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Friedrich Engels, der zweite Violinist des Marxismus#

Zum 200. Geburtstag des Theoretikers, der zum Klassenkampf aufrief - und ein Doppelleben führte, von dem auch Karl Marx profitierte.#


Von der Wiener Zeitung (29. November 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Nikolaus Halmer


Engels nach 1871
Engels nach 1871
Foto: unbekannt. Aus: Wikicommons, unter PD

"Jetzt, wo der Marxismus in voller Auflösung begriffen ist, wird man sich endlich ungestört mit ihm beschäftigen können", schrieb der französische Philosoph Jacques Derrida in seinem Buch "Marx’ Gespenster". Das Gespenst, auf das Derrida anspielte, ist der Marxismus; er geht wieder um in Europa. Der Marxismus sei nicht tot und - so Derrida - keineswegs eine anachronistische Erscheinung, sondern berge ein kritisches Potential. Dies sei umso wichtiger in einer Zeit, die von Ausbeutung, Verarmung und Arbeitslosigkeit breiter Schichten bestimmt werde. Anlässlich des 200. Geburtstages von Friedrich Engels ist es angebracht, an den "zweiten Violinisten" des Marxismus, wie er sich selbst bezeichnete, zu erinnern. Die längste Zeit stand er im Schatten des "Giganten Marx", den er uneigennützig und großzügig finanziell unterstützte.

Die Persönlichkeit von Engels zeichnet sich durch eine gewisse Ambivalenz aus: Einerseits rief er als marxistischer Theoretiker zum Klassenkampf auf, wirkte als politischer Agitator und sogar als Barrikadenkämpfer; andererseits war der Fabrikantensohn ein hedonistischer Bohemien mit Vorlieben für Champagner und Fuchsjagden, ein lebenszugewandter Mensch, der in der Jugend Duelle ausfocht, im Gesangsverein tätig war, an kulturellen Ereignissen teilnahm und leidenschaftlich Karten spielte. Engels’ Lebensfreude hielt bis ins hohe Alter an. Anlässlich seines 70. Geburtstages schrieb er in einem Brief, dass er sich mit den Gratulanten "bis in den frühen Morgen hinweggezecht habe".

Geboren wurde Friedrich Engels am 28. November 1820 als Sohn einer wohlhabenden Industriellenfamilie in Barmen, einem späteren Stadtteil von Wuppertal. Er besuchte das Gymnasium und wechselte auf Wunsch des Vaters in dessen Textilfirma. Die kaufmännische Ausbildung erhielt Engels in Bremen, wo er bereits als Jugendlicher ein Doppelleben führte - als pflichteifriger Lehrling und als Salonlöwe. Trotz seiner privilegierten Stellung als Fabrikantensohn interessierte sich Engels schon in frühen Jahren für ökonomische und soziale Probleme. Er kritisierte 1839 in den "Briefen aus dem Wuppertal" "das schreckliche Elend unter den Fabrikarbeitern".

Radikaler Kritiker#

Ab 1842 setzte Engels seine Ausbildung als Textilkaufmann in der väterlichen Fabrik in Manchester fort, wo er mit einem noch größeren Elend der Arbeiter konfrontiert wurde. Engels’ Engagement für die Arbeiterbewegung verstärkte sich durch Begegnungen mit Anhängern verschiedener revolutionärer Bewegungen. Von dem Sozialreformer Robert Owen übernahm er den Begriff der "sozialen Gerechtigkeit", der für seine Konzeption des Marxismus eine wichtige Rolle spielte. Die Empörung über das soziale Elend des Proletariats war das gemeinsame Fundament der theoretischen Arbeiten mit Marx. Eine erste kurze Begegnung erfolgte 1842 in Köln, wo Marx als Redakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung" arbeitete. Erst ein längerer Aufenthalt in Paris begründete die lebenslange Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden unterschiedlichen Theoretiker.

