hatte bis dahin noch nicht einmal den Suezkanal erreicht und hätte demnach sogar noch weiter vorrücken dürfen. Ganz anders sah dieses Ultimatum für Nasser aus, denn er hätte Teile seines eigenen Staatsgebietes preisgeben müssen. Er konnte daher auf diesen Vorschlag nicht eingehen und gab damit den beiden europäischen Mächten den erwarteten Vorwand für ihre Intervention.

Bis dahin lief alles nach den Vorstellungen der drei Verbündeten. Aber Großbritannien und Frankreich waren mit ihrer Einschätzung der internationalen Lage völlig falsch gelegen. Der amerikanische Präsident Eisenhower musste in den Medien von den aktuellen Entwicklungen lesen und fühlte sich von seinen engsten Verbündeten hintergangen.

Entgegen aller Erwartungen rief er im Sinne Ägyptens die Vereinten Nationen an, noch dazu stellten die Vereinigten Staaten die Finanzhilfe an Israel ein und setzten auch London finanziell unter massiven Druck. Sollten die Kämpfe nicht beendet werden, so würde Washington seine Finanzreserven in britischen Pfund veräußern, was wiederum zu einem massiven Sturz der britischen Währung führen würde.

Trotz dieser unerwarteten Reaktionen blieben die Verbündeten beim geplanten Vorgehen: Britische Flugzeuge bombardierten Positionen in Ägypten, und bald darauf landeten die ersten Bodentruppen bei Port Said. Die Ägypter hatten den weit besser ausgerüsteten britischen und französischen Soldaten wenig entgegenzusetzen - und binnen kurzer Zeit war der Suezkanal unter europäischer Kontrolle. Militärisch war der Konflikt damit entschieden, politisch bahnte sich aber eine Niederlage an.

In der Zwischenzeit hatten die USA und die Sowjetunion gemeinsam dafür gesorgt, dass die UNO den Angriff auf Ägypten verur-teilte. Der sowjetische Ministerpräsident Bulganin warnte seine Amtskollegen in London und Paris, dass der Konflikt im Nahen Osten zu einem Weltkrieg werden könnte, und drohte sogar mit dem Einsatz von Atomwaffen, sollte die Intervention im Ägypten nicht beendet werden.

Angesichts dieses enormen internationalen Drucks blieb den drei verbündeten Staaten keine andere Wahl, als den Rückzug anzutreten. Aus dem militärischen Erfolg war ein politisches Desaster, ja sogar eine veritable Demütigung geworden. Der Druck von außen sorgte auch dafür, dass das Abkommen zwischen den beiden europäischen Großmächten zerbrach. Die Regierung in London fürchtete, dass die angekündigten Wirtschaftssanktionen der Vereinigten Staaten Großbritannien in eine Krise stürzen würden und verkündete daher einseitig einen Waffenstillstand.

Dies verärgerte wiederum den französischen Premierminister Mollet. Er wollte Nasser unbedingt stürzen, konnte den Krieg aber nicht ohne seinen Verbündeten fortsetzen und musste daher ebenfalls befehlen, die Kampfhandlungen einzustellen. Nur ein Monat später waren alle britischen und französischen Soldaten aus Ägypten abgezogen.

Was blieb von diesen Tagen, die die Welt erschütterten? Großbritannien und Frankreich waren zwar als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, das Jahr 1945 war aber zugleich der Beginn des Niedergangs der zwei Großmächte. Beide mussten große Teile ihres Kolonialreiches aufgeben - und zur Kenntnis nehmen, dass die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion nun die beiden Pole waren, an denen sich die Welt orientierte.

Neue Verhältnisse#

In der Krise im Nahen Osten hatten sowohl London wie auch Paris eine Möglichkeit gesehen, ihren Status wiederherzustellen, scheiterten dabei aber kläglich. Der britische Premierminister Eden musste nach diesem Fiasko zurücktreten - und Großbritannien hinnehmen, dass es seine Stellung als Weltmacht verloren hatte. Auch Frankreich musste akzeptieren, dass seine glorreichen Zeiten als Kolonialmacht vorüber waren, der lange und blutige Krieg in Algerien stand dem Land allerdings noch bevor.

Die Verhältnisse im Nahen Osten änderten sich mit dieser Episode grundlegend, denn nicht mehr London oder Paris, sondern Washington war nun die tonangebende Hauptstadt geworden. Is- rael richtete seine Außenpolitik dementsprechend aus und schmiedete ein enges Bündnis mit den Vereinigten Staaten.

Der große Profiteur der Krise war aber der ägyptische Präsident Nasser, denn er konnte die militärische Niederlage in einen politischen Sieg umwandeln. Sein Ansehen in der gesamten arabischen Öffentlichkeit stieg, weil er den europäischen Mächten erfolgreich die Stirn geboten hatte. Und noch etwas blieb: Auf dem Höhepunkt der Krise schlug der kanadische Außenminister Lester Pearson vor, dass die Vereinten Nationen Soldaten in die Krisenregion entsenden sollten, um die Einhaltung des Waffenstillstands zu überwachen. Pearson erhielt für seine Bemühungen zur Lösung des Konflikts den Friedensnobelpreis - und bis heute sind nach seiner Idee Soldaten der UNO an den Brennpunkten der Welt eingesetzt, um für Stabilität zu sorgen.

Christian Hütterer, geb. 1974, Studium der Politikwissenschaft und Geschichte in Wien und Birmingham, lebt und arbeitet in Brüssel.

Wiener Zeitung, Samstag, 22. Oktober 2016