Karl Marx 1875
Karl Marx 1875
Foto: John Jabez Edwin Mayall (1813–1901). Aus: Wikicommons, unter PD

Gemeinsam mit Marx wurde Engels zum radikalen Kritiker der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die als Folge der industriellen Revolution eine gewaltige Produktivität entfaltet hatte, die aber nur wenigen zugutekam. Sie produzierte zwar Paläste für die Reichen, aber Höhlen für die Armen. In der 1845 publizierten Schrift "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" schilderte Engels detailliert die katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen des industriellen Proletariats. Seine persönlichen Eindrücke ergänzte er durch Zeitungsartikel und wissenschaftliche Publikationen.

Die Ausbeutung der Arbeiter stand an der Tagesordnung, ebenso die Kinderarbeit in den Kohlengruben: "Dort arbeiten Kinder, die meisten im Alter von etwa 8 Jahren. Sie werden gebraucht, um die Zugtüren, welche die verschiedenen Abteilungen des Bergwerks trennen, zu öffnen und zu schließen. Um diese Türen zu beaufsichtigen, mussten sie zwölf Stunden täglich einsam in einem dunklen, engen, feuchten Gang sitzen." Engels schilderte ebenfalls die desolaten Wohnverhältnisse: "Die Häuser sind bewohnt vom Keller bis hart unters Dach, schmutzig von außen bis innen (...) fast keine Fensterscheibe ist zu sehen, die Mauern bröckelig, die Türpfosten und Fensterrahmen zerbrochen und lose, die Türen von alten Brettern zusammengenagelt oder gar nicht vorhanden." Nach der Beschreibung von Engels waren ganze Straßen "mit Abfällen und Ausscheidungsstoffen bedeckt, dass sie aufgrund der Tiefe des Schlammes kaum passierbar und von einem unerträglichen Gestank erfüllt waren". Diese menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen sind keineswegs nur historische Momentaufnahmen sozialer Missstände im 19. Jahrhundert; sie sind auch gegenwärtig in Ländern des globalen Südens und in Flüchtlingslagern wie etwa auf Lesbos anzutreffen.

Titelblatt des im Februar 1848 in London erschienenen Manifest der Kommunistischen Partei.
Titelblatt des im Februar 1848 in London erschienenen Manifest der Kommunistischen Partei.
Aus: Wikicommons, unter PD

Engels’ Studie macht deutlich, warum Engels und Marx im "Kommunistischen Manifest" "zu einem gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung" aufriefen. Als Ziel bezeichnete Engels, die Lage der Deklassierten zu verbessern. Er war davon überzeugt, dass nur durch eine Revolution eine grundlegende Veränderung eintreten könnte - oder wie es im "Kommunistischen Manifest" heißt: "Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten; sie haben eine Welt zu gewinnen."

Barrikadenkämpfe#

Um dieses Ziel zu verwirklichen, war der erste Schritt das "Kommunistische Manifest", das Engels gemeinsam mit Karl Marx 1848 in London veröffentlichte. Darin warfen die beiden antikapitalistischen Theoretiker der Bourgeoisie vor, rücksichtslos der Kapitalakkumulation nachzugehen. Der Gelderwerb sei die Sonne, um die sich alles drehe, konstatierten sie; die Bourgeoisie kenne nichts als den schnellen Gelderwerb; die zerstörerische Logik des Privateigentums habe die Menschen zu Egoisten gemacht.

Um den Klassenkampf von der Theorie in die Praxis umzusetzen - gemäß der 13. Feuerbachthese von Marx: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern" -, beteiligte sich Engels 1849 an Barrikadenkämpfen im heimatlichen Elberfeld und am Badischen Aufstand. Er konnte der Verhaftung knapp entgehen und flüchtete über die Schweiz nach Manchester. Dort führte er sein Doppelleben in modifizierter Form fort: Er engagierte sich für die Arbeiterbewegung, gleichzeitig war er in der väterlichen Fabrik tätig und verdiente als Börsenmakler enorme Summen, mit denen er für den Lebensunterhalt von Marx und seiner Familie aufkam.

Nach dem Tod des Vaters verkaufte Engels seine Firmenanteile und übersiedelte nach London, wo er von den Zinsen seines beträchtlichen Vermögens leben konnte. In London verfasste Engels zahlreiche Beiträge für deutsche, englische und amerikanische Zeitschriften, in denen er gesellschaftspolitische und ökonomische Themen analysierte. Er übernahm das Sekretariat der "Ersten Internationalen" für Belgien, Dänemark, Portugal, Spanien und Italien, wobei ihm seine ausgedehnten Sprachkenntnisse nützlich waren.

In ihren Schriften und Zeitungsbeiträgen entfalteten Engels und Marx eine radikale Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Ermöglicht wurde diese fatale Entwicklung, die "die tiefste Erniedrigung der Menschheit bewirkte", durch das Privateigentum an Produktionsmitteln, das es den Eigentümern von Fabriken oder Betrieben ermöglichte, die Arbeiter auszubeuten. Die Proletarier, die keine eigenen Produktionsmittel besaßen, mussten ihre Arbeitskraft verkaufen; sie wurde zu einer käuflichen Ware unter anderen Waren gemacht, "deren Erzeugung und Vernichtung nur von der Nachfrage abhängt". Im Mittelpunkt stand nicht länger der Mensch mit seinen Bedürfnissen, sondern die möglichst effiziente Leistung eines anonymen Subjekts, das bloß zu funktionieren hatte. Der Arbeitsprozess entfremdet den Arbeiter von sich selbst: "Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich."

Marx-Engels-Denkmal nach der Versetzung an die Karl-Liebknecht-Straße
Marx-Engels-Denkmal nach der Versetzung an die Karl-Liebknecht-Straße.
Foto: Photogoddle. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 4.0

Marx und Engels gingen von einer Ablösung des Kapitalismus aus. Die wachsende Verarmung und Entfremdung der Arbeiterklasse würde so weit anwachsen - so lautete ihre Vorstellung -, dass eine Revolution des Proletariats unumgänglich sei. Aus diesem Elend könne sich das Proletariat nur durch eine sogenannte "Expropriation der Expropriateure" befreien - also durch die revolutionäre Übernahme des kapitalistischen Privateigentums. Diese umfassende Revolution würde die Entfremdung der Arbeiterklasse beenden, eine Umgestaltung der Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit mit sich bringen und "einen menschlichen Menschen" erschaffen.

Proletarische Frau#

Neben seinen marxistischen Schriften verfasste Engels Studien über den "Deutschen Bauernkrieg" und "Zur Geschichte des Urchristentums"; in beiden historischen Strömungen entdeckte er Elemente des Kommunismus. In dem Werk "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" finden sich Überlegungen zum Feminismus. Engels prangerte die patriarchalische bürgerliche Familie der Bourgeoisie an, in der die Frauen unterdrückt würden. Für ihn verkörperte die Frau das Proletariat, das sich der Herrschaft des bourgeoisen Mannes unterwerfen muss.

Seine vornehmliche Aufgabe sah Engels darin, nach dem Tod von Karl Marx im Jahr 1883 dessen Nachlass aufzuarbeiten. Dieser hatte nur den ersten Band des Monumentalwerks "Das Kapital" vollendet; er hinterließ seinem Freund über tausend Manuskriptseiten. In zwölfjähriger intensiver Arbeit publizierte Engels Band 2 und 3, wobei seine redaktionelle Tätigkeit heute kritisch gesehen wird. Bis zu seinem Tod am 5. August 1895 bekämpfte Engels die verheerenden Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems und setzte sich weiter für die marxistische Arbeiterbewegung ein - im Sinne von Jacques Derrida, der in "Marx’ Gespenster" feststellte: "Der Marxismus ist immer noch notwendig, doch nur unter der Voraussetzung, dass man ihn verändert und an neue Bedingungen und an ein anderes Denken des Ideologischen anpasst."

Literaturhinweise:#

  • Lars Bluma (Hrsg.): Friedrich Engels. Ein Gespenst geht um in Europa. Begleitband zur Engelsausstellung 2020. Bergischer Verlag, 377 S., 24,70 Euro.
  • Jürgen Herres: Marx und Engels: Porträt einer intellektuellen Freundschaft. Reclam 2018, 313 S., 28,50 Euro.
  • Tristram Hunt: Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand. List Verlag 2013, 592 S., 14,40 Euro.

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF.

Wiener Zeitung, 29. November 2